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DerGraf.| Ein paar Tauben flogen über den Platz. Maximilien schaute ihnen einen Moment hinterher, vergaß die Menschen, die um ihm herum saßen, vergaß die nach Blut schreiende Meute, die sich dort unter den Tauben auf dem Platz tummelten. Wie elegant sie doch über den vielen Köpfen mit ihren Flügeln schlugen, sich in der Luft hielten. Schließlich ließen sie sich auf eines der hohen Dächer nieder und betrachten scheinbar gebannt den Mittelpunkt des Platzes, das eindrucksvolle Holzgebilde mit der das Sonnenlicht reflektierenden Klinge. Es erinnerte Maximilien an das, auf dem er selbst gerade saß. Nur ohne die Klinge. „Endlich. Er hat zu lange gedauert, dieser sinnlose Versuch, sich dagegen zu wehren“, ertönte neben Maximilien die Stimme St. Justs und riss ihn aus seinen Gedanken. Als er in dessen Gesicht blickte, erkannte er pure Freude und Befriedigung. Ach, könnte er nur auch so empfinden, so einfach, so oberflächlich. „Der heutige Tag stand schon lange vor Dantons Reden vor dem Tribunal fest.“, fuhr St. Just fort und Maximilien nickte nur abwesend. Er dachte an das Pamphlet, das Camille verfasst hatte. Das Wort „Blutmessias“ hallte in seinem Kopf wider. Warum wurde er so genannt? War das der gerechte Lohn für seine Verdienste um das arme Volk? Was hatte er denn Schlimmes getan, dass Camille ihn so nannte? Die Revolution musste vollendet werden und heute würde ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan werden. Oder etwa nicht? Er legte sein Gesicht in die Hände und dachte nach. „Was bewegt dich?“, wieder St. Just, „Warum die Augen schließen, wenn doch bald die Köpfe der Feinde fallen?“ Maximilien schaute auf und blickte St. Just auf eine gequälte Art an. Dieser wandte sofort ein: „Wir tun das Rechte. Der Vorteil des Angriffs darf nicht verloren werden“ „Aber rechtfertigt das die heutigen Opfer?“ „Du hast sie selbst abgesegnet. Die Entscheidungen hast du gefällt“, Unverständnis schwang in seiner Stimme mit. „Aber was wenn ... wenn ... wenn“, Maximilien begann zu stottern. Etwas wie Ekel war in St. Justs Gesicht abzulesen, als er den Schwäche zeigenden Unbestechlichen sah. Er neigte seinen Kopf ganz nah neben den Maximiliens und flüsterte ihm vollkommen ruhig direkt ins Ohr: „Ist der Blutmessias etwa des Blutes müde?“, Maximilien raubte es bei diesen Worten den Atem, „Will er sich das Blut von den Händen, den Armen, dem Gesicht waschen, das er sich einst so genüsslich über den Körper laufen ließ? Aber was ist der Blutmessias ohne das Blut?“ „Dann ist er derjenige, der geopfert wird“, schloss Maximilien mit resignierender Stimme. Stille. Sogar die Bevölkerung Paris schien für einen Moment innezuhalten. „Du hast Recht, mein guter St. Just“, sagte Maximilien mit fester Stimme. Das Getöse vom Platz vor ihm drang wieder bis zu seinen Ohren. „Die Feinde der Republik müssen sterben. Ich darf jetzt nicht straucheln“. St. Just antwortete mit einem zufriedenen Nicken und wandte seinen Blick auf den Platz. „Es geht los“, rief dieser zugleich und Maximilien folgte St. Justs Blick. Dort kamen sie. Die Wagen rollten langsam heran und blieben schließlich unweit der Guillotine stehen. Das Volk sang gerade vom Herrn Véto. Die Gefangenen sangen scheinbar auch, doch konnte Maximilien weder Melodie noch Text vernehmen, die in dem Freudengesang der Tugendhaften unterging. Diese umkreisten auch zugleich die Verurteilten. Zu gerne hätte Maximilien gehört, welche Worte aus den Mündern der Frauen drangen. Aber allein ihre keifenden Gesichter machten ihn glücklich. Für einen kleinen Moment, es war wohl nur eine Sekunde, ragte Dantons Kopf aus der Menge heraus. Seine Augen waren auf Maximilien gerichtet und ihm wurde kalt. Dieser Blick, in seiner Härte und Erbarmungslosigkeit, durchschien ihn förmlich. Derselbe Blick, mit dem Danton ihn schon zuvor gemustert hatte. Wo die Notwehr aufhört, fängt der Mord an, hallte es durch seinen Kopf. Die Revolution muss zu Ende gebracht werden. „Die Tugend muss durch den Schrecken herrschen“, murmelte Maximilien. Ist denn da nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise, heimlich sagte, du lügst, du lügst! Aus der Menge erhob sich die Stimme Camilles, der mit wütendem Gesicht eine Frau anschrie. Anschließend stieg er mit bedeutender Gestik zur Guillotine vor, die anderen folgten ihm. Sie wechselten untereinander noch ihre letzten Worte, Hérault, so schien es, wollte Danton noch ein letztes Mal umarmen, doch einer der Henker verhinderte es. Dann begann es. Zuerst Camille, sein guter Camille. Er war schon mit ihm auf das Collège gegangen. Dann trafen sich wieder die Blicke Maximiliens und Dantons. Du lügst, du lügst! Maximilien hätte schreien mögen, doch er konnte nicht. „Ich lüge nicht! Mein Gewissen ist rein! Die Tugend muss durch den Schrecken herrschen, das Laster bestraft werden! Die gute Gesellschaft ist noch nicht tot!“, Robespierre atmete sehr schwer bei diesen Gedanken. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, er versuchte die Gedanken zu verdrängen. Das Zischen der Guillotine, das Jubeln der Tugendhaften. Robespierre riss seinen Kopf wieder hoch, dem Blutgerüst zu. Dort stand nun nur noch Danton. Die Härte war aus seinem Gesicht gewichen, es war blass und er zitterte vor Angst. Angst vor dem Tod. Man darf die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen treffen Danton wurde unter die Guillotine gestoßen, sein Kopf positioniert. Blitzartig stand Maximilien auf. Hörst du Fabricius? Es starb kein Unschuldiger! Maximilien wollte eingreifen, schreien, die Klinge aufhalten. Danton hatte doch ... Ein letztes Zischen. Dantons Kopf fiel in den Korb, das Blut schoss ihm hinterher. Maximilien jedoch hatte das Gefühl, als würde sich das Blut direkt über ihn ergießen. In die Augen spritzend, ihn erblinden lassend, sich den Weg durch Nase und Mund in die Lunge bahnend. Er bekam keine Luft. „Jetzt weiß ich, was in mir das andere belog“, dachte er. „Es lebe die Republik! Nieder mit den Verrätern und Heuchlern!“, schrie das Volk in überschwänglicher Freude. Maximilien weinte. |
www.keinVerlag.de/198962.text| Anmerkung von DerGraf: Stammt aus meiner Facharbeit. Behandelte das Drama Dantons Tod von Georg Büchner. Ich habe mit dieser produktionsorientierenden Arbeit versucht Maximilien Robespierre dem Leser symphatisch zu machen (ganz einfach gesagt; auf komplizierte Weise könnte ich es nicht erklären). Die Lektüre von Dantons Tod empfiehlt sich, um diesen Text zu verstehen, da viele Dialoge oder Gedanken Zitate aus diesem Drama sind. Einfluss auf meinen Text hat auch Max Gallos "Robespierre" genommen. |
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