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Sinnlos oder Gedanken an einem Regentag

Kurzgeschichte zum Thema Befreiung
von hier klicken lalilu.

Der Regen prasselte gegen die Scheiben, ein Auto fuhr vor dem Fenster durch eine Pfütze, ließ das Wasser gegen eine Passantin spritzen, die daraufhin empört mit ihrem Schirm wackelte. Ein Vogel stieß sich vom Fenstersims eines alten Backsteinhauses ab, vielleicht um nach einem Wurm zu suchen, der die Feuchtigkeit für einen Spaziergang an der Erdoberfläche nutzte. Ein Baum wiegte sich im Wind, einige Blätter tanzten zu Boden, wo sich ein kleiner, schwarzer Käfer schutzsuchend unter einem von ihnen verkroch. Der Himmel war wolkenverhangen, nur grau in grau in grau, und am Horizont die Berge, schemenhaft nur, aber doch zu erkennen.

Schaute man sich diese Szenerie an, lag der Gedanke an etwas anderes fern, die Vorstellung, das zwischen dem Grau noch einmal ein kleiner Streifen Blau zu sehen sein sollte, wirkte lächerlich unwahrscheinlich, genauso wie die Möglichkeit, dass der Wasserstrom, der vom Himmel ausging, einmal abreißen würde.

In diesen Augenblicken wirkt die Welt verlassen, selten nur lässt sich ein Mensch auf der Straße sehen, und wenn doch, dann meist nur unfreiwillig, wenn einen die alltägliche Pflicht dazu zwingt. Niemand, so scheint es, setzt bei diesem Wetter aus freien Stücken einen Fuß vor die Tür, die Traurigkeit, die einem entgegenschlagen würde, lässt sich gut genug durch das verschlossene Fenster erahnen (kaum einer kommt je auf den Gedanken, dass es gerade diese Fenster sind, die dieses natürliche Schauspiel so abschreckend erscheinen lassen).

Nun hatte auch die Passantin die Straße verlassen, selbige war vollkommen leer von jeglichem Leben – der Augenblick war gekommen, so entschied Jean, dem ganzen ein Ende zu setzen.

Er allein, ein Mann in den Mittzwanzigern, stand in der wenig einladenden Kälte auf einem Balkon, genoss die Regentropfen auf der Haut, fühlte bewusst jedes kleine Rinnsal, das sich seinen Weg über sein Gesicht suchte. Die Haare klebten ihm am Kopf, Wassertropfen hingen in den Wimpern, die dünne Jacke schirmte das Hemd und den darunter liegenden Körper nur dürftig gegen die Feuchtigkeit ab. Jean war barfuss, seine Zehen krümmten sich auf dem Betonboden unter ihnen. Mit geschlossenen Augen bewegte sich ihr Besitzer langsam vorwärts, Schritt für Schritt, die Arme ausgestreckt, die Finger vorsichtig tastend, bis sie auf einen Widerstand stießen. Jean riss die Augen auf, starrte zuerst in den Himmel, der immer noch grau war, von dort würde wohl keine Erlösung kommen, dann hinab auf die Straße; sieben Stockwerke bis zum Boden, auf dem Asphalt flatterte eine leere Plastiktüte im Wind.

Der Mann trat noch einen Schritt näher an das Geländer heran, stieg auf den Stuhl, den er bereit gestellt hatte; langsam, vorsichtig richtete er sich auf, fasste in die Innentasche seiner Jacke und zog einen kleinen, mehrfach gefalteten Zettel hervor. Seine Finger waren kalt, nur mühsam gelang es ihnen, das Blatt zu öffnen. Mit seinen eisigen, blauen Augen starrte Jean noch ein letztes Mal das Geschriebene an, ohne es wirklich zu lesen, längst konnte er es auswendig – hatte er nicht lange genug auf diesen Augenblick gewartet?

Mit einem verzweifelten Ausdruck im Gesicht knüllte der Gescheiterte das Stück Papier in seinen Händen zusammen, formte eine Faust um den Zettel, schloss erneut die Augen und bereitete sich auf diesen letzten Schritt vor, wenn er sich diesmal überwand, hatte er es geschafft, dann würde es vorbei sein, ein für alle mal. Ein letztes Zögern, ein letzter tiefer Atemzug, dann streckte Jean den Arm aus, öffnete die Faust, und beobachtete selbstvergessen, wie sich das durchweichte Stück Papier aus seinen Fingern löste, vom Wind erfasst wurde, einige Meter durch die Luft wirbelte und dann fiel, langsam, träge schaukelnd, bis es auf dem Asphalt liegen blieb.

Jean stieg von seinem Stuhl hinab, und ohne einen weiteren Blick zurück zu werfen, ging er hinein, endlich ins Trockene, mit der Gewissheit, endlich das Richtige getan zu haben.

Der Regen hatte aufgehört, langsam stahlen sich blaue Streifen in die graue Masse am Himmel, ein schüchterner Sonnenstrahl streifte die Dächer der Häuser. Unbemerkt von einer jungen Frau, die auf der Straße vor Jeans Haus entlangging, lag das Blatt Papier auf dem Boden – hätte sie es gesehen, hätte sie es aufgehoben, dann hätte sie dort Worte finden können, die eine zitternde Hand mit Bleistift darauf geschrieben hatte, kaum noch lesbar, als kämen sie aus einer fernen Vergangenheit. „Adieu, Welt, wo ist der Sinn?“, stand dort, und darunter, noch kleiner geschrieben, kaum noch zu entziffern: „Sag es mir, und dieses Blatt landet nicht auf meinem Schreibtisch, wenn ich an einem weiteren Regentag zum Balkon gehe, sondern statt meiner selbst unten auf dem Asphalt. Sieben Tage für die Suche, ab jetzt ...“ Aber die Frau ging vorbei, direkt auf die Tür des Hauses mit der Nummer fünf zu, das Haus, in dem sich Jeans Appartement befand, und mit einem Lächeln drückte sie den Knopf seiner Türklingel.

URL dieses Textes: hier klicken www.keinVerlag.de/197933.text

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Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

Kindermund Kommentar von hier klicken Kindermund (16.05.2008)    diesen Kommentar melden
Deine Worte stricken eine ganz außergewöhnliche Melodie. Dadurch ist der Text wunderbar zu lesen! Nu der letzte Absatz muss ich sagen, ist etwas verwirrend. Im Brief von Jean hast du um eine Ecke mehr gedacht, als du dem Leser mitteilst, dadurch kommt das Verständnis abhanden. Vielleicht kannst du da noch was machen.
Liebe Grüße
Jule

hier klicken lalilu meinte dazu am 16.05.2008: Dankesehr. Ich kann deine Kritik möglicherweise nachvollziehen, allerdings auch nur, weil das schon einmal bemängelt wurde. Allerdings weiß ich nicht, wo genau das Verständnisproblem bei dem letzten Absatz liegt, vielleicht kannst du mir da etwas auf die Sprünge helfen? Dann denke ich evtl über eine Änderung nach =)
Gruß
lars
hier klicken Kindermund antwortete darauf am 16.05.2008: „Adieu, Welt, wo ist der Sinn?“, stand dort, und darunter, noch kleiner geschrieben, kaum noch zu entziffern: „Sag es mir, und dieses Blatt landet nicht auf meinem Schreibtisch, wenn ich an einem weiteren Regentag zum Balkon gehe, sondern statt meiner selbst unten auf dem Asphalt. Sieben Tage für die Suche, ab jetzt ...“

Die Fragen, die sich stellen:
Wann ist der zettel geschrieben worden?
Ist der "weitere Regentag" der beschriebene Regentag oder der danach?
Was bedeutet es, wenn der Zettel auf dem Schreibtisch liegt?
Hat er den Zettel von Anfang an als Brief geschrieben? Oder war er mal als Abschiedsnotiz gedacht?

Auch scheint mir das mit der Frau, die an der Tür klingelt zwar zu Ende gedacht, aber nicht zu Ende gechrieben.

Ich hoffe, ich konnte dir helfen und bin gespannt darauf, was noch von dir kommt :)
lg
hier klicken lalilu schrieb daraufhin am 17.05.2008: Nun, ich werde versuchen, deine Fragen zu beantworten - gemeint ist es folgendermaßen:
Der "weitere Regentag" ist der Tag, von dem erzählt wird; der Zettel ist als Abschiedsbrief geschrieben worden, sieben Tage vor dem "Regentag" (gleichzeitig ist "Regentag" als Bild für die Gesamtlebenssituation Jeans gemeint: Das Wetter als Spiegel seines Inneren). Hätte der Brief auf dem Schreibtisch gelegen, wäre es zu spät gewesen: Jean plante, Hand an sich selbst zu legen, sofern er nicht innerhalb einer Woche einen Sinn in seinem Leben finde könne. Mit der Frau ist dieser Sinn in sein Leben "eingedrungen"; das Beschriebene ist als Abschiedsritual von dem "alten Jean" gemeint; indem er den Brief vom Balkon wirft, befreit er sich selbst aus seinem traurig-melancholischen Zustand.

So ist es gemeint, und ich hoffe, es ist auch verständlich, wenn man den Text liest. Eigentlich würde ich ungern nochmal etwas ändern - ich wollte den Leser nicht unmittelbar damit konfrontieren, sondern die Geschichte bewusst etwas verschlüsseln. Allerdings wäre es nicht gut, wenn der "Schlüsselabsatz" erst verständlich wird, wenn ich eine Erklärung dazu abgebe ;-)
Danke für die Präzisierung =)

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wupperzeit Kommentar von hier klicken wupperzeit (24.05.2008)    diesen Kommentar melden
Ja, lasse den Text ruhig, wie er ist, so meine Meinung, ich habe das mit dem Zettel sofort verstanden, und wenn selbst ich das verstehe...Was ich außerdem glaube: Der Text passt sehr gut in Euer Projekt, schwarz auf weiß wird eine Antwort gesucht und dann konkret, real gefunden, so sollte es ja immer sein, Andreas
(Kommentar korrigiert am 24.05.2008)

hier klicken lalilu meinte dazu am 25.05.2008: Freut mich, wenn er doch einigermaßen verständlich ist. Außerdem bin ich der Meinung, dass nicht jede Bedeutung immer auf dem Präsentierteller zu finden sein sollte - ein wenig verschlüsselt darf ein Text schon sein, sofern ein Entdekcen der Aussage grundsätzlich möglich ist...

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para.gone Kommentar von hier klicken para.gone (28.05.2008)    diesen Kommentar melden
Hallo lalilu,

mir gefällt dein Text sehr gut. Ein guter Text ist ein Text, der überrascht, und das tut dein Text. Ich hab' Schmunzeln müssen, als auf die Wetterbeschreibung die Suizidabsicht folgte - hätte nie damit gerechnet - und auch, als ich dann gelesen hab', dass er nur den Zettel und nicht sich 'runtergeschmissen hat.

Den Anfang find' ich super, die verschiedenen Perspektivwechsel im Zusammenhang mit verschiedenen Lebensformen - lässt wunderbaren Interpretationsspielraum angesichts des weiteren Plots.

Im Mittelteil fehlten mir ein wenig die Emotionen, ich konnte mich aufgrund deiner Beschreibung nicht so recht in die Situation 'reinfühlen - vielleicht könntest du darauf achten, solche Erlebnisse in zukünftigen Geschichten, öh, plastischer zu beschreiben. Näher, emotionaler. Weißt, was ich mein?

Wetter als Spiegel für die Gefühle, nun ja, ist okay, ist aber halt auch ein bisschen ausgelutscht. ;)

Das Ende solltest du auch meines Erachtens so lassen, wie du's hast, ich bin eine sehr große Freundin von Denken, man sollte bitte denken müssen, um Literatur zu verstehen. Es wirkt sehr überraschend und ist imo auch gut geschrieben, ich denk' auch, dass man's recht schnell versteht.

lG para.gone

hier klicken lalilu meinte dazu am 06.06.2008: Danke für den Kommentar =) freut mich, dass auch du meine Ansicht bezüglich des Endes teilst...ich glaube, ich weiß auch, was du mit "emotionslos" meinst; in diesem Fall waren die eher nüchtern-beschreibenden Formulierungen Absicht (frag nicht warum, es war so ein Gefühl, als ich den Text geschrieben habe). Grundsätzlich kann ich die Kritik aber durchaus nachempfinden =)

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