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DerGraf
Veröffentlicht am 26.03.2009. Dieser Text wurde bereits 213 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 08.09.2010.
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warum menschen dinge tun

Kurzprosa zum Thema Gewalt
von hier klicken DerGraf.

da. schau mama. dort. siehst du es nicht? dort hinten. auf der straße. da läuft jemand auf der straße. magst du ihn für mich überfahren?
ich werde die beste tochter der welt sein. meinen teller immer leer essen. nie wieder schreien und fluchen. dich lieben. wenn du ihn überfährst. nie wieder werde ich andere kinder schlagen oder ihnen sagen dass sie fett sind. oder dass ihre mütter schlampen sind. und die tanten im kindergarten werde ich nicht mehr anspucken.
siehst du ihn denn nicht? er läuft da vorne. er ist ganz alleine. niemand würde sehen wie wir ihn treffen. es ist dunkel und niemand ist hier. nur der mond. und wir. magst du ihn für mich überfahren? ich mag verstehen warum menschen dinge tun.
in meinem kopf. da liegen menschen im sand. er ist rot. manchmal wenn ich buddel, dann ist auch da alles rot. da sind ruinen. manchmal ist unser haus zerstört. ich seh brennende autos und menschen ohne gesichter mit brennenden händen. da sind flugzeuge in häusern. wenn ich flugzeuge höre habe ich angst. ich mag verstehen. daniels blaues auge nach der schule. weinende eltern die einander halten. verbrannte löcher im boden. alle sind in meinem kopf. warum? ich muss verstehen warum menschen dinge tun.
du musst ihn für mich überfahren. warum liegt der mensch im sand. warum fliegt das flugzeug ins haus. warum müssen die eltern weinen.

bitte


halt an.
lass uns aussteigen. ich mag ihn sehen.
er liegt weiter hinten. er ist weit geflogen. wo liegt er denn? es ist so dunkel. warte ich höre etwas. das muss er sein. du zitterst mama? hab keine angst du hast nichts falsches gemacht. er war bestimmt auch böse. alle menschen sind böse. vielleicht hat er kindern süßigkeiten angeboten oder papas reifen durchstochen oder wälder angezündet oder nele überfahren. sie war ein guter hund. alle menschen müssen böse sein.
dort liegt er. die beine sehen komisch aus wie sie da liegen. so als würden sie sagen: ich will nicht zu dir gehören. die menschen in meinem kopf sagten nie etwas. sie sind ganz tod. still. und sauber. und schau da. sie ist schmutzig. in matsch ist sie gefallen. und die arme. da liegt eine marionette im dreck deren fäden fallen gelassen wurden.
lass uns noch näher ran. zerr nicht. ich mag das gesicht sehen.
oh es ist eine frau. siehst du die langen haare? ganz schwarz sind sie und sie glänzen rötlich. und schau. sie ist fett. einen ganz dicken bauch hat sie. warum weinst du mama? sie ist fett. steh wieder auf. was ist los?

sie bewegt sich noch. sie zittert. ich glaub sie will was sagen. da ist ein röscheln. sei doch still. ja es kommt von ihr. wir haben sie ganz schön getroffen. sie sieht ganz zerknautscht aus. lass uns näher rangehen mama. schauen wir sie uns genauer an. man muss sehen um zu verstehen. dann bleib halt hier.
es ist gar kein matsch, es ist rot. alles rot. das rot kommt von ihr.    blut.  sie blutet stark. sie liegt da. auf ihrem dicken bauch. in sich selbst. hallo. kannst du reden? mama sie kann. sie flüstert. ganz leise.
warum. sie fragt warum. warum hast du das getan fragt sie mich. warum hast du mir und ihm das angetan. mama. wen meint sie mit ihm? warum ist ihr bauch so dick?

da ist ein kind drin? ein kind wie ich? mama sie hört nicht auf zu fragen. immer nur warum. was soll ich ihr antworten? warum. warum. warum.    warum tun menschen dinge? mama war sie ein böser mensch? war das kind ein böser mensch? bin ich ein böser mensch.
bin ich ein böser mensch? warum? warum haben wir sie überfahren?


mama lass mich los. lass mich runter. nicht so schnell. wohin läufst du? in meinem kopf liegt eine frau in der dunkelheit in sich selbst mit durchgeschnittenen fäden einem dicken bauch mit einem kind das darin schläft. sie sah nicht böse aus. sie hat keine wälder angezündet oder nele überfahren oder flugzeuge in häuser geflogen. ich habe wälder angezündet. ich habe flugzeuge in häuser geflogen. ich hab nele überfahren. warum? warum habe ich dinge getan?
mama. warum?
warum. tun. menschen. dinge.
ich will es verstehen.    ich muss verstehen.

Bitte.

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Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

Martina Kommentar von hier klicken Martina (26.03.2009)    diesen Kommentar melden
Oh..das war aber hart...Hatte glatt Gänsehaut...Liebe Grüße Tina
hier klicken DerGraf meinte dazu am 27.03.2009: Schön. Genau das wollte ich erreichen.

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HvidLiljer Kommentar von hier klicken HvidLiljer (26.03.2009)    diesen Kommentar melden
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte die Einzelheiten erfasst. Ich finde den Ansatz gut und eine Stelle hat mir eben am Meisten gefallen. Die Aussage, daß alle Menschen böse sind & die Tatsache, daß das Ungeborene nie die Gelegenheit hatte, es unter Beweis zu stellen. Also, sind alle Menschen böse?

Liebe Grüße,
Lizzy

hier klicken DerAnalysepatient meinte dazu am 26.03.2009: Bereits die Einleitung ist so kontrovers und spannend, dass man gar nicht anders kann als fertig zu lesen. Hat sich gelohnt: Dir gelingt es die Aufmerksamkeit bis zum Schluss zu halten.

Die technische Kritik zwecks Satzbau usw. überlasse ich den Profis hier. ;-)
hier klicken DerGraf antwortete darauf am 27.03.2009: Ich glaube, jeder Mensch hat eine böse Seite - mehr oder weniger ausgeprägt. Mir geht es hier aber eher um die Existenz von Gewalt und die Frage, warum Menschen (schlimme) Dinge tun; weniger, ob sie generell böse sind. Wobei das ungeborene Kind natürlich nicht böse sein kann und daher auch in jeder Hinsicht unschuldig ist.

Auf die Einleitung bin ich sogar ein bisschen stolz. Und mit dem Satzbau, dem Weglassen der Kommata und den Punkten (wo eigentlich ein Fragezeichen hingehören würde) will ich den Leser dazu zwingen, den Text mit voller Aufmerksamkeit zu lesen. Da steckt auch ein bisschen die Hoffnung drin, dass man bei dieser Auseinandersetzung den Text von der Stimme des Mädchens "vorgelesen" bekommt, in der Unverständnis und inneres Chaos herrscht. Keine Ahnung, ob mir das gelungen ist...

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