Neuro-Erotik, fair abgebrüht

Tragikomödie zum Thema Abenteuer

von  EliasRafael

Wir schlenderten an diesem Novembertag Hand in Hand durch die Stadt. Eine für uns ungewohnte Harmonie. Eventuell hervorgerufen dadurch, dass wir sehen konnten, wie die Händler die ersten Hütten für den bevorstehenden Weihnachtsmarkt aufbauten. Psychotrope Reizwörter. Das Fest der Liebe, trügerische Harmonie.

Nadjas Stimmungswechsel kam abrupt. Tief im Inneren ihres Limbischen Systems kehrte sich die Polarität einiger Neurotransmitter um. Freude wurde zu Schmerz. Hell zu Dunkel. Weiß zu Schwarz. Heiß zu Kalt. Äußerlich konnte man lediglich ein Zucken ihres linken Augenlids wahrnehmen, und ihr ohnehin asymmetrisches Lächeln wurde noch ein wenig linksschiefer, doch mich bedröhnte der Umschwung so heftig wie der Kanonendonner nach einer Grenzverletzung der militärischen Demarkationslinie, die Korea in der Mitte teilt. Der Norden, der Süden, zwei Pole, Kanonen, Neuronen, Schüsse, Erotik.

Ich lächelte dennoch brav zurück und küsste Nadja zärtlich auf die Nasenspitze, streichelte ihr dann sanft über die rechte Wange, während ich mit der freien Hand fest in ihren linken Arm kniff. „Alles wird gut.“ Ihr Atem beruhigte sich ein wenig. „Willst du mich jetzt verlassen, oder gehen wir zusammen einen Kaffee trinken?“, versuchte ich der Situation die Schärfe zu nehmen, und kniff ihr nochmals etwas weniger fest in den Arm und zeigte dann auf das Café auf der gegenüber liegenden Straßenseite. „Der Kaffee dort schmeckt sehr lecker. Nachhaltiger Anbau. Fair abgebrüht.“

Nadja blickte mich verwirrt an. Ein Handy klingelte. Nervös löste sie sich aus meinem Griff und trat einen Schritt zur Seite. Sie begann in ihrer Handtasche zu kramen. Das Klingeln wurde schriller. Ihre Suche hektischer. In meinem Kopf oszillierte der Ton zu einem Tinnitus artigen Pfeifen. Aber das war nur in meinem Kopf, nur die Neuronen, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Ich registrierte Schweißperlen auf Nadjas Stirn. Endlich gefunden. Sie atmete wieder schneller. Ihre Finger tänzelten über das Display, während sie sich von mir wegdrehte. Es wurde still. Auch in meinem Kopf. Ich blickte Nadja von hinten an. Ihre Silhouette war schön, so schön, sie wirkte angespannt, was sie noch schöner aussehen ließ. Sie hielt sich das Handy verkrampft an das linke Ohr. Sinistere Botschaften schienen in ihren Geist zu dringen, neurale Manipulation aus dem zellularen Äther.

Ich wollte mich ablenken und wandte mich zu dem Café gegenüber. Im Außenbereich waren ein paar Hochtische aufgestellt. Ein warmer Milchkaffee an der frischen Luft würde bei dem trockenen aber kühlen Herbstwetter gut tun. „Fick dich!“, schrie Nadja hinter mir. Die Worte galten dem Anrufer, doch ich spürte ihren eiskalten Blick, der auf mir lastete. Ich schauderte, heißer Kaffee würde vielleicht nicht reichen, und schaute zaghaft zu ihr. Wütend steckte Nadja das Handy zurück in die Handtasche. Ihre Stirn runzelte sich finster. "So ein Arschloch." "Wer?" "Niemand."

Ich zeigte auf das Café und erinnerte sie mit einem leicht debilen, freundlich-naiven Gesichtsausdruck an mein Angebot. "Komm schon. Das wird uns gut tun." "Es war nichts. Entschuldige. Er kontrolliert mich. Er hat kein Recht dazu. Ich hasse ihn." Ich spürte den Krieg der Neurotransmitter in ihrem Gehirn. Polsprünge wie bei einem arktischen Hürdenlauf. Donnerhall. Die feinen Härchen an meinen Unterarmen stellten sich auf. Sie trat nah an mich heran, ganz nah. So nah, dass die Funken sprühten, sich einige der Botenstoffe auf meine Nervenbahnen verirrten, mich weiter verwirrten. Nadja küsste mich vorsichtig, dann stürmisch. Mein Atem wurde unruhig.

Mein Stimmungswandel kam abrupt. Kaum wahrnehmbar nach außen, zog im Inneren ein Neuronengewitter auf. Schmerz wurde zu Freude. Dunkel zu Hell. Schwarz zu Weiß. Kalt zu Heiß. Ich fühlte, wie meine immer noch aufgerichteten Körperhärchen an ihren Enden zu schmoren begannen. Steif und unfähig mich zu bewegen, stand ich auf dem Gehweg. Nadja nahm meine Hand und zog mich langsam über die Straße rüber in das Café. Dort angekommen bugsierte sie mich an einen der Tische und beschied mich zu warten. Und ich wartete eine Weile, wie in Trance, und spürte wie das Gewitter sich abschwächte.

Schließlich kehrte Nadja mit zwei Milchkaffee an unseren Tisch zurück. Sie lächelte. Die heiße Flüssigkeit schmerzte auf meiner Zunge und meine Spannung ließ weiter nach. Ich blickte Nadja forschend an. Sie lächelte immer noch und hielt ihre Tasse mit beiden Händen fest. Mein Handy klingelte. Im Display ein Name. Ihr Name. Ich drückte den Anruf weg und beugte mich über den Tisch zu Nadja, zog ihr Gesicht vorsichtig zu mir, um sie zu küssen. Ihre Lippen waren warm. "Soll ich dich verlassen?", hauchte ich sie mit einem leicht provozierenden Unterton an. "Vielleicht. Aber erst morgen früh, verdammt nochmal." Sie lachte. Unsere Neuronen tanzten. Frisch angeregt durch den fair abgebrühten Kaffee.

Was das genau bedeuten soll, bleibt mir jedoch ein Rätsel.

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