Fragment 2

Kurzprosa zum Thema Ausbrechen

von  Ganna

Meine Hütte ist meine Höhle, meine Geburtshöhle für einen zweiten Lebensversuch, meine selbstgewählte und selbstgeschaffene Gebärmutter, allein im Wald, weitab vom Dorf, selbst gebaut und unsichtbar für den Rest der Welt. Hier bin ich sicher, denn hier bin nur ich. Obwohl im Dorf bekannt ist, dass ich hier wohne, verirrt sich nur selten jemand hierher. Hier habe ich meine Ruhe und meinen Frieden. Andere Menschen besuche ich nicht oft, manchmal, wenn ich Honig kaufe oder sich ein Schaf hierher verirrt, das nach Hause gebracht werden will. Ansonsten meide ich die Berührung, denn ich bin nicht wie sie und sie sind nicht wie ich. Sie gehören zu denen, die es irgendwie schaffen, so zu leben, wie der Durchschnitt es tut, sich zu verhalten, wie man oder frau sich verhält oder sie glauben, sich verhalten zu sollen. Denn in jedem schlummert dieses Anderssein. Für jeden ist es möglich aufzustehen und zu gehen, seine Situation zu verlassen und sich eine gänzlich neue zu schaffen, jederzeit, jetzt gleich.

Die Angst vor dem Unbekannten hält die meisten davon ab. Doch das Unbekannte liegt in ihnen selbst, mehr noch als in der wilden Natur. Es ist unvermeidlich, sich zu begegnen in der Abgeschiedenheit, dort, wo deutlich wird, dass man immer nur auf sich selber trifft. Es gibt Niemanden, der Anordnungen trifft und niemanden, der beschuldigt werden kann.  Ich bin voll und ganz verantwortlich für mich und alles, was hier geschieht, so weit ich dieses Geschehen bestimme oder beeinflusse.
Insofern gehöre ich nicht dazu, obwohl natürlich alle Menschen zur menschlichen Gemeinschaft gehören. Nur sind die einen mehr und die anderen weniger integriert. Man kann auch sagen, sie sind mehr oder weniger abhängig oder selbstbestimmt.

Ich brauchte diese Hütte. Sie stellt meine zweite Gebärmutter dar, da nach der ersten Geburt meines Selbst alles reichlich schief gelaufen war. Die Umstände waren darauf ausgerichtet, meine Seele abzutöten, mein Selbst, meine Würde und meinen Willen. Sie hätten mich fast umgebracht, seelisch und körperlich. Sie hätten beinahe nur einen willfährigen Körper übrig gelassen und noch nicht einmal diesen, einen Körper, der Zeugnis für den Sieg des Schmerzes des Mannes und der Frau abgelegt hätte, die für mein Dasein verantwortlich waren.

Dabei wollten auch sie normal sein, normal wie die Leute von nebenan, die, von denen man glaubte, sie seien so, wie man sein müsste. Sie konnten aber nicht so sein, da die Verhältnisse, unter denen sie aufwuchsen und leben mussten nicht normal waren. Ihre kranken Seelen haben an mich weitergereicht, was sie selber nicht heilen konnten. Sie mussten es tun, so wie alle Väter und Mütter ihre Verletzungen auf die eine oder andere Weise weitergeben, ohne dies zu wollen. Daher verzeihe ich ihnen heute, doch bis ich dahin gelangen konnte, musste ich einen weiten Weg zurücklegen bis hierher in den Wald.

Ich brauchte eine Neugeburt, einen Anfang aus mir selbst heraus, bei dem ich mich um mich kümmern konnte, nach meinen Bedürfnissen und bei dem meine Seele wachsen konnte, so dass sich ein heiler Mensch entfaltete. Ich brauchte diese Hütte im Wald und so viel ungestörtes Sein, wie meine wunde Seele nötig hatte.
Heilung braucht Zeit, ob es nun die Heilung einer Schnittwunde am Finger ist oder die einer geschundenen Seele, man darf sie nicht drängen, denn sie folgt eigenen Gesetzen. Doch sicher ist, wenn man es geschehen lässt und nicht behindert, strebt alles nach Genesung und heilt, gleich wie tief die Verletzungen sind.

Die Behinderungen aber gilt es auszuschließen. Daher musste ich ein ungesundes Umfeld verlassen und mich von familiären Strukturen befreien, die mir nicht gut taten. Krankhafte Verbindungen mussten abgebrochen werden, denn es waren ihrer zu viele.

In mir war ein Weg angelegt, den ich gehen musste. Dieser Weg wollte aus mir heraus erschaffen werden, so wie eine Spinne ihre Fäden, die sie zu einem Netz spinnt, in dem sie wohnen kann, aus sich heraus zieht.

Kommentare zu diesem Text

hagan (35)
(25.01.14)
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 Ganna meinte dazu am 26.01.14:
...ich danke Dir, es hilft mir zu erfahren, wie sich mein Text liest...

LG Ganna

 EkkehartMittelberg (27.01.14)
Ganna, dieser Text gefällt mir aus mehreren Gründen:
Ich empfinde seine Klarheit so wie Hagan.
Texte, die von Heilung handeln, haben meistens einen esoterischen und ideologischen Ansatz. Deiner überhaupt nicht.
Er wirkt auf mich, als wenn alles, was du schreibst, sich ganz natürlich ergeben hätte und gar nicht anders ablaufen konnte als so.
LG
Ekki

 Ganna antwortete darauf am 28.01.14:
Danke Ekki, es freut mich zu lesen, was Du schreibst, so soll es sein und so war es auch...vieles ergab sich, ohne dass es gewollt war, selbst mein Ausstieg war so nicht geplant, das Leben hält bestimmte Wege für uns offen und trifft seine Entscheidungen auch ohne uns...oder soll ich sagen, das Unterbewusstsein schlägt dem bewussten Handeln ein Schnippchen?

LG Ganna
Graeculus (69)
(27.01.14)
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 Ganna schrieb daraufhin am 28.01.14:
...auf diese Weise in Deutschland, das wäre sicherlich sehr schwierig, ich wohne in Südfrankreich und kam vor über 20 Jahren hierher...damals war es noch sehr einfach, sich unerlaubt im Wald eine Hütte zu bauen...geht heute schon auch noch, aber nicht überall...

...ich denke, es gibt sehr viele Aussteiger in Europa, man kennt sie nur nicht und weiß nicht von den Möglichkeiten und das aus gutem Grund...stell Dir vor, das würden mehr Leute machen...

liebe Grüße
Ganna

 Dieter_Rotmund (20.09.19)
Also dieser Vergleich Heim, Hütte = Gebärmutter ist schon ein wenig gruselig, um nicht zu sagen: eklig. Immerhin ist die Gebärmutter per se nur ein Heim auf (kurze) Zeit, draußen wartet das echte Leben.
Text hat interessante Stellen, baut diese spannenden Ansätze aber nicht aus und verliert sich in Nennung von Allgemeinplätzen. Vieles ist viel zu vage und unkorkret, das mindert die literarische Qualtität erheblich. Wolkig schreiben ist und war noch nie eine gute Idee.

 LotharAtzert äußerte darauf am 20.09.19:
… draußen wartet das echte Leben.
- erst das unechte und dann erst …??
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