Vorsicht!

Aufruf zum Thema KeinVerlag

von  Bergmann

„Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahm zu legen. Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre Sache. […] Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren. […] Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir. Jetzt seid Ihr nicht mehr unter Euch! Ich bin kein Mitglied des Reichstages. Ich bin ein Idi. Ein IdF. Ein Inhaber der Immunität, ein Inhaber der Freifahrkarte. […] Ein Idi hat freien Eintritt zum Reichstag, ohne Vergnügungssteuer zahlen zu müssen.“ - Joseph Goebbels, Der Angriff Nr. 18 vom 30.4.1928 

Der Ausschnitt aus einer Goebbels-Rede gewinnt wieder an Aktualität – nicht nur in der Politik unseres Landes, sondern auch auf kleinerer Ebene und im Alltag . 
Coolness löst heute früheres Träumen und Sichfallenlassen in selbstgewisse Bildungsinhalte ab – ich befürchte, dass Frustration und Ohnmacht umkippen in allgemeine, um sich greifende Depressionen, Burn-out-Ereignisse und in Selbstzynismus. Gesteigerte und skurrile Individualismen korrelieren mit zunehmendem Populismus. Verständlich angesichts wachsender Härte in der sozialen Wirklichkeit. Erschreckende Ausmaße gewinnt in unserer Zeit wiederkehrender Nationalismus mit neuen Führern in vielen Ländern der Welt an Macht, leider auch in Europa. Die Fälschung von Nachrichten und Fakten wird wieder zum propagandistischen Mittel. Die Demokratien stürzen in eine große Krise ... Ich will nicht reden von den gewaltigen ökologischen Gefahren im Zusammenhang mit Überbevölkerung und immer rücksichtsloser werdenden plutokratischen Wirtschaftsmechanismen. Die apokalyptischen Vorzeichen leiten sich in einem nicht geringen Maß her von der Unmündigkeit vieler Einzelner. Doch will ich die Katarakte der Jugend nicht zu diesen Vorzeichen zählen, wenn der Weg von der Unreife zur eigenen Aufklärung gelingt.
In diesem derzeitigen politischen Klima wirken Texte mit unterschwelligem Rassismus zerstörerisch. Und hier sehe ich die Grenzen jeder Toleranz. Daher der Auszug aus einer Goebbels-Rede.

Ich weiß, Erkenntnisprozesse verlaufen oft nicht ohne vielfältige (Selbst-)Verwundungen. Es gibt so viele Ausnahmen, und was wir für normal halten oder uns wünschen, zerrinnt uns zwischen den Fingern. Da hatte ich nicht nur einmal gedacht: Die Welt ist ein einziges Irrenhaus – und Tschechow hat in seiner Erzählung Krankensaal No. 6 gezeigt, wie fließend die Grenzen sein können.
Auch dann, wenn uns die notwendige Desillusionierung wieder mit beiden Beinen auf die Erde stellt, brauchen wir sie: die Imagination einer Welt, die wir ertragen können. Wir können ohne unsere Träumereien nicht leben. Die Welt mag noch so viel Absurdes aufweisen, aber sie ist nicht verkehrt; es ist die einzige Welt, die wir haben. Ich klage das Leben nicht an. Die Wirklichkeit ist ja ohnehin nicht für uns gemacht, sondern wir müssen uns eine Wirklichkeit erschaffen, in der wir gut leben können. Nach Cioran könnte reines Denken eine Fiktion unter anderen sein, ein Scheinsein – also handle! Wir können ohne Visionen, ohne Glauben, ohne Liebe die entsetzliche Tatsache unserer Sterblichkeit nicht aushalten. Jeder kann so viel träumen, wie er sich leisten kann. Manche suchen und finden Rettung in der Religion, anderen genügt der Trost der Philosophie. Wahrscheinlich irren wir am Ende alle.

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Anmerkung von Bergmann:

Leider ist auch kv nicht frei von Texten und Kommentaren, in denen unterschwellige Verhöhnung unserer Grundrechte im Grundgesetz und unserer Verfassungswirklichkeit provokativ mit der Tendenz zu Hass und Hetze anklingt - insbesondere bei MichaelKöhn und easy. Diese und vielleicht noch andere User, die kv als Plattform missbrauchen, sind mit dem Begriff Troll nicht adäquat bezeichnet.

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Kommentare zu diesem Text


 Habakuk (11.11.18)
Grundsätzlich m. E. ein guter Text. Die Mischung aus geschichtlichem Hintergrund und philosophischem Gedankenaustausch der Protagonisten im Rahmen der Figurenrede finde ich gelungen. Die explizite Verknüpfung mit kV und Nennung von Personen gefällt mir allerdings nicht. Der Text hat das nicht nötig.

H.

 autoralexanderschwarz meinte dazu am 11.11.18:
Sehe ich ähnlich. Dem ist m. E. nichts hinzuzufügen.
Gruß
AlX

 princess antwortete darauf am 11.11.18:
Eigentlich wollte ich einen eigenen Kommentar schreiben. Aber ich lande mit meinen Gedanken regelmäßig inhaltlich beim Erstkommentator. Genau so empfinde ich deinen Text ebenfalls.

Viele Grüße
p.

 loslosch schrieb daraufhin am 11.11.18:
oder es so angehen wie macron heute in seiner rede in paris im beisein von trump. (patriotismus versus nationalismus.)
Sätzer (77) äußerte darauf am 12.11.18:
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 RainerMScholz ergänzte dazu am 13.11.18:
an loslosch: Und das wäre doch genau der Ansatz, um mir das deutschsein nicht ständig stehlen lassen zu müssen von Hornochsen und zukünftigen Kriegsverbrechern.
Echo (34)
(12.11.18)
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 loslosch meinte dazu am 12.11.18:
unglaublich! und das schon 1997.

 toltec-head meinte dazu am 12.11.18:
Literarische Bildung verdirbt das Gespür dafür, das neue einer Situation zu erfassen.
Echo (34) meinte dazu am 12.11.18:
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 Dieter Wal meinte dazu am 12.11.18:
@ Echo: " Demokratiezerstörer Erdogan plant Europas türkische Zukunft per Bevölkerungsmehrheit"

Ruhe bewahren. Der Arzt ist gleich bei dir.
Echo (34) meinte dazu am 12.11.18:
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Echo (34) meinte dazu am 12.11.18:
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 loslosch meinte dazu am 12.11.18:
@echo: ich setze längerfristig darauf, dass die deutschlandtürken ihr fertilitätsverhalten dem der deutschen anpassen. allerdings muss die ghettobildung abgebaut werden. nur dann wird die rechnung von erdogan nicht aufgehen.

 Dieter Wal meinte dazu am 12.11.18:
"wie interpretierst du diese Forderung Erdogans an die Türken in Europa?"

@ Echo: Erdogan schwadroniert nationalistisch und rechtsradikal. Wenn er so schwallt, dann für seine Wähler, die offenbar auf Nazi-Suppe stehen. Das er das ernst meint, glaube ich weniger. Er bemüht sich ähnlich Hitler damals, die Wähler nationalistisch aufzuheizen und faselt von Größe und Wille zur Macht wie die Nazis vor ihm. Für ernstzunehmend halte ich seine Suppe nicht. E. müht sich sehr um seine dt. Wähler, da sie einen wichtigen Teil seiner Macht darstellen. Die sind oft derart von der braunen Suppe fanatisiert, dass mit ihnen nicht mehr zu reden ist. Entzweit selbst deutschtürkische Familien. Sehr traurig.

Antwort geändert am 12.11.2018 um 19:42 Uhr
Echo (34) meinte dazu am 12.11.18:
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 toltec-head (12.11.18)
Noch so ein Gauland ist Hitler und von Storch Himmler Text. Nicht sehr plausibel.

 Dieter Wal (12.11.18)
Lieber Uli,

du bereicherst kV durch das hohe Niveau deiner Texte und durch demokratische Überzeugungen, wohingegen andere Naziinhalte mit überwiegend qualitativ bei Schrott angesiedelten Texten bringen.

Der Goebbelsvergleich beschreibt den Sachverhalt treffend. Dass auch im sogen. realen Leben ähnliche Übernahmen stattfanden und zunehmend stattfinden werden, ist leider mehr als wahrscheinlich. Ich denke zB an den Präsidenten der USA oder unseren Innenminister.

Wie (nicht nur) auf Facebook Rechtspopulisten mittlerweile selbst in einer äußerst mitgliederstarken Freimaurergruppe Facebooks nicht allein den Ton angeben, sondern sich des Webmobbens Linksliberaler offen rühmen, findest du hier: https://www.afuamvd.de/freimaurerei-im-postfaktischen-zeitalter/?fbclid=IwAR2U_e8IrNghP0lrDluagVd3cV8DH65tJO8WYXPRth4vuhHDkVYw4VmQiss

Gruß
Dieter

Kommentar geändert am 12.11.2018 um 09:56 Uhr
Sätzer (77) meinte dazu am 12.11.18:
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Iphigenie (38)
(12.11.18)
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 Bergmann meinte dazu am 12.11.18:
Dank für die konstruktiven Kommentare.

Erdogan hielt die Rede mit dem Zitat aus einem Gedicht von Ziya Gökalp 1998 als Istanbuler Bürgermeister - und wurde dafür zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt, 4 davon saß er ab. Damals herrschte noch die strikte Trennung von Staat und Religion/Kirche. Meinungsfreiheit herrschte da schon nicht, und so kann (muss) die Türkei auf eine sehr sehr lange Geschichte der Menschenrechtsverletzungen zurückblicken.

An Frischs BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER hatte ich auch schon gedacht.

Ich werde den Bezug dieses Themas zu kv in die Anmerkung setzen.
Echo (34) meinte dazu am 13.11.18:
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 Bergmann meinte dazu am 13.11.18:
Ich finde es bedauerlich, wie der Webmaster an Autorität verliert, weil er den Durchblick verliert und nicht angemessen handelt.

 LotharAtzert meinte dazu am 13.11.18:
Bergmann, ich könnt kotzen, wenn ich solches eitle Schwadronieren lese. "... an Autotität verliert." usw.
Wer soll Sie denn jetzt noch achten?

 loslosch meinte dazu am 13.11.18:
bitte nicht reintreten. (hier wird gleich gekotzt.)
Iphigenie (38) meinte dazu am 13.11.18:
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 Bergmann meinte dazu am 13.11.18:
LotharAtzert,
schön, dass du so viel Gefühl hast! Nun sei ein Mann und kotz dich aus!

 Reliwette meinte dazu am 26.11.18:
Lieber Uli, es ist traurig, wie so ein wunderbarer Text zerredet wird. Dabei geht es - von der Philosophie her - überhaupt nicht um rechts oder links, sondern um Erkenntnisse und Wahrheitsgehalt.
Um die Wahrheit zu benennen, sollte Mensch die Geschichte der Menschheit möglichst objektiv erfassen und deuten.
Kieber Gruß!
Hartmut

 Dieter Wal meinte dazu am 15.12.18:
"Ich finde es bedauerlich, wie der Webmaster an Autorität verliert, weil er den Durchblick verliert und nicht angemessen handelt."

Sehe ich ähnlich. Andererseits gefällt mir seine für meine Verhältnisse übergroße Toleranz rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Textern auf kV gegenüber im Sinn der Meinungsfreiheit fast schon wieder, gerade weil ich da an seiner Stelle die Grenzen wesentlich enger zöge. Was mir im Gegensatz zu dir mehr leid tut, ist seine Toleranz gegenüber von mir als Trollen wahrgenommener Nutzer. Aber auch dort kann und sollte man durchaus völlig verschiedener Meinung sein, dass ich immer wieder zu dem Schluss komme, kV ist ein interessantes Forum. Das offene Konzept versammelt sehr Verschiedene, welche sich für Schreiben in allen möglichen Arten begeistern. :)

Klasse.

Antwort geändert am 15.12.2018 um 06:16 Uhr

 Bergmann meinte dazu am 16.12.18:
Lieber Dieter,
ich will gern gestehen, dass ist Jans Toleranz grundsätzlich großartig finde. Gut auch, wenn er den Dialog mit allen offen hält.
Ich zöge nur bei dem einen und anderen die Grenze enger. Dabei leitet mich keineswegs der Gedanke an Userschwund.
-
Noch etwas anderes, fast nebenbei:
Überraschend für mich ist die Niveausteigerung im Verhalten einiger Rüpel, die ich seit Jahren verdammte - Jack, fdöobsah, Lala. Doof sind die ja alle drei nicht. Nun zeigen sie allmählich, dass sie sich selbst kultivieren können. Das freut mich sehr.
Und ich stehe nicht an zu bekennen, dass mir dann solche Typen tausendmal lieber sind als die vielen Kuschelschreiberinnen hier oder die Psychopathen dieser Seite.
Und wenn kv auch nur noch 100 ernsthafte Autoren hätte, ich bliebe ihr treu. Aber nicht, wenn Rechtsausleger hier ihr Unwesen treiben im Namen einer allzu fragwürdigen Toleranz.

 Bergmann meinte dazu am 16.12.18:
Jans Diskussion über die Weiterentwicklung von kv im Thread "Bei 500 ist Schluss" schätze ich sehr! Chapeau!

Antwort geändert am 18.12.2018 um 21:43 Uhr

 Reliwette (19.03.20)
Ich habe mich bislang aus dem Disput herausgehalten. Von der Frage, ob rechtsextreme Texte bei KV nichts zu suchen haben, landete die Diskussion bei Erdogan und den Deutschtürken.

Ich spreche aus meiner Erfahrung mit einem Internetauftritt, in welchem es ein Diskussionsforum gab. Leider haben dort rechtsextreme Teilnehmer diese "Plattform" mit LInks überschüttet, so dass ich nahezu jeden Tag einen Kommentar löschen musste, was dazu führte, dass mir eine Zensur vorgehalten wurde. Ich musste leider meinen Webauftritt letztendlich löschen und von einem professionellen Webmaster neu aufbauen lassen und bei einem anderen Hoster hinterlegen.

Seitdem, sind Beiträge in meinem Blog nicht kommentierbar.
Was den KV anbetrifft, so steht der Webmaster vor dem gleichen Problem, außer, dass hier wohl keine LINKS eingebunden werden können. (https// ???). Die Frage reduziert sich auf die Einstellung: Redet Mensch mit Rechtsextremen oder schneidet man sie? Wenn eine Diskussion auf "Rechthaberei" hinausläuft oder die Verbreitung einer Ideologie, dann ist eine Diskussion um Inhalte wohl leider nicht möglich. Ich beneide den Webmaster nicht um seine -wie auch immer - Entscheidung nicht.
Mit freundlichen Grüßen!
Hartmut T.R.
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