Gedichte

Innerer Monolog zum Thema Denken und Fühlen

von  Mondscheinsonate

Aus dem Gedichte schreiben bin ich herausgewachsen, irgendwann, mir scheint, es war als ich mein Herz verlor und eine neue, nüchterne Sprache lernte, ja, ich kann sie nicht einmal mehr lesen, schon, aber ich sehe nur Worte und wenn diese nicht zusammenpassen, rein von der Logik her, dann ist es für mich inhaltlich eine Katastrophe. Gedichte muss man mit dem Herzen lesen, ich habe zwar eines, jetzt unkitschig formuliert, aber das ist blind geworden für Unlogisches und Liebe ist unlogisch für mich geworden, betrifft mich nicht mehr.  So kapierte ich die Lieblosigkeit, die mir entgegen geschleudert wurde erst nach dem siebten oder zwölften Mal, ich zählte das "on" und "off" nicht mehr, sah aber, dass die Sucht den kompletten Menschen einnahm, diesmal Synthetik, nicht nur Alkohol und dann ging ich und kam nie wieder, das ist jetzt zwei Jahre her und seitdem spüre ich mich nicht mehr, hatte zwar niemals einen Sinn für Romantik, jedoch jetzt nicht einmal mehr einen Funken davon, bin nur noch Hülle, ein Mensch, der Tag und Nacht lernt, sich niemals Entspannung gönnt, nie wieder einen Mann getroffen hat, keine Dates, keine Küsse, keinen Sex, nur Bücher über die Rechtswissenschaften, kilometerlang sind die Seiten aneinandergereiht, dies nun in meinem Kopf und bloß keine Gedichte aus meiner Feder, bin sowieso längst auf Kugelschreiber umgestiegen, nichts fließt mehr, starre Sätze auf teurem Papier und wenn man mich fragen würde, nicht würde, es wird gefragt, ob ich unglücklich sei, dann verneine ich, weil ich es gar nicht bin, phasenweise traurig, aber nicht unglücklich, die Bildung rettet mich, hält mich trocken von der Liebestrunkenheit. So versteht das kaum jemand, doch irgendwie habe ich ein neues Glück gefunden, Sätze, aber niemals Gedichte, die sind mir zu hoch geworden und vielleicht auch, weil sich meine Sprache veränderte, humorlose Konstruktionen im Kopf, doch ist es doch so, man muss es wirklich so sehen, dass meine Flora gerodet wurde, doch auf dem Boden wuchsen neue Pflanzen, Menschen ändern sich, manche komplett, das ist zu akzeptieren. Ich bin überhaupt nicht mehr romantisch, das heißt, war ich nie so extrem, aber jetzt gar nicht mehr. Die Rosen im Garten, allerdings, entzücken mich jeden Tag auf das Neue, ich könnte sie stundenlang ansehen, aber Gedichte lese ich ungerne, weil ich sie nicht mehr übersetzen kann. Rosen haben keine Dornen, sondern Stacheln, Schluss mit dem jahrhunderte altem Humbug!

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 idioma (02.07.20)
"....hatte zwar niemals einen Sinn für Romantik, jedoch jetzt nicht einmal mehr einen Funken davon....."
Mondscheinsonate schafft Mondscheinsonate ab.......
aber mäandert zum Glück weiter
so verschlungen atem- und endlos wie gehabt !
idioma

 Mondscheinsonate meinte dazu am 03.07.20:
:) Na ja, ist die Mondscheinsonate denn ernsthaft romantisch? Vielleicht nur am Anfang.

 Ralf_Renkking (02.07.20)
Seltsam, Deine Protagonistin las offenbar nie die richtigen Gedichte oder ich übersehe den ironischen Unterton in Deinem Text, denn natürlich haben Rosen Dornen, guckst Du:

Im Gewitter der Rosen

Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf dem Fuß.

(Ingeborg Bachmann)

Ich glaube auch nicht, dass für diesen Text eine Übersetzungshilfe erforderlich ist.

Ciao, Frank

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 03.07.20:
Oh, du kommst mir mit der großen Bachmann, wie soll ich da kontern können? Doch, es sind Stacheln, bleiben wir bei der Biologie, ist mir lieber. Und, die Protagonistin will eigentlich wirklich keine Gedichte mehr lesen, auch nach Bachmann nicht und die schrieb ja:"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar."

 Ralf_Renkking schrieb daraufhin am 03.07.20:
Okay, aus botanischer Sicht hast Du natürlich recht, Rosen haben Stacheln, viele Gedichte allerdings auch. Wenn ich das richtig verstehe, lehnst Du das Lesen und Schreiben von Gedichten deshalb ab, weil sie mit dem Herzen gemacht und rezipiert werden müssen, für mich ein Klischee, denn schon im Barock war klar, dass Gefühle nur eine untergeordnete Rolle bei der Erstellung von Gedichten spielen, deren Charakter, bzw. Intention beim Lesen allerdings sogar verzerrt aufgenommen werden können und sollen, ein beliebtes Stilmittel, um die wahren Inhalte zu kaschieren. Wer Gedichte also als reine Herzensangelegenheit betrachtet, der liest sie entweder nicht richtig oder hat bisher nur die gelesen, die tatsächlich einzig auf der Herz-Schmalz-Schiene laufen.
Ich lese übrigens auch nur die Gedichte gerne, die mir ein Dorn im Auge sind, bzw. mich zum Denken anregen und wer meine Gedichte mit dem Herzen zu erschließen sucht, ersticke an seinem Schmusekissen. 🙂 Ciao, Frank
P.S.: So, so, Fischadler von Nautilus also, jetzt bin ich nur noch gespannt, wann Du Dein nächstes Gedicht schreibst. 😇

Antwort geändert am 03.07.2020 um 23:05 Uhr

 sandfarben (03.07.20)
GEDICHTE MUSS MAN MIT DEM HERZEN LESEN

Das ist der Satz, den ich hier herausgepickt habe und bestätige!

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 03.07.20:
So ist es und nicht anders.

 susidie (03.07.20)
Ich freue mich sehr, dass du auch wieder da bist. Welcome back, in welcher Form auch immer. Lesenswert ist es allemal, was du schreibst. Erschreckt hat mich hier ..... die Hülle Mensch.... kann die Bildung retten? Eine Suche nach......wo liegt das Glück des Einzelnen? Dein Text lässt vieles hinterfragen. Das gefällt mir. Und ja, Gedichte muss man mit dem Herzen lesen. Und blühende Rosen mit dem Herzen schauen.
Herzliche Grüße aus Berlin von Su :)

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 03.07.20:
Die Hülle ...nur temporär, das will man doch hoffen. Dank dir!
Konkret (54)
(03.07.20)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 04.07.20:
Da gehen wir konform.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram