So viele Juristen!

Erzählung zum Thema Aggression

von  Mondscheinsonate

Dieser Text gehört zum Projekt  Corona-Texte
Nun, in Österreich heißt die richterliche Kleidung nicht Robe, sondern Talar. Und diesen zogen während der Corona-Akutphase so viele an ohne Jusstudium, das war faszinierend. Die Verfassung im Inhalt kennt fast niemand, als komplette Patrioten ist ihnen diese auch völlig wurscht, wie wir hier sagen würden, aber wenn sie die Todeskeule schwingen wollten, besonders in den sozialen Netzwerken, das heißt, ihre Argumentationslinie, die eigentlich gar keine war, sondern ein reines Beschimpfen von Kritikern oder Zweiflern an den Maßnahmen, nicht an dem Virus, zitierten sie unsere Corona-Gesetze, die täglich herausgeschleudert wurden, ohne nachdenken, täglich bekam ich Neuigkeiten vom Bundesgesetzblatt, kurz BGBl und betrieben Lynchjustiz - hängt die Ketzer höher, gleich am nächsten Baum auf. So gab es einen Fall, der in der Zeitung "Die Presse" veröffentlicht wurde, dass ein junger Kletterer verunfallte, der Notfallhubschrauber musste ausrücken, heißt hier Christophorus und er wurde in die Intensivstation gebracht, kämpfte um sein Leben. Die Kommentare darunter waren wirklich schlimm, unfassbar schlimm, der Großteil wollte, dass das halbe Kind (er war 21) sterben sollte, denn er ist selber Schuld und nun hat man ein Bett zu wenig für die imaginären Coronakranken, die könnten ja noch kommen, also, es waren viele da, aber nicht alle brauchten die Intensiv, dann schrieben einige, er muss den Einsatz zahlen, soll Schulden haben bis an sein Lebensende, das wäre nur fair, viele meinten, das sei einfach nur ein Arschloch, ein paar posteten, er solle auf der Stelle sterben, aber eine Handvoll argumentierte, dass das ein Unfall war und er das Recht auf eine Behandlung hätte, dann wurden diese Menschen zur Sau gemacht, niedergemacht, verbal gelyncht. Ich war darunter.

Nun, heute wieder, eine Dame ging trotz Coronaerkrankung einkaufen, was ich persönlich auch schwer fahrlässig halte und da krochen die Schweine, die selbsternannten Juristen wieder heraus und lynchten verbal, mutatis mutandis. Die Dame wurde zu 800 Euro verurteilt, eine relativ milde Strafe, meiner Ansicht nach, aber das Argumentieren wurde verlernt, es wird nur noch beschimpft. Und, da das eine Verwaltungsstrafe ist, wird diese nach dem Einkommen berechnet, aber das wissen die Volksjuristen sowieso auch nicht.

So viele tragen einen Talar, hier in Österreich und sonstwo. Grundrechte waren ihnen egal, die Verfassung kennen sie nicht, bei uns sind die verfassungsgesetzlich gewährleisteten Rechte weit verstreut, da gibt es keinen Einheitskatalog wie in Deutschland, was ich persönlich natürlich lieber hätte, aber niemand schert sich darum, argumentieren mit "Gesundheit ist das wichtigste Gut!", ich spule die Geschichte zurück und sehe nirgendwo diesen Satz. Die Menschen ließen sich erschießen für die Freiheitsrechte, für das, dass jeder frei sein darf, für ihre Kinder und Kindeskinder und uns, die wir jetzt da sind, aber heute wird darauf gepfiffen, es wird nur noch auf sich und seine Gesundheit geachtet, das ist das wichtigste Gut, alles klar. Ich sehe die Bürger auf den Straßen in Paris während der Französische Revolution schreien:"Gesundheit!" - zu lächerlich das Bild.

Ich denke, wir sollten immer auf uns achten, aber ich bin lieber krank als eingesperrt und das vermittelte die Regierung uns, machte permanent Angst, die Rhetorik war der Horror, keiner traute sich mehr hinaus, selbst ich musste meinen "Passierschein" einmal herzeigen, das war ein Schriftstück meines Chefs, in dem er den Paragrafen angeben musste, gemäß Covid-Gesetz, dass ich zur Arbeitsstätte gehen durfte und unabkömmlich war. So stand ich bei der Straßenbahnstation, ein Polizeiwagen blieb stehen, man sah nur noch Polizei auf den Straßen, so viel wie noch nie, und sie stiegen aus, gingen auf mich, unbescholtene Bürgerin zu und sprachen zu mir wie zu einer Verbrecherin:"Was mochn' s draußen?" - Gemäß Covid-Gesetz war das Betreten öffentlicher Räume gestattet, aber die Polizei tat so, als ob das verboten war. Sie waren völlig überfordert, weil täglich neue Verordnungen herauskommen. Einige nützten auch die Gelegenheit um ihre Macht zu demonstrieren. Es war der blanke Horror. Hubschrauber der Polizei kreisten um die Stadt, unerträglich. Ich bleibe dabei, ich liebe unsere Freiheit und nun müssen wir wieder im Supermarkt Masken tragen, weil die Bürger nicht in der Lage sind ohne Kriegsrhetorik und Angstmache Abstand zu halten, die Zahlen steigen wieder. Das Allerschlimmste war die Aggression der Bürger, das Denunziantentum, der Hass, der Neid, die Beleidigungen und die Befriedigung, wenn jemand bestraft wurde. Zeiten ändern sich? Nein, das tun sie nicht. Es wurde nichts gelernt aus der Geschichte. Man sieht immer die grauenhaften, ja, die unerträglichen Leichenberge aus der Zeit des Nationalsozialismus, aber selten wie alles begann. Diesen Vergleich ziehe ich und ich sehe Metternich und das Biedermeier vor mir. Es gibt unzählige Beispiele.

So ziehen sie momentan wieder alle ihren Talar an, die Nichtjuristen und urteilen, betreiben Lynchjustiz.

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Kommentare zu diesem Text

Aha (53)
(23.07.20)
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 23.07.20:
Guter Kommentar. Über die Maskencharlyzeit darf man bloß nichts kritisches schreiben, da kommt der Mob oder das Beleidigte. Siehe auch LeBon.

Antwort geändert am 23.07.2020 um 07:26 Uhr
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