Ein Liebesbrief

Liebesbrief zum Thema Erwachsen werden

von  Mondscheinsonate

Rousseau schrieb: "Um einen guten Liebesbrief zu schreiben, musst du anfangen, ohne zu wissen, was du sagen willst, und endigen, ohne zu wissen, was du gesagt hast."
So beginne ich bei deiner Präsentation, die war grottenschlecht, du bist vorne gestanden, selbstbewusst, das war gut, zeigtest auf ein Flipchart mit lieblos hingekritzelten Sätzen, ich weiß nicht mehr, um was es ging, und hast zehn Minuten geredet, doch ich hörte gar nicht zu, sah nur auf dich und mir wurde warm um mein Herz. Reden war immer schon deines, stets hast du geredet, ohne Punkt und Komma, hast mich selten etwas gefragt, weißt eigentlich nur etwas von mir, weil du liest, was ich schreibe, aber gefragt hast du mich nie etwas und ich nahm es dir nicht übel, hatte das Gefühl, dass du endlich jemanden gefunden hattest, dem du dein Innerstes durch oberflächliche Geschichten erzählen konntest, jemanden, der deinen Schmerz heraushörte, gezielt ausgesuchte Geschichten, die den Schmerz andeuteten und ich hörte dir genau zu. Vielleicht war ich die Einzige in deinem Leben, die dir jemals zwischen den Zeilen zuhörte und ich bekam deine Aggression ab, permanent und ständig, deine Unzufriedenheit und anstatt dagegen etwas zu tun, hast du nur geschimpft und getrunken. Je mehr ich schaffte, ich ließ mich nicht beirren, desto aggressiver wurdest du, sagtest:"Na, du hast ja wenigstens...!" Stets diese Sätze statt "Ich bin stolz auf dich!", weil du es nicht konntest, der Neid war zu tief drinnen.

Auf dich war niemals Verlass, brauchte ich Hilfe, warst du nie da, allerdings, umgekehrt war ich immer für dich da. Ich verschaffte dir einen Job, damit du nicht täglich den billigen Toast essen musstest, das ertrug ich nicht, gab dir Geld, dass du auch ein wenig fortgehen konntest, lieh dir stets mein Ohr, wenn du dein Innerstes ausleeren musstest, hörte mir jahrelang deinen Liebeskummer an, dabei liebte ich dich wie verrückt, aber ich ertrug das Jammern, weil du das brauchtest, ich war deine Freundin, vielleicht die Einzige in deinem ganzen Leben und bekam nur Lügen und Grausamkeiten entgegengeschleudert, ertrug es mit einer Gutmütigkeit sondergleichen, aber ich vergaß, dass es mich auch noch gab, meine Bedürfnisse, mein Leben, ich verlor mich. Irgendwann warst du nur noch verbal aggressiv gegen mich und ich musste gehen, den Schmerz kann ich dir gar nicht erklären, den ich spürte.

Das hast du mir niemals verziehen, ich weiß das, dumm bin ich nicht, du hast dich gerächt an mir, kamst nach einem Jahr wieder und warst lieblich, genau drei Tage, dann hast du zu ignorieren begonnen und ich ging nach ein paar Wochen wieder. Vorher verstarb dein Stiefvater und ich kenne dich, das hast du nicht ausgehalten, den hattest du furchtbar gerne und da hast du dich wieder den alten Freunden angeschlossen statt zu begreifen, dass es Zeit für etwas Neues gewesen wäre und diese waren voll in der Drogenszene, die Coolen, die Synthetik brauchten, um ihren Schmerz zu verdrängen, das gefiel dir, du hast dich da nicht mehr gespürt, konntest Nächte durchtanzen und schnellen Sex bekommen, alles schwamm nur an der Oberfläche, Gefühle wurden verdrängt, dein Schmerz wurde verdrängt und du hast alles mitgemacht, weil alles lustig war, nichts tiefsinnig, ja, das war davor, dazwischen und danach, nach uns und wir schliefen miteinander, immer und immer wieder, es wurde immer mechanischer, ich schlief mit einer Hülle, nicht mehr mit dir und ich war nur noch ein Objekt für dich. Es kamen nur noch kurze Worte, lapidare Sätze, aber hauptsächlich Emoticons oder Fotos von deinem Penis im erregten Zustand. Du hast mich abgewertet, wo es nur ging, dann gruselte es mich nur noch und ich musste gehen.

Danach bist du eine Beziehung eingegangen, aber anscheinend warst du keine Sekunde glücklich, weil du nicht lieben konntest, wie auch, Synthetik verhindert tiefe Gefühle und du warst fast jeden Tag auf meinem Profil auf der Datingseite und hast mich auch, trotz Beziehung, verbal sexuell belästigt, ich schmetterte das ab, wieder abgewertet, reduziert auf einen Körper, auf ein Benützen.

Nun bist du wieder alleine, ich sah mir dein Bild an, grau bist du geworden, aber deine tiefdunklen braunen Augen leuchten aus dem Gesicht heraus und wie seit Jahren zeigen sie deine Traurigkeit. Das tat mir in der Seele weh und obwohl ich alles was ich schilderte, nicht gerade auf den sympathischen Mann zeigt, so hege ich noch eine tiefe Liebe für dich, die mir nicht entgleiten will, denn ich begann nicht dein Gehabe  zu lieben und das, was du krampfhaft vermitteln willst, darstellen möchtest, um von deinem Schmerz abzulenken, sondern ich liebe deine Person, die tief drinnen ist, die ich hörte und manchmal auch sah, ganz selten, aber doch. Ich küsse deine Schläfe, aber ich tu mir das nie wieder an, denn durch dich habe ich begonnen mich zu lieben, das erste mal im Leben. Durch den Schmerz, den du mir zugefügt hast, habe ich zu mir gefunden und erkannt, wie wertvoll ich bin und was ich kann, auch was ich nicht kann, vorallem nicht jeden retten.
Ja, kleiner Waschbär, du warst in Wahrheit ein Engel, der mich ins Licht führte, aber dann bist du gestürzt. Ich hoffe für dich, dass du zu dir kommst und überlegst, wie intelligent du eigentlich bist und etwas daraus machst, vielleicht dir Hilfe suchst und auch zu dir findest. Ich fürchte, es wird nicht passieren, dazu bist du schon zu tief drinnen, aber ich gebe die Hoffnung nie auf, vertraue auf deinen Verstand, der irgendwo noch tief drinnen ist und mir ist klar, dass es sehr schwer ist, alles aufzugeben, mit dem man aufgewachsen ist, aber glaube mir, es wäre das Beste.
Auf mich hast du noch nie gehört, leider, jetzt musst du selbst daraufkommen, dass dich nichts, nämlich gar nichts in der Wiederholung der Dinge jemals glücklich gemacht hat.

Ich küsse dich.

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