Traumata

Erzählung zum Thema Denken und Fühlen

von  Mondscheinsonate

Es war heißer als heute als ich zwischen den Gnus, ja, Gnus stand, es waren hunderte Gnus, die gemütlich an mir vorbeizogen. Ich erstarrte vor Angst, es staubte, ich war weiß von oben bis unten, dachte nur, dass es das jetzt war. Aber, die Tiere interessierten sich nicht für mich, sie trotteten zur Futterstelle in dem Klosterareal. Die Touristen standen links und rechts, in der Mitte die Gnus und ich. Sie wichen aus, selbst die Kleinsten. "Sieh es positiv, dieses Erlebnis nimmt dir keiner mehr weg," sagte er und ich hätte ihn am liebsten erschlagen, sagte nichts. Das ganze Spektakel dauerte fünf Minuten, ganze fünf Minuten und ich in der Mitte zwischen Gnus und es staubte, aber das erwähnte ich bereits, so wie ich alles bereits erwähnte, aber das war wirklich schrecklich, klingt harmlos, aber so ein Gnu hat zwischen 180 und 250 Kilogramm und da waren hunderte! Aber, das war nicht allein das Schreckliche, die zweite Katastrophe folgte auf den Fuß und nicht nur, dass da hunderte Gnus an mir vorbeizogen und ich mitten auf dem Weg stand, erstarrte und mich nicht mehr bewegte, ja, nicht mehr bewegen konnte, denn Gnus sind wie Kühe, nur hunderte, kamen auch noch die Rehe hinterher, die waren lieb, thailändische Rehe, aber lieber wäre mir gewesen, ich hätte mich wegbewegen können, einfach weg und bewegen, aber ich blieb wie angewurzelt stehen, erst als die Rehe kamen, lief ein Aufseher zu mir, nahm mich bei der Hand und führte mich an den Rand. "Good feeling you have?" - Was? Aber ja - "Passt schon!" - Ähm - "I' m feeling good, thank you!" - Nichts war gut, das war eine Nahtoderfahrung mit Gnus! Und, da schoss mir das Erlebnis bei dem Jäger in den Kopf, bei dem die Großmutter immer ihr Wild kaufte. Sie ermahnte mich in der Nähe des Autos zu bleiben, dem leistete ich auch Folge, jedoch ging ich unerlaubt in ein kleines Häuschen hinein und sah Rehe aufgehängt an einem Haken, das Blut tropfte heraus, der Boden war voller Blut. Rehköpfe waren in Reih und Glied auf einem Regal aufgestellt und die Augen der Tiere sahen mich an. Ich schrie, ich schrie so laut, dass alle in das Häuschen kamen, der Jäger lachte, die Großmutter schimpfte und ich weinte. Ich war traumatisiert, konnte Nächte nicht mehr schlafen, rührte keinen Bissen mehr freiwillig an, aß nur noch Gemüse, weil ich etwas essen musste, das war eine Phase, ich fand das so schrecklich, was ich sah und nun stand ich da, zwischen Gnus und dachte nachher über meinen möglich gewesenen Tod nach, der nicht eintrat, aber durchaus möglich gewesen wäre und an das Blut, das von mir auf dem Boden, ja, der Erde gewesen wäre und mir fiel tatsächlich mein Jägertrauma ein, das Jägertrauma, das blieb, denn ich mag bis heute keine Jäger, obwohl, mein Chef ist lieb, den mag ich. Und, es staubte, während ich in einer fremdartigen Vegetation stand und Gnus an mir vorüberziehen sah und sogar spürte, es staubte, alles staubte, es war eine einzige Staubwolke und die Großmutter schrie in meinem Kopf: "Kind! Du machst dich da drinnen ganz blutig, steig sofort aus dem BLUT!" Fußspuren bis zum Auto, blutige Fußspuren. Die Großmutter nahm Taschentücher und wischte mir die Sandalen ab, die Socken waren voller Blut, rot vor Blut und ich stand später viel später zwischen Gnus und es staubte und Gott, nachher kamen die Affen, die sprangen auf meine Schultern und ich hatte keinen Nerv mehr für Affen, die auf meine Schultern sprangen, die Gnus haben mir den Rest gegeben, die Rehe waren lieb, aber ich sprang zurück in meinen Gedanken, "dass du mir ja nichts angreifst, Kind! Warum musst du auch ausrutschen in Blut, wie kann man so blöd sein! Wie im Krieg, als sie den Juden gegenüber erschossen haben, da war die Lache und die Soldaten stiegen hindurch und ihre Abdrücke waren überall von dem da´schossenen Juden, den mochte eh keiner, aber muss man den gleich erschießen?" Das sagte die Großmutter, während sie mich abwischte und die blutigen, die mit Rehblut durchtränkten Taschentücher in den Mülleimer aus Holz warf. Der Jäger kam nochmals aus dem Haus und brachte der Großmutter das Restgeld, ich weinte noch immer. Die Großmutter zischte mich an: "Sei jetzt endlich still! Es gibt Schlimmeres, ehrlich wahr!"
Die Gnus ... oh Gott, die Großmutter, der Jude, das Blut,  - es war nur Staub, nur Staub.
Für mich.

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Kommentare zu diesem Text


 Ralf_Renkking (28.07.20)
Heftig!!!

 Mondscheinsonate meinte dazu am 28.07.20:
Allerdings.

 EkkehartMittelberg (29.07.20)
Eindringlicher kann man Traumata nicht schildern.
LG
Ekki

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 29.07.20:
Ganz lieben Dank!!!
HerrNadler (33)
(29.07.20)
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 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 29.07.20:
Die Oma, das muss ich leider konstatieren, war nicht die Gebildeste und grob in ihrer Ausdrucksweise. Eigentlich sagte sie:"Halt die Pappn!", aber das wollte ich dem deutschen Leser nicht mehr zumuten.
HerrNadler (33) äußerte darauf am 29.07.20:
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 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 29.07.20:
Hahaha. Du meinst:"Die Goschn haltn und Scheißn gehen?" So redete sie nicht, a bisserl anders.

Antwort geändert am 29.07.2020 um 17:17 Uhr
HerrNadler (33) meinte dazu am 29.07.20:
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 29.07.20:
War sie.

 Dieter Wal (29.07.20)
Beängstigend gut geschrieben.

Deine nächste Erzählung bitte von der Entdeckung einer bestimmten Blumenart, der der parallel vom (bitteschön 100% idyllischen) Ersten Mal berichtet wird.

Ein bis drei Traumata genügen mir fürs ganze Leben.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 29.07.20:
Haha, mein erstes Mal war unter zwei verwesten alten Damen. Das ist wahrlich eine Geschichte wert. Danke!

 Dieter Wal meinte dazu am 29.07.20:
Hilfe! Extra für Dich sollte der Edgar Allan Poe-Literaturpreis ins Leben gerufen werden.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 29.07.20:
😂😂😂
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