Rituale

Erzählung zum Thema Familie

von  Mondscheinsonate

Die Großeltern pflegten ihre Morgenrituale auch noch in der Pension, was ihnen das Gefühl von Normalität oder des Zeitstillstandes gab, eine Mutmaßung würde ich sagen, aber es wirkte tatsächlich so. Ich sah immer dasselbe Bild, egal, ob ich vier Jahre alt war oder 24, egal, immer dasselbe und so stand die Großmutter um 6:30 auf und der Großvater um 7:00 Uhr, dann gab es Kaffee mit Milch und Zucker sowie einen Marmorkuchen, es war ein Block von der Firma Jomo, immer dieselbe Kuchenart, niemals eine andere, jeden Tag und immer derselbe Kaffee von Julius Meindl, niemals ein anderer. Es lief stets Radio Niederösterreich, man beschallte sich mit ländlichen Weisen, immer in derselben Lautstärke. Die Großmutter putzte, der Großvater ging danach in die Stadt und kaufte Kleinigkeiten für die Großmutter ein. Wenn er zurückkam, hatte sie immer und stets, wirklich immer, etwas "vergessen" und er drehte sich gottergeben um und ging nochmals zurück in den Laden. Am Monatsanfang machte er einen Abstecher zur Post, um die Erlagscheine einzuzahlen und in die Trafik, da kaufte er sich heimlich eine Praline (man fand sie in seinem Zimmer hinter den gewichtigen russischen Autoren, man möge mich in dem Fall nicht verdammen, ich nahm mir die Bücher heraus und fand sie zufällig! Er wusste, dass die Großmutter niemals diese Autoren angreifen würde, sie hatte "Und ewig singen die Wälder" oder "Das Erbe vom Björntal", auch "Verdammt in alle Ewigkeit" und "Vom Winde verweht", die deutsche Originalausgabe, steht nun bei mir im Regal, bereits schwarz gefärbt und ohne Cover) und ihre Bücher standen im Wohnzimmer, das war ihr Reich, in seinem vergriff sie sich niemals. Nun, auch kaufte er in der Trafik (Tabakladen) Stempelmarken für sein Parteibuch, sein rotes, das hatte man damals, sonst wurde man nichts und auf der Post noch, ich vergaß es zu erwähnen, seine Sammlerbriefmarken, die jedes Monat herauskamen, er hatte ein Abo (die Briefmarken sind nun auch meine, da gab es einen Gerichtsprozess, das ist eine andere Geschichte und wird noch erzählt werden). Jedenfalls, jedes Monat gewisse Rituale, aber immer dieselben und immer vergaß die Großmutter die Zitronen oder Kartoffeln, auch den Sirup, immer denselben, versteht sich. Große Dinge kaufte die Großmutter alleine ein und das war stets ein Erlebnis, ich begleitete sie oft, denn sie betrat den Konsum, den es seit 20 Jahren nicht mehr gibt, da war ein Skandal, dann war er weg, aber, auf jeden Fall betrat sie ihn als Frau Doktor, als Frau vom Doktor und jeder grüßte sie inbrünstig, dann kam ein Lehrling gelaufen und brachte ihr schon die Mineralwasserflaschen und die Kiste Bier ins Auto, immer dieselbe Anzahl an Flaschen, sie stellte sich inzwischen zur Theke und kaufte Wurst ein, immer dieselbe, aber die Mengen variierten schon, kam darauf an, ob nur ich da war oder die anderen Enkelkinder auch kamen, denen gab sie dann taschenweise zu Essen mit, keiner durfte verhungern. Zur Schokolade drängte ich sie, denn im Grunde aß der Großvater immer nur wenig Süßes, aber wenn, dann immer dasselbe, nämlich Manner Lebkuchenknöpfe und Mannerschnitten Zitrone, niemals etwas anderes, das musste man nicht jede Woche kaufen, aber, ich drängte sie zur Schokolade, da wurde sie unrund, weil sie vom Weg abkommen musste, aber, das Kind brauchte Schokolade wie einen Bissen Brot, das, im Übrigen, kaufte sie auch ein, immer dasselbe und dieses war schon hart, bevor es den Einkaufswagen erreicht hatte, aber sie nahm es, denn der Großvater aß nur hartes Brot, steinhartes und Grahamweckerln, die am nächsten Tag schon ekelhaft "ledschert" waren, also gummiartig, am übernächsten Tag hart, aber als Kriegsgeneration ehrte man das Brot wie nichts anderes auf der Welt und es wurde gegessen bis es weg war und Schimmel wurde abgekratzt, was toxisch ist, aber das störte die Leute nicht, sie wurden trotzdem alt.
Nun, das war der Einkauf der Großmutter und irgendwann sagte ich zu ihr: "Das machst du absichtlich, dass du immer wieder etwas vergisst, wenn der Opa einkaufen geht, nicht wahr?" Sie sagte trocken: "Ja, der Alte muss doch bewegt werden, außerdem hab ich dann meine heilige Ruhe!" Die Aussage war seltsam, denn ich sah niemals, dass der Großvater die Großmutter jemals in irgendeiner Art und Weise behindert hätte in ihrem Tun.
In der Walnusssaison saß der Großvater in der Küche und knackte stundenlang Nüsse, die die Großmutter den Vögeln gab, also knackte er tatsächlich stundenlang Nüsse für die Vögel, dann stand er auf und machte sich einen Saft mit dem Sirup und ging wieder in sein Zimmer. Ich hörte ihn niemals "ich mag jetzt nicht" sagen, er tat alles, was die Großmutter von ihm wollte, einfach alles. Diese abgöttische Liebe war echt. Und, im Gegenzug machte die Großmutter alles für ihn. Sie waren ein gut eingespieltes Team.
Als sie starb, sagte er: "Mir fehlt mein Reserl!" - Richard und Therese fehlen nun mir.

Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (01.08.20)
Ich glaube auch, dass Rituale wichtig sind.
Einerseits als Säulen der Liebe, andererseits als gleichsam ordnendes Element in einer chaotischen Welt.
Eine liebevoll verfasste Erzählung, die selbst mich das Reserl vermissen lässt.

Liebe Grüße
der8.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 01.08.20:
Süß, Danke!
Sätzer (77)
(01.08.20)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 01.08.20:
Geb ich dir recht.
Fisch (55) schrieb daraufhin am 01.08.20:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 01.08.20:
Inwiefern?
Fisch (55) ergänzte dazu am 01.08.20:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 02.08.20:
Ich sehe es nur als Redensart. Das Mittelmaß, allein geistig ist wahrlich .... :(
Hier denke ich, die Großeltern hätten mehr Spontanität zeigen können, nur bei dem ist ein Mittelmaß recht angenehm.
Zur Zeit online: