Opa, Essen!

Erzählung zum Thema Familie

von  Mondscheinsonate

"Holst du mir den Opa, bitte?"
Ich lief zu den Stiegen, nahm den "Gong" von der Wand, das war so ein afrikanisches Musikinstrumentimitat, was auch immer das war, aber Afrika hat es sicherlich noch nie gesehen, aber die Oma ließ sich auch das Grablicht aus dem Supermarkt um das Doppelte verkaufen, weil man ihr einredete, das war das Hl. Licht aus Betlehem, nun ja, da sagte sie immer: "Kind! Das ist das Hl. Licht!", gut, ich nahm den Gong, gongte, also, schlug hart darauf und schrie:"Opa! Essen ist fertig!", wo ich dann die Oma hörte: "DAS, wirklich, hätte ich auch z'ammbracht, du faules Kind!"
Aber, der Opa schrie herunter: "Ich komme!"
"Oma, das funktioniert immer!" und lachte, da sagte sie trocken: "Der Gong weckt Tote auf, bald hamma die längst Verstorbenen bei Tisch!"
Nun, das nie, aber der Opa war schon ein bisserl derrisch, also, taub und man musste lauter sein. Einmal sagte die Oma etwas dreimal zu Opa und er jedesmal: "Nochmals, bitte!" bis sie eine "Lass ma's gut sein"-Handbewegung machte, sich umdrehte und verschwand, da sagte der Opa: "Was hat's denn? Ich hab eh verstanden, dass ich die Schlapfen aus dem Schupf'n holen soll, aber ich will halt nicht!"
Der Opa spielte die Taubheitskarte oft aus und erzog sie derartig damit, sodass sie unliebsame Tätigkeiten selbst ausführte, bevor sie ihn fragte und verraten hab ich ihn nie, das war unser Spaß.
Das war irgendwie komisch, so zwischen zwei Welten in einem Haushalt aufwachsen, denn die Oma dachte immer, ich sei zu nichts nütze, haushaltstechnisch, und gab mir immer Kleinkinderarbeiten, drückte mir den Kamm in die Hand und ich musste die Fransen vom Teppich, sie sagte "Debbich", kämmen, denn bei uns musste alles gerade sein und in Reih und Glied stehen, deshalb liebte ich Opas Schreibtisch, da lagen die Papiere wild durcheinander und ich konnte nie seine Schrift lesen, denn er hatte eine Arztklaue, fürchterlich, aber nein, es war Steno, das wusste ich damals noch nicht, ich lernte das nie und die Oma schickte mich zur Cora die Knochen abgeben, man erinnere sich, die Schäferhündin von den Bauers, die bösen Menschen, deren Sohn dem Sascha das Auge mit dem Pfeil ausgeschossen hatte, aber sonst durfte ich nichts machen und dann die andere Welt, doch, die Champignions aus dem Keller holen, da schnitt ich sie mit einem Buttermesser ab, die wuchsen in einem Sack bei der Türe, die immer offen war, aber das passte der Oma auch nicht, denn sie wollte ganz gerade Schnitte und nicht eine "Verwüstung", ja, sie sagte "Verwüstung", also, ich sah keine, nun, dann die andere Welt eben, wenn ich mit dem Opa stundenlang spazieren ging und er mir die Welt der Bildung öffnete, mit mir sprach als ob ich jedes Wort verstünde, was ich nicht immer tat, mich für voll nahm und mein Gehirn mit  Humanismus fütterte. Das Gefühl, eigentlich nichts zu können und doch viel zu wissen, das kam da auf und blieb.
Aber, die Oma war auf ihre Art und Weise lieb, eigentlich nicht, aber lustig, denn sie war bissig und hatte einen trockenen Humor, den hab ich von ihr, so stets nachhaken, das amüsiert mich manchmal sehr.

Der Opa ging langsam die Stiegen hinab, trampelte dabei, während ich der Oma zusah wie sie den Tisch deckte.
"Du bist so ein faules Kind!" schimpfte sie.
"Oma, du lässt mich nichts machen!" maulte ich zurück.
"Nix kannst du, nix!" pfauchte sie mich an.
Da kam der Opa rein und sagte laut: "Therese! Lass das Kind in Ruhe!"
"Du hörst plötzlich?" sagte die Oma sichtlich amüsiert.
"Du warst laut!" sagte ich schnell.
"Red keinen G'stuß! Ich bin nicht deppert! Ihr Zwei!" sagte sie und drehte sich um, aber ich sah sie von der Seite lächeln. Sie lächelte tatsächlich, das war selten, ich bewahrte mir den Anblick.

Kommentare zu diesem Text

Das könnte ein Portrait meiner Großeltern sein. Ein schöner Text.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 28.08.20:
Dankeschön!
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