Bechdel, Superbechdel, Beyond Bechdel

Experimenteller Text zum Thema Literatur

von  Terminator

Bechdel

Zwei Frauen tranken Kaffee und sprachen miteinander. Und sie hatten Namen. Und sie sprachen nicht über einen Mann.




Superbechdel

Liliane und Jessica betrachteten einander kampfbereit, beide aus einer Position der Stärke. Frauenfeind, wer glaubt, das wäre ein dummer Zickenkrieg. Liliane war 17 und Jessica erst 14, und doch waren beide sehr reflektiert und wussten über sich selbst mehr als der Leser jemals erfahren wird. Sie wussten auch, dass sie sich in einer Geschichte befanden. "Und doch ist die Welt keine Simulation, denn wir haben eine Identität", stellte Liliane fest. "Das macht unseren Kampf umso bedeutungsvoller", schwängerte Jessica die dicke Luft mit Bedeutung. "Ich wurde am 11.2.2001 erfunden, ich bin deutlich älter als du", belächelte Liliane ihre jüngere Rivalin. "Ich aber dominiere die Narrative von 2007 und 2008 und bewohne mehr Mädchiversen als du dir vorstellen kannst!" "Doch kein einziges Lesbiversum führst du als Hauptperson an. Außerdem ist Lea schöner als du und meine Maus". "Doch die schönste der vielen Leen, die Icy-15, gehört nicht in dein Narrativ". Und so stritten sie ernsthaft und entschlossen mit logischen Argumenten, ohne emotional oder hysterisch zu werden. Charakterlich starke Frauen kennt die Welt der Erzählungen durchaus, doch hier waren zwei charakterlich starke Mädchen ernsthaft miteinander am Kämpfen, die nicht in das diskriminierende Klischee von weiblichen Teenagern passten.




Beyond Bechdel

Nach der Verteidigung ihrer Masterarbeit, in der die 16-jährige Anika den Satz des zu vermeidenden Widerspruchs widerlegt hatte, wartete sie bis zur Freitagnacht ab und ging erst in der Dunkelheit aus, und zwar allein. Sie dachte über die falsche Absolutheitstheorie von Alberta Zweistein nach, nach der der Wert der Lichtgeschwindigkeit eine absolute Größe war. Dabei wusste Anika schon als Kindin, wie relativ alles ist. Ihre Professorinnen hatten ihr schon mehrmals indirekt angedeutet, dass es vielleicht vorstellbar wäre, dass Anika ihre Doktorarbeit in Astrophysik schreiben könnte, vielleicht aber auch nicht. Die weiß-silbern glänzenden Schuhe mit 7 Periode 3 Zentimeter hohen Absätzen drückten etwas, vielleicht war es aber auch nicht so, nicht im Sinne von eingebildet, sondern in dem Sinne, dass Anika vor dem Date nervös war.

Anika Sophie Elle spielte mit ihrem langen blonden Haar und den Armbändern, während die starke, selbstbewusste und unabhängige Clarice Ellis Lieth sie vom gegenüberliegenden Sitz buchlesend beobachtete, was mitnichten heißt, dass die kluge und sehr gut aussehende Frau Ende 20 das Buch von Rogeria Penrose nicht auch las. Sie hatte ein Dominanz ausstrahlendes Kleid an und ließ mit sich flirten. Anika flirtete zwar nicht, und nun auf einmal doch, sodass das Date, zu dem sie aufgebrochen war, ebennun ein Date mit Clarice war. Und schon gingen sie Händchen in Hand durch das nächliche Berwien, was nicht heißt, dass Clarice nicht auch schlanke und schöne Hände hatte, nur waren sie halt miezenhaft und nicht mädchenhaft schön, wobei Anikas Hände einerseits dezent miezenhafte Mädchenität und andererseits kindliche Miezifizienz ausstrahlten. "Du wärest das Paradebeispiel für ein sogenanntes Weißhändchen", übersetzte Clarice ein Wort aus einer der neun Sprachen, die sie fließend sprach.

Zwanglos und nicht an maschinenhafte Frage-Antwort-Logik gebunden, kam das Gespräch nach eineinhalb Stunden auf das Thema Weißhändchen zurück, als Anika nebenbei bemerkte, dass ihre wunderschönen Krällchen noch nie im verführerischen Rot erstrahlt hatten. "Dann ist heute der Tag", lächelte Clarice, es sagend, und brach mit einem eleganten Trick in ein luxuriöses Nagelstudio ein, das zur Mitternacht geschlossen hatte. "Dunkles Kirschrot würde super passen", wählte Clarice einen Nagellack aus. "Helles Kirschrot", lächelte Anika verspielt. "Mitteldunkles", wies Clarice nonverbal auf die zur Länge der Krällchen passende Farbe hin. "Oder willst du wie 12 aussehen?" versicherte Clarice sich rück. Als der Nagellack aufgetragen war, flüsterte Clarice bedrohlich: "So zarte Hände, so dünne und lange Fingerchen", vielleicht aus Eifersucht oder Nied, vielleicht weil sich darin der Umstand spiegelte, dass man das Alter an den Händen ablesen kann, während manch eine hübsche und schlanke 29-Jährige, gelingend geschminkt, in einer frühseptemberlichen Freitagnacht für eine 19-Jährige durchgehen könnte.

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