Friedensglocken

Parabel zum Thema Denken und Handeln

von  Quoth

Ich höre im Bunker die Friedensglocken läuten. Nur zwei Wege führen hinaus: Der eine durch den Stall eines Pferds, der andere durch den Zwinger eines Hundes. Ich überlege:
Das Pferd ist ein Pflanzenfresser und deshalb harmloser. Aber es ist stark und schwer, kann auskeilen, mir auf den Fuß treten oder mich an der Wand zerquetschen. Es ist vom Menschen zwar gefüttert, aber auch immer geknechtet worden, musste mitten in der Schlacht schwere Geschütze ziehen, wurde mehrfach verwundet. Es weiß genau: Wäre es gefallen, die ausgehungerten Soldaten hätten es verschlungen. Wann wurde es zuletzt gestriegelt? Wann wurden ihm die Hufe ausgekratzt? Unmöglich, dass das Pferd mich als Vertreter seiner Herren liebt. Wenn ich eine Möhre hätte, könnte ich es damit ablenken. Aber eine Möhre habe ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen – und würde sie auch lieber selber essen. Besser, ich entscheide mich für den Hund.
Er rasselt mit der Kette, aber sie ist zu lang, als dass sie mich schützen könnte. Sobald ich mich nähere, knurrt er bedrohlich und schaut mich tückisch und hasserfüllt an. Er hat womöglich lange nichts zu fressen bekommen, er könnte an mir als Beute Interesse haben. Er ist ausgebildet, furchtlos Granaten unter Panzer zu tragen und sich so für uns zu opfern. Seine Reißzähne sind so lang, dass sie in seinem Maul nicht Platz haben. Ich mag sie mir in meinem Gesicht nicht vorstellen. Ich überlege , mir mit dem Klappmesser einen Finger abzuschneiden und ihm den als Köder hinzuwerfen. Er wird sich darauf stürzen, und ich kann unterdessen an ihm vorbei. Aber vielleicht bringe ich ihn damit auch nur auf den Geschmack. So stehe ich da und höre das fortgesetzte Läuten der Glocken.

Kommentare zu diesem Text


 ViktorVanHynthersin (14.09.20)
Hallo Quoth,
willkommen nun auch als Autor. Ein schönes Dilemma hast Du uns da beschert. Allerdings finde ich, dass die Axt das Gleichgewicht verschiebt. Besser wäre ein Wurstzipfel, der wie die Möhre nicht vorhanden ist. Details wie z.B. der Sprengstoffhund, sind gut gewählt und beschrieben. Weiter so!
Herzlichst
Viktor

 Quoth meinte dazu am 14.09.20:
Vielleicht ersetze ich die Axt durch das Klappmesser. Vielen Dank!

Habe es soeben getan! Den Wurstzipfel habe ich freilich nicht übernommen!

Antwort geändert am 15.09.2020 um 18:12 Uhr
Sätzer (77)
(14.09.20)
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 Quoth antwortete darauf am 14.09.20:
Ja, das hoffe ich auch. Danke!

 Ralf_Renkking (14.09.20)
Ich würde den Weg nehmen, auf dem ich hineingekommen bin. 😉

 Quoth schrieb daraufhin am 14.09.20:
Ich bin nie hineingekommen, sondern war immer drin. Danke für den Vorschlag!

 Ralf_Renkking äußerte darauf am 14.09.20:
Keine Ursache, wenn es allerdings ein Vorschlag gewesen wäre, hätte ich Dir geraten, den Weg zu nehmen, auf dem Du hineingekommen bist. 🙂

 Willibald (14.09.20)
Eine karge Prosaskizze, konzentriert auf Ich und Bunker, Zwinger und Hund, Stall und Pferd, Friedensglocken und ihre Instanzen.

Die wenigen Details evozieren eine Kriegssituation, wohl die eines vergangenen Weltkriegs: Das Pferd zieht schwere Geschütze, der Hund appliziert Granaten. Der Krieg scheint vorbei zu sein. Die Friedensglocken sind ein deutliches Signal.

Das agierende Ich analysiert die Situation, es will hinaus aus dem Bunker, hat aber offensichtlich Erhebliches zu bedenken. Eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Kein Fazit dieses Prozesses, kein Ergebnis, keine Handlung. Anfang und Ende der Geschichte präsentieren das Ich in einer Art Hängepartie.

Spätestens der Satz, das Pferd "weiß genau: Wäre es gefallen, die ausgehungerten Soldaten hätten es verschlungen" indiziert eine Situation in und jenseits der Erlebniswelt, die wir gerne als real bezeichnen. Wir befinden uns im Bewusstsein der Hauptfigur, normale Parameter der Orientierung greifen nicht unbedingt mehr. Eine Art Traumlogik, wie sie manche Jüngeren etwa in der Serie "Berlin Babylon" kennenlernten, unverächtlich für Ältere und uns, die wir daran interessiert sind, wie Bilder unser Bewusstsein affizieren und ihre Macht auszuspielen wissen, wenn man sich nicht vorschnell verweigert.

Spannend ist hierbei etwas gar nicht Künstlich-Überzüchtetes, etwa der Tempusgebrauch. Das Präsens setzt die Außenwelt und die mentalen Begleitprozesse des agierenden Ichs unmittelbar vor unser inneres Auge. Wir spüren, dass das Geschehen eben nicht abgeschlossen ist, egal wie lange die Sprechsituation in der historischen Zeit zurückliegen mag. Eine Art von bedrohlicher Festschreibung, durativ. Nicht abgeschlossen, nicht bewältigt, nicht vorbei.

Labyrinth, Bunker, Schutzraum, Grab, Undurchlässigkeit, Handlungsstarre beherrschen das Szenario trotz allen agilen Überlegens. es mag absurd sein, nicht einfach den Friedensglocken zu vertrauen, den Weg aus dem Bunker nicht einfach zu nehmen. Was soll es denn, dass es nur diese zwei Wege gibt. Wo gibt es denn so etwas?

Eine gewisse Logik mag sich dennoch einstellen und plausibel erscheinen. Zwinger und Stall sind von Kreaturen bewohnt, die im Krieg benutzt und schwer beschädigt wurden, Hochgradig ist ihre Verstörung und die ihnen innewohnende reaktive Gewalt.

Die Friedensbotschaft, mag sie nun kirchlich-religiös oder staatlich intoniert sein, greift nicht. Noch nicht. Ist bloßes Geläute. Das Opfer der Selbstverstümmelung für den Fleischfresser Hund ist genauso unsicher in seinem befreienden Aspekt wie das Möhrenkonstrukt für den Pflanzenfresser Pferd.

Groteskes mischt sich hier mit Komik und Grauen. Es mag sein, dass im Aussetzen der Verständnisroutine beides angelegt ist und uns so fasziniert. Die Geschichte als Köder für das Bewusstsein des Lesers.

 Quoth ergänzte dazu am 14.09.20:
Dieser Kommentar ist klüger als mein Text. Das beschämt mich fast. "Wo gibt es denn so etwas?", fragst Du mit Recht. Im Kopf, im verdammten Kopf. Danke.

 Dieter_Rotmund (16.09.20)
Gebetsmühlenhaft möchte ich auch hier anmerken, dass Ich-Beginne schlechter Stil sind. Dabei ist es so einfach:

Ich höre im Bunker die Friedensglocken läuten ->

Im Bunker höre ich die Friedensglocken läuten.

 Willibald meinte dazu am 16.09.20:
Mag alles so sein, Dieter.

Aber das Anfangsich hat seine Meriten, bei Kafka oder bei Quoth oder. .... Es fokussiert das seltsame Ich-Bewusstsein des Textakteurs, der Äusserungsinstanz, des Ich-Erzöhlers, des Psychographen....

Der Fahrgast
Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie. Auch nicht beiläufig könnte ich angeben, welche Ansprüche ich in irgendeiner Richtung mit Recht vorbringen könnte. Ich kann es gar nicht verteidigen, daß ich auf dieser Plattform stehe, mich an dieser Schlinge halte, von diesem Wagen mich tragen lasse, daß Leute dem Wagen ausweichen oder still gehn oder vor den Schaufenstern ruhn. – Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist gleichgültig.

Antwort geändert am 16.09.2020 um 13:51 Uhr

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 16.09.20:
Für uns kleine Literatur-Lichter ist es besser, nicht mit diesem egozentrischen Personalpronomen zu beginnen, das führt nur zu drögen Nabelschauen.

 Willibald meinte dazu am 16.09.20:
Was für ein elitärer Käse, den du, D.R., da hobelst. Was ist in der Bunkergeschichte dröge? Was für eine Autorität hat dieses Ich-Erzähl-Gesetz aufgestellt? Wenn diese Konvention existiert, sagt es dann etwas aus, trotzdem mit Ich zu beginnen. Hua!

Leider ist immer wieder zu beobachten, dass D.R. mit seinem Käsehobel seine Tunnelschneisen in Texten zieht. Das erinnert an Katrina, Rita und Wilma in den USA . Nur halt mit Käsehobel, nicht mit Windhosen und all dem Zeug.

Shiki:
kawasemi ya / mizu sunde ike no / uo fukashi

Rotmundvogeli!
Ungetrübtes Teichwasser
Tiefer die Fische.

LG
ww

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 16.09.20:
Bitte sachlich bleiben, Danke.

 Willibald meinte dazu am 16.09.20:
Sachlicher geht´s nicht.

liebe Grüße
ww

 Quoth meinte dazu am 16.09.20:
Hallo Dieter, hallo Willibald, ich kenne diese "Stilregel" auch, aber sie gilt nur für ein einziges literarisches Genre: Den Brief. Im Brief wende ich mich an ein Du, an ein Sie, und da wäre es unhöflich, dem Angeredeten gleich mein Ich ins Gesicht zu schleudern. Mein Text ist kein Brief, also ...
Gruß Quoth

 Willibald meinte dazu am 16.09.20:
wenn alles fehlschlägt,
greift der Dolmetscher zu Hand-
gesten. Ach, sinnlos.

magotsuite / kuru to tsūyaku / te o tsukai
Busui.
Nimmer (45) meinte dazu am 17.09.20:
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 Quoth meinte dazu am 17.09.20:
Hallo Nimmer, verrate mir doch den Titel der Kurzgeschichte! Gruß Quoth
Nimmer (45) meinte dazu am 17.09.20:
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 Quoth meinte dazu am 18.09.20:
Kann ich mir vorstellen, dass das eindrucksvoller ist. Da geht es um Liebe und Liebesleid, bei mir nur um Angst und Schuld. Vielen Dank für den Tipp! Gruß Quoth
Nimmer (45) meinte dazu am 18.09.20:
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 Dieter Wal (17.09.20)
HERZLICHST willkommen! Die Parabel ist 1A geschrieben. Alles sitzt, nichts sollte in meinen Augen überarbeitet werden. Die Bildsprache liegt irgendwo zwischen dem 1. und 2. WK. Es wird nicht näher beschrieben, wo. Theoretisch könnte sie auch beim deutsch-französischen Krieg oder Napoleonischen Feldzügen liegen. Worauf es jedoch wirklich ankommt, ist der Gegensatz zwischen dem Weg des Pferdes oder des Hundes zu Friedensglocken. Es wird eine Welt im Kriegszustand beschrieben, die könnte man von verdeckten oder offenen Kriegen der Weltpolitik abgesehen auch als Krieg wegen Erbstreitigkeiten, Ehekriegen, Konkurrenzunternehmen als getrennten und doch beidseitig gleichanteilig erziehenden Eltern (Idealerweise im Frieden!), Kriegen auf Partnerschaftsebenen, wo der Bessere immer wieder sich beweisen muss, in denen nie Gleichrang (und damit FRIEDEN!!) erstritten werden durfte, weil Streit innerhalb der elterlichen Erziehung als böse gebrandmarkt wurde und "DISHARMONIE" auf Firmenebenen. Tote Beziehungen, tote Firmen, wo Dynamik fehlt, weil in Normen erstarrt und verdorrt. Der Erzähler will fliehen. Er denkt jedoch, zwei Wege allein ständen ihm offen: A (Argwohn - Pferd), B (Unterwürfigkeit, Angst - Hund).

 Quoth meinte dazu am 17.09.20:
Hallo Dieter, Du bist ja derjenige, der mich hier angeschleppt hat - und bisher habe ich mit meinem Einstand offenbar Glück gehabt. In einem Punkt muss ich Dir widersprechen: Gleichrang bedeutet nicht Frieden, eher das Gegenteil. Sehnt sich nicht jede(r) nach solider Über- und Unterordnung? Vielen dank für die beifälligen Worte! Herzlich grüßt Quoth

 Dieter Wal meinte dazu am 18.09.20:
Sind Partner nicht einzig Sexualpartner, wo man zumindest situativ von Dominanz und Hingabe sprechen kann, beginnt in meinen Augen die eigentliche wahre Beziehung erst miteinander, sobald sie Machtspielchen untereinander entweder ganz einstellen oder spielerisch und ironisch handhaben. Erst dann werden Sexualpartner auch zu Partnern im wirklichen Sinn. Dazu gehört nicht Gleichheit, sondern Gleichwertigkeit im Sinn von gegenseitigem Respekt füreinander. Du siehst das anders?

 Willibald (17.09.20)
Dunning-Kruger-Effekt, um es möglichst rücksichtsvoll zu formulieren, aber nun ja, D.R.s Kommentare sind D R s Kommentare.

 loslosch meinte dazu am 03.10.20:
auf diesen effekt verweist schon Russell, ohne denselben namentlich zu kennen: "In seinem Essay The Triumph of Stupidity schreibt Bertrand Russell am 10. Mai 1933: „The fundamental cause of the trouble is that in the modern world the stupid are cocksure while the intelligent are full of doubt“ (übersetzt: „Der Hauptgrund für die Schwierigkeiten liegt darin, dass in der modernen Welt die Dummen vollkommen sicher sind, während die Intelligenten voller Zweifel sind.“). ein hoch wikipedia!

 Agnete (20.07.21)
die Welt ist grausam., und die Friedensglocken sind die krönende Verhöhnung all dessen, was Menschen sich mal als Christen vornahmen. Alles Heuchelei. man denke an Inquisition, Hexenverbrennung., Exorzismus. Und wir können ihm nicht entrinnen.
Die dritte Parabel, die ich lese. Alle bedrückend, Intensiv.
Sehr düster.
Aber auch sehr gut geschrieben, Quoth. LG von Agnete

 Graeculus (20.07.21)
Spannende Situation. Meine Sympathie gehört eindeutig dem Pferd. 700 kg Fleisch in einer carnivoren Welt - das ergibt schlechte Erfahrungen und Mißtrauen.
Langsam und mit ruhigem Zureden würde ich es versuchen.

 Lluviagata (22.07.21)
Hier wurde schon sooo viel Kluges gesagt, so dass mir nichts, rein gar nichts mehr einfällt außer - ich mag deine lehrreichen Texte.

Liebe Grüße
Llu ♥
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