Executive Chairman of ...

Erzählung zum Thema Jugend

von  Mondscheinsonate

Natürlich bleibt die Firma in UK unerkannt, aber es geht gar nicht um diese, sondern um den Menschen, der diese Position inne hat und der war lieb. Aber, das zeigte er nicht allen, er war einer von den coolen Jungs, denen, die mit "so einer wie mir" niemals offiziell gesprochen hätten, aber wir waren verbandelt, das weiß bis heute niemand, das wusste nicht einmal meine beste Freundin. Ich weiß nicht mehr wie es kam, aber wir begannen miteinander zu telefonieren, ah, irgendwie dämmert es gerade wieder, weil ich einen Setter hatte und er einen Bobtail und er fragte mich, keine Ahnung wieso, ob ich auf seinen Hund aufpassen könnte, also, mit ihm "Gassi gehen", so sagen wir, für das Spazierengehen, nun, der coole Junge fragte ernsthaft MICH, gerade MICH, die unscheinbar war, natürlich sagte ich zu und ab dem Tag telefonierten wir täglich stundenlang in der Nacht und früher waren die Telefonrechnungen noch extrem hoch, das war irre, aber seine Mutter war Journalistin, der dürfte das irgendwie egal gewesen sein, meiner weniger, auf jeden Fall, stundenlang, ich weiß gar nicht mehr, was wir sprachen, schade, das war schön, aber ist nun auch fast 30 Jahre her, die Zeit vergeht, wirklich, die Erinnerungen verblassen, aber er fiel mir gerade ein und Dr. Google fand ihn in England, ein hohes Vieh in der Wirtschaft, aber der Hellste war er nicht, fesch, äußerst, das schon, gut, Wirtschaft.

Wir telefonierten also täglich und das Komische war, ich war gar nicht verliebt, also, nicht so Hals über Kopf, gar nicht, eigentlich nicht, sondern in Pauli, ich weiß es noch, übrigens, heute ein äußerst schöner Mensch, aber, ich glaube, er hasst mich noch immer, denn ich war so verliebt, dass ich in Bildnerischer Erziehung ein T-Shirt mit Siebdruck bedrucken musste und da stand Pauli drauf und das zog ich an und wenn ich jetzt darüber nachdenke, möchte ich sterben, Boden tu dich auf und verschlinge mich, ja!
Im Gymnasium stand also Philipp, so heißt der heutige Chairman, stets bei der Klassentür in der Pause und wenn ich Zeichnen, Physik oder Chemie hatte, musste ich an ihm vorbei gehen, da lächelte er, aber das war es auch schon. Alles war geheim. Ich ließ mir das absolut gefallen, das zieht sich anscheinend durch mein Leben, irgendwie arg.
Das Telefonieren hörte sich nach einem Jahr auf, keine Ahnung wieso, komisch irgendwie.

Im Club Berlin lernte ich jemanden kennen, der, ach, man verzeihe mir, das war ein Lokal im Ersten, der der beste Freund von Philipp war und da ich Schule wechseln musste, sah ich ihn ein Jahr nicht, irgendwie sind wir dahinter gekommen, gut, das war einfach, von besten Freunden erzählt man eben und der Typ, ich weiß nicht mehr, wie der hieß, meine Güte, die Erinnerungen, wohnte alleine in einer riesengroßen Altbauwohnung, die schäbig war und er meinte, ich solle auf eine Party kommen und Karin und ich gingen hin und eigentlich war nur der Typ da und Philipp, was ich nicht wusste war, dass das Philipp eingefädelt hatte, um mich hinzulocken. Er hatte doch meine Telefonnummer? Eigenartige Sache. Na ja, auf jeden Fall, wir kifften und soffen, ich weiß nicht mehr, das war damals so, wir lebten einfach, wir waren jung, nein, ich rechtfertige meine Vergangenheit sicher nicht, aber auf jeden Fall schlief ich mit Philipp und es ist jetzt sonderbar, was ich meine, ich denke heute, dass das der schönste Sex meines ganzen Lebens war, obwohl ich nicht verliebt war, aber wir waren uns so vertraut, ich hatte den wahnsinnig gerne. Und, ich weiß noch, dass er sagte, er hätte sich dies schon so lange gewünscht und das war echt, aber damals war das so, dass man nichts weiter verfolgt, was irgendwie nahe ging.
In der Früh ging er in die Küche, öffnete die Brotlade, das war so ein Holzding zum aufschieben, und nahm ein Weißbrot heraus, es war dunkel im Raum, biss kräftig hinein und meinte, da bewegt sich etwas im Mund. Ich machte das Licht an und aus seinem Mund kamen Maden heraus. Ich glaube, ich habe noch niemals in meinem Leben jemanden so kotzen gesehen. Ich muss so lachen, während ich schreibe. Das war so ekelhaft. Ich lache fast 30 Jahre später noch. Das war so grauenhaft, mir drehte es den Magen um. Ich schrie: "WTF!" Das weckte die anderen auf und alles lachte, ich fand, so könne man doch nicht leben, absolute Wohlstandsverwahrlosung! Grausam.

Wir sahen uns nicht mehr, nein, doch, einmal noch, auf einer Party, das war der absolute Zufall, aber wir sprachen nicht viel miteinander, vielleicht über die Maden, das war doch ein Reißer, sicher haben wir gelacht, das weiß ich nicht mehr, aber das dürfte schon stimmen. Ich sah ihm zu, als er irgendein Mädchen küsste und empfand gar nichts Großartiges, ich mochte ihn einfach gerne.
Heute betrachte ich sein Foto und denke, das ist wahrlich ein schöner Mann.
Das Pauli-T-Shirt habe ich weggeschmissen, angehende Juristinnen meinen doch derelinquiert, aber das war gut so. Das ist übrigens auch eine Geschichte, die erzählenswert wäre, vielleicht einmal, denn was kleine Mädchen mit den ersten großen Gefühlen so anstellen, das ist doch zuckersüß.

Warum ich gerade heute und jetzt auf Philipp kam? Ich habe seitdem nicht mehr an ihn gedacht. Komisch. Vielleicht, weil ich langsam verstehe.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (12.10.20)
Die 18 war schäbig?
Diesen Satz würde ich etwas aufräumen, die anderen Schachtelsätze sind besser.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 12.10.20:
Dankeschön.
INS (55)
(12.10.20)
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 Mondscheinsonate antwortete darauf am 12.10.20:
Oberflächliches Getue war wohl auch teilweise recht wohltuend.
Fisch (55)
(12.10.20)
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 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 12.10.20:
Ah, sehr interessant, wusste ich nicht.

 minze (13.10.20)
mir gefällt auch diese Stelle "Und, ich weiß noch, dass er sagte, er hätte sich dies schon so lange gewünscht und das war echt, aber damals war das so, dass man nichts weiter verfolgt, was irgendwie nahe ging. " und der direkte Übergang zu der Madengeschichte. Das ist so direkt in dieser Phase drin, das führt mich direkt ins Erleben und Leben rein (gerade auch in diesem netten Überraschungsmoment). Steh da mehr drauf, als auf diese selbstreflexiven Momente und die Ansprachen an den Leser - sie reißen mich aus dem Pulsierenden, aus dem Lebendigen des damals Erlebten heraus, weil ich da nicht die Verbindung zur heutigen Protagonistin finde, vll. weil die damalige so impulsiv ist und die heutige eher am Leser klebt, dem viel direkt sagen will und in einer so seltsamen Distanz zum damaligen Ich steht, hm, diese Distanz kann ich nicht überbrücken.
"Das ist übrigens auch eine Geschichte, die erzählenswert wäre, vielleicht einmal, denn was kleine Mädchen mit den ersten großen Gefühlen so anstellen, das ist doch zuckersüß. " das wirkt so auf mich, z.B. "nein, ich rechtfertige meine Vergangenheit sicher nicht" - das reißt mich auch heraus, aus dem, wie du das Damalige schilderst.


"Ich habe seitdem nicht mehr an ihn gedacht. Komisch. Vielleicht, weil ich langsam verstehe." hier ist die heutige Protagonistin weicher und schafft eine Verbindung, eine innere von damals zu heute. das finde ich gut.

liebe Grüße!

Kommentar geändert am 13.10.2020 um 08:58 Uhr

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 13.10.20:
Nun, die seltsame Distanz vielleicht, weil ich heute ein komplett anderer Mensch bin, daher. Das kann und muss ich behaupten. Damals war ich herziger ;)

 minze ergänzte dazu am 13.10.20:
Ja, aber ich sehe nicht, wie es funktioniert in dem Text. du schreibst jetzt ganz offensichtlich von dir, also lasse ich mal das mit Protagonistin etc weg:

ich will erfahren, was die Verbindung von damals zu heute ist, das muss für mich deutlich und fühlbar werden. Und wenn es die Abgrenzung sein soll, wenn die deutlich werden muss, dann müsste für mich deine Person im heute deutlicher werden und die begegnet dann selbst irritiert der damaligen. oder die Gemeinsamkeiten, das Mädchen, was immernoch da ist, muss heute und damals Verbindung schaffen.

Und wenn das heute mit damals nichts zu tun hat, dann würde ich das heute rauslassen, dann wirkt für mich das damals mehr.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.10.20:
Siehe es als Episode und das ist es auch. Wenn du es nicht mehr zerpflückst, bist du auf dem richtigen Weg. Ich schrieb bereits, ich war anders, dann kann die Verbindung gar nicht funktionieren, weil sie gar nicht gewollt ist.

Antwort geändert am 14.10.2020 um 05:52 Uhr

 minze meinte dazu am 14.10.20:
OK ich halt mich zurück mit dem zerpflücken. Wenn du damit nichts anfangen kannst.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.10.20:
Nein, ehrlich gesagt nicht und ich kann auch nicht nachvollziehen, warum du einen Bezug zum Heute krampfhaft herstellen möchtest. Bis auf den letzten Satz ist es eine eigenständige Geschichte.
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