Der Arzt

Erzählung zum Thema Absurdes

von  Mondscheinsonate

In seiner rasenden und maßlosen Eifersucht auf mich und auf das, was ich alles geschafft hatte, fand er nichts mehr, womit er mich kränken konnte und ging daher auf meinen längst verstorbenen Großvater los. Es war ihm ein Dorn im Auge, dass mein Großvater ein Stabsarzt im Krieg war und seiner ein Matrose, soweit mich meine Erinnerung nicht täuscht und abgesehen davon, dass es egal war, das Grauen sahen alle, war ihm die Betonung wichtig, dass sein Großvater das echte Grauen gesehen hat, hingegen meiner privilegiert war und in Stiefeln herumstolzierte. Schöne romantisierte Vorstellung, aber mein Opa war in Stalingrad.
Gedacht habe ich mir damals: "Hätt' er was g'lernt!" Ich war zornig, schwieg aber, weil ich immer bei seinen hirnlosen Kommentaren schwieg. Opa sagte immer: "Diskutiere nicht mit Deppen, die ziehen dich auf ihre Stufe runter!" Recht hatte er.
Mein Großvater war eines von sechs Kindern, wovon zwei Buben starben, drei Mädls und er blieben. Der Vater fiel im Ersten Weltkrieg, die Mutter war Modistin, Hutmacherin, und fütterte ihre Kinder alleine durch. Der Opa, Richard, wurde in der Grundschule sehr krank und musste ein Jahr wiederholen, aber schaffte den Sprung ins Gymnasium, genauso auch Grete, die mit ihrer außerordentlichen Schönheit und Intelligenz herausstach. So maturierten beide, die anderen zwei Schwestern gingen bei der Mutter in die Lehre. Grete studierte Philosophie auf Lehramt und der Richard wurde Arzt. Das Schul- und Universitätsgeld sparte sich die Mutter vom Mund ab, dafür gab es weniger zu essen. Der Opa sagte immer: "Grete und ich lernten besonders fleißig, denn wir wussten, was es kostete." Damit meinte er nicht nur Geld.

Jetzt würde ich weniger zornig denken, sondern nur über Resilienz nachdenken, denn beide sahen das Grauen und spürten es, aber es kommt auf die Verarbeitung an. Der Großvater war mental stärker, als der andere. Ganz einfach.
Er kommt nicht aus einer Akademikerfamilie, daher der Hass und die Abneigung gegen Bildung. Er hat keine humanistischen Werte mitbekommen, sondern nur Standesdenken und Schubladenmentalität. Hat keine Willensstärke, Sitzfleisch und sein Lebenselexier ist Phrasendreschen, deshalb ging er auf meinen Großvater los. Scheitern sieht er gerne, deshalb ist es ihm nur Recht, dass seine Wiedergewonnene scheiterte, zu ihm herabsank in Sucht und ins Nichts. Bei mir hat er das nicht geschafft, denn ich bin die Enkelin eines starken Mannes, der am Schluss nochmals so viel Leid erleben musste, der mir die besten Werte mitgab, Bildung ans Herz legte und zeigte, wie man sich nicht so schnell erschüttern ließ. Mein Großvater jammerte niemals, nahm die Dinge wie sie kamen, behielt aber stets seine eigene Meinung.
Er sagte: "Egal, hinterfrage alles, was du hingeworfen bekommst!"
"Opi, wieso hast du dich nicht dem Widerstand angeschlossen?"
"Weil ich Angst hatte."
Das war das erste und einzige Mal, wo wir über ein mächtiges Gefühl sprachen.

Nun, das Hasspamphlet gegen meinen Großvater war zu lächerlich, war ein reiner Zorn wegen eigenen Scheiterns.
Er ging immer auf die los, die menschlich höher gestellt waren und sind als er es ist.

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Kommentare zu diesem Text

Nimmer (45)
(14.11.20)
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.11.20:
Danke für's Lesen und das ist mit dem Ego, so meint man, dem Kritiker sein Hyper-Ego herauszulesen, der wie Gott urteilt. Aber ja, ich bin normal nicht kritikresistent, nur, diese war mir zu sehr von oben herab. MSS
Lesen wäre gut, ich reduziere keine MENSCHEN, sondern EINEN und das passt schon so, jedes Wort. ;)

Antwort geändert am 14.11.2020 um 15:49 Uhr
Nimmer (45) antwortete darauf am 14.11.20:
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 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 14.11.20:
Gut ich meine.

 minze äußerte darauf am 14.11.20:
Ich gebe Nimmer Recht,auch im Bezug auf die von ihm zitierte spannende, "echte" Stelle.


Wäre die Geschichte nur die der Großeltern gewesen ohne die Abwertung einer anderen Klasse (die Argumentation als ernsthafte bzw Hintergrund einer Herabsetzung des Partners im Beziehungsstreit ist so eindimensional, genau das macht auch die bloße Auseinandersetzung zwischen den Partnern, die Degradierung so eindimensional und langweilig, Einbahnstraße).
Also wäre nur die Kriegsgeschichte und der Bezug der Protagonistin, die Lebenslinien,die sie von sich zu den Großeltern zieht,gewesen - wäre es in sich liegend spannend als Reflexion.
Nimmer (45) ergänzte dazu am 14.11.20:
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.11.20:
WER wertet eine KLASSE ab? Mein Opa kam aus kleinen Verhältnissen und hat sich hochgearbeitet. Der Kerl kommt aus einer schwerreichen Family. Nur so nebenbei. Also, was redet ihr da? Ich komm da nicht mit. Aber gut, wenn ihr das so seht, dann ist das für euch so. Ich habe noch niemals jemanden, außer DIESE Person abgewertet, die wiederum alle abwertet, aber das wisst ihr nicht, das ist schon klar.
Ad Nimmer, das argumentum ad hominem war nicht böse gemeint gegen dich, sondern gegen deine Art und Weise etwas rüberzubringen.

Antwort geändert am 14.11.2020 um 17:09 Uhr
Nimmer (45) meinte dazu am 14.11.20:
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.11.20:
Mein Opa hat mich gemacht, soviel kann ich dir sagen. Daher, greift man ihn an, greift man mich an. Ich gebe dir schon recht, ja, dass jeder ein eigenständiges Individuum ist, aber was Werte angeht, so bin ich überzeugt, dass diese familienbedingt sind, verschärft werden durch Peer-Groups, jedoch schmeißt man sich in jene, die den Werten, die man vermittelt bekommen hat, ähnlich sind. Somit denke ich nicht, dass jedes Individuum komplexer ist als seine Herkunft. Im Übrigen, finde ich deine Ausführung, jetzt ein Lob, sprachlich äußerst fein. Ich mag das. Besser als das Anfangspost. Du hast es wirklich missverstanden, das muss ich dir sagen, denn, wie geschrieben, greift man ihn an, greift man mich an, das ist die Aussage dahinter. Ein Standesdenken ist hier überhaupt nicht und war auch nicht meine Intention.
Nimmer (45) meinte dazu am 14.11.20:
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.11.20:
Dann haben wir uns beide falsch verstanden. Sorry.
Nimmer (45) meinte dazu am 14.11.20:
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 Dieter_Rotmund (15.11.20)
Ganz gerne gelesen., wobei der Eifersüchtige im Gegensatz zum Großvater sehr unscharf bleibt. Das tut dem Text nicht gut.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.11.20:
Danke. Der wurde zu oft erwähnt, daher konzentrierte ich mich eher auf den Großvater.

 minze (16.11.20)
„Es war ihm ein Dorn im Auge, dass mein Großvater ein Stabsarzt im Krieg war und seiner ein Matrose,“
„Gedacht habe ich mir damals: "Hätt' er was g'lernt!" Ich war zornig, schwieg aber, weil ich immer bei seinen hirnlosen Kommentaren schwieg. Opa sagte immer: "Diskutiere nicht mit Deppen, die ziehen dich auf ihre Stufe runter!"“
„…Der Großvater war mental stärker, als der andere. Ganz einfach.
Er kommt nicht aus einer Akademikerfamilie, daher der Hass und die Abneigung gegen Bildung. Er hat keine humanistischen Werte mitbekommen, sondern nur Standesdenken und Schubladenmentalität.“



Das ist für mich Klassendiskussion und Stellvertreterkrieg.
Dieses Gegenüberstellen von Akademikermilieu / „etwas gelernt“ haben/ ohohumanisitischen Werten versus „Hirnlosigkeit/Deppentum/Bildungslosigkeit/Fehlende Werte/Schubladendenken.
Eigentlich in sich schon sehr widersprüchlich, da das humanistische Denken diesem Gegeneinander Ausspielen und innerhalb von Milieus denken widersprechen müsste. Und die nichtakademischen in die Schublade des Schubladendenkenden zu stecken – ähm.

Naja du schreibst ja selbst, dass du das auch nicht so Hinterfragen würdest, dass der Angeklagte widerspruchsfrei so zu beurteilen sei, insofern bleibst du ja ganz konsequent in deiner Perspektive. Wollte nun nur nicht mich so kommentar- und erklärungsfrei aus dem Staub machen 😊
lg

 Mondscheinsonate meinte dazu am 16.11.20:
Schön, dass du dich jetzt besser fühlst, aber das Gute ist ja, ich geb dir oft genug Text dazu. Zur Kritik: Nein. War und ist nicht meine Intention.

 minze meinte dazu am 16.11.20:
Ich wollte begründen, woraus mein Eindruck dieser "Eindimensionalität" und der Argumentation aus Klassendenken entstand.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 16.11.20:
Dann lies den Satz über die Resilienz mit, das wäre reizend.

 minze meinte dazu am 16.11.20:
ja, der Ansatz wäre interesssant. psychologisch und nicht so klassifizierend. aber da hab ich keine Geschichte, keinen Nachgang, keine Ausführung gelesen-
als nur: der eine Großtvater war resilient /mental stark, der andere nicht, fertig aus.
Wird nicht ganz klar, welcher resilient war, bin mal ausgegangen, der deine.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 16.11.20:
Dann mach dir deine Geschichte dazu, dafür sind Erzählungen da. Das sind nicht nur Sätze, sondern Welten. So liest man.
finnegans.cake (39) meinte dazu am 16.11.20:
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 17.11.20:
Ich schreibe grundsätzlich wie ich möchte, wenn es DIR recht ist.
finnegans.cake (39) meinte dazu am 17.11.20:
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