Überleben bei Minusgraden

Bericht zum Thema Entscheidung

von  nautilus

Eine Packung Gauloises Rouge deckt den Tagesbedarf. Immer wieder fünf Minuten weit weg von allem. Eine Gewohnheit aus Klinikzeiten. Wenn du in der Geschlossenen Frischluft willst, wirst du unweigerlich Raucher. Das einzige angeklappte, aber natürlich vergitterte Fenster, gibt's im Raucherraum, in der Regel gleich neben dem Schwesternzimmer. Zwangssozialisation mit den anderen Patienten. Kaffee aus dem Automaten kann da schon eine Liebeserklärung sein. Flirts und Sex kann man, selbst auf der Psychiatrie, nur schlecht unterbinden und mit der Zeit lernst du die Tabletten geschickt im Mundraum zu verstecken. Dann läuft's auch bald  wieder mit der Potenz. Weihnachten vor fünf Jahren hat so eine Lisa mir aus ungeklärten Gründen, nach einem Kuss eine Christbaumkugel ins Gesicht geworfen. Das war dann aber auch das Highlight dieser Feiertage, mit der Ausnahme, dass ich ziemlich sicher bin einer der wenigen  zu sein, der Sex auf der Geriatrie hatte. Ungewöhnlich vital für diese Abteilung. Im allgemeinen gibt es aber bessere Möglichkeiten um Frauen oder Männer kennenzulernen und ich verbringe die Festtage nun lieber im Kreise meiner Liebsten. Es lohnt, gesund zu bleiben und halbwegs an der Gesellschaft teilzuhaben. Die ist nämlich gar nicht so mies, wenn man lernt, über die ganzen wahnsinnigen Normalos hinweg zu sehen. Besser als Sex im Krankenhaus ist nämlich parieren, ausweichen und gesund bleiben. Die Verbindung fürs Leben findest du nicht an so einem Ort. Und der Frühling im Freien, ein paar zerquetsche Wiesenblumen, kann da doch schon mehr.

Kommentare zu diesem Text


 Alazán (17.12.20)
Ich mag die Dissoziation zwischen den Topoi "Kann schon mehr" und "Ist halt hier", dazu recht sachlich berichtet, was dem für Manche vielleicht Unzugänglichen Stoff eine gewiss "lustige" Anschaulichkeit bietet. Nice.
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