Dominant

Erzählung zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

In meiner Familie gab es nur gefühlsarme, ja, gefühlskalte Menschen. Heute weiß ich, dass das mit der Strenge der Erziehung hervorgegangen ist, damals waren eben andere Zeiten, aber interessanterweise sind meine Schwester und ich nicht so geworden, wenngleich ich besser mit solchen Menschen umgehen kann als sie.
Wenn ich denke, der Großvater, ganz oben in der Hierachie, zeigte nur bei mir Gefühle, ausschließlich, wohl nicht immer positive, aber dafür heftige. Ihn konnte ich herausziehen aus der Kälte, dann lachte er oft, wenn ich in seine Ordination lief, ohne zu klopfen, nur, um mich auf seinen Schoß zu setzen, justament, wenn eine Patientin gegenüber saß. Diskretion war mir unbekannt, bis mich die Großmutter an den Ohren herauszog.
Ja, und sie, nein, konnte man gar nicht knacken, also nicht mit Umarmungen, das fand sie schrecklich, allerdings mit Worten doch umgarnen, die mussten klar sein und knapp, dann gab sie nach, schimpfte dann aber nach, ärgerte sich selbst über ihre Nachgiebigkeit.
Die Mutter war kalt wie eine Hundeschnauze, ein "Ich liebe dich", hörte ich niemals, warum auch? Sie meinte: "Du kannst nichts und du bist nichts!" Damit wollte sie ihr lebenstechnisches Versagen auf mich übertragen, denn niemand war eifersüchtiger als sie. Ich denke auch, deshalb habe ich die letzten zehn Jahre alles gelernt, was ich finden konnte, vom Lehrabschluss bis zum Jusstudium, weil diese Kränkungen tief sitzen, aber mittlerweile, so denke ich, habe ich das überwunden, weil ich sie schon menschlich und lebenstechnisch zehnmal überholt habe. Dennoch, ich habe auch sie permanent umarmt, weil ich nach Umarmungen hungerte, lernte schnell, dass ich, von denen aus, nie eine bekommen hätte, also musste ich sie mir holen. Eine Zärtlichkeit war eine Holschuld.
Mein Vater sagte vor der Operation das erste Mal: "Ich hab dich lieb!" Nach 44 Jahren und ein paar Monaten die erste Gefühlsregung. Erstaunlich, dass man so leben kann, überlege ich, so ganz ohne Liebe zeigen.

Mein Ex-Lebensgefährte war auch so wie meine ganze Familie, liebte mich aber, das zeigte er durch Geschenke. Er konnte nicht aus seiner Haut heraus. Im Grunde nahm ich mir meinen Großvater, so widerlich das klingt, aber das endlose Monologisieren, ja, schwafeln, das war gleich und die Strenge sowie Güte ebenso, auch das "ich bin jemand und zeige es auch", alles gleich.
Tja, und Bernhard war meine Mutter, das führe ich nicht mehr aus, komplett gleich.
Ja, alle umarmte ich, es war mir ein Bedürfnis, ich hungerte nach Liebe.
Meine Schwester umarmte nicht, litt still in sich hinein, ist jetzt innerlich zerbrochen. Das tut mir in der Seele weh. Jetzt umarme ich sie oft, wegen Corona jetzt nicht, aber sonst viel. Sie braucht das und ich auch.

Aber, irgendwie, ich glaube, es gab mir auch eine diabolische Freude, diese Menschen herauszulocken aus ihrem Panzer. Wenn es gelang, empfand ich eine Genugtuung. Nein, das war alles nicht gesund.

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Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (17.01.21)
ich scheue eigentlich davor zurück, diesen Text zu kommentieren, um die Gradlinigkeit nicht einzuschränken. Wer solche Situation kennt, dem entlocken Formulierungen wie
"die diabolische Freude den Panzer zu durchbrechen",, ein Auflachen, und vielleicht, je nach Sensibilität, hoffentlich liest das kein Pfarrer, oder sonst ein in Formulierungen Verlorengegangener.

Kommentar geändert am 17.01.2021 um 08:50 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 17.01.21:
:)

 Dieter_Rotmund (17.01.21)
Flüssig geschrieben, Nabelschau vermieden, aber mir persönlich etwas zu rührselig.

 DanceWith1Life antwortete darauf am 17.01.21:
hätte mich gewundert, wenn da kein "Schmö" von D.R. kommt, zumindest bleibt er "persönlich", es geschehen noch Zeiten und Wunder, lach.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 17.01.21:
Rührselig? Wäre das nicht ein Gesuder darüber? Ich sehe es nüchtern.
greto (53) äußerte darauf am 17.01.21:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 unangepasste (17.01.21)
Kommt mir bekannt vor. Ein großer Teil meiner Familie, fast alle, sind und waren auch so. Meine Eltern waren nie zärtlich zueinander. Ich habe mein Leben lang nicht gesehen, dass sie sich einmal umarmt hätten. Später haben wir Witze darüber gemacht, wie sie dennoch zu fünf Kindern kamen.

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 17.01.21:
Gute Frage, durch Handschlag, vermutlich.
Ich glaube, Gefühle hatten durch zwei Kriege hindurch keine Daseinsberechtigung und das gaben die ihren Kindern, aber wir konnten das dann endlich durchbrechen.

 niemand meinte dazu am 17.01.21:
@ unangepasste
Was Du schreibst, das kenne ich auch und zwar sehr gut.
Der Witz, wie Deine Eltern dann dennoch fünf Kinder bekamen
hat mir jetzt ein Schmunzeln beschert

@ Mondscheinsonate
Ich finde diesen Text keinesfalls "rührselig". Er ist gut geschrieben.

LG niemand

 Mondscheinsonate meinte dazu am 17.01.21:
Ganz lieben Dank, niemand!!!

Antwort geändert am 17.01.2021 um 18:46 Uhr

 Palytarol (17.01.21)
Eine Zärtlichkeit war eine Holschuld.

Mein Lieblingssatz in Ihrem Text.

Ich denke, die Dinge haben sich unterdessen gebessert.
Emo-Krüppel, sozialisiert im bürgerlichen Muff weiter Teile des 20.Jahrhunderts, sind Opfer ihrer Zeit. Was sie anrichteten, sollte ihnen nachgesehen werden ..

 Mondscheinsonate meinte dazu am 17.01.21:
Konnten nicht anders. Ich weiß.

 eiskimo (17.01.21)
Du bringst lebenswichtige Dinge, Urmenschliches, mit ganz einfachen Mitteln super ´rüber - mich spricht das sehr an!
lG
Eiskimo

 Mondscheinsonate meinte dazu am 17.01.21:
Ganz lieben Dank! Ich glaube, das betrifft uns alle irgendwie.
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