Gefühl

Erzählung zum Thema Allzu Menschliches

von  Mondscheinsonate

Manchmal, wenn ich den Okopenkoweg entlanggehe, bleibe ich vor den Fenstern der Musikgrundschule stehen und lausche dem Klavierspiel. Manche sind durchaus talentiert, andere weniger, aber da gibt es eine handvoll, deren Spiel perfekt klingt, diese beherrschen ihr Handwerk gekonnt, aber es geht nicht in meine Seele als Zuhörerin, das sind die wahren Unbegabten in meinen Ohren, das tut mir richtig weh. Die ehrgeizigen Mechaniker, die nur ihr Handwerk gelernt haben, aber hat nichts mit Liebe zu tun.
So geht es mir manchmal, wenn ich einen Text lese, handwerklich perfekt, aber kein Herz klopft zwischen den Zeilen. Das ist komisch, ist nur so ein Gefühl, oder besser gesagt, gar keines. Dabei geht es nie um Themen, sondern um zuviel Ernst, ich weiß es nicht, es liegt vielleicht nur an mir.
So denke ich gerade etwas ganz Anderes, mein Vater kommt morgen aus dem Gefängnis, pardon, aus dem Krankenhaus und heute lachten wir wieder viel, irgendwie kamen wir auf meine Oma, da meinte ich, dass sie ein Mundwerk wie ein Bierkutscher hatte und da sagte Papa trocken: "Na ja, passt ja, schließlich ist sie neben der Brauerei aufgewachsen."
Ich musste so lachen, ich wusste das gar nicht, aber sehr treffend. Und, mein Vater ist ang'fressn, man sagt bei euch angepisst, weil er meint, er müsse jetzt mit den Rucksackidioten herumgehen. Er muss auf Kur fahren und in die Therme, das hasst er, da brunzen die Leut' ins Wasser, ich lachte laut auf, er meinte, da pissen sie ins Wasser, die Oma hätte das Wort "wischerln" verwendet und über den Gedanken musste ich auch lachen, denn meine Stiefmutti, in letzter Zeit nur noch Mutti abgekürzt, erzählte mir, als sie Kind war, gab es in ihrer Straße in Großjedlersdorf die Wischerltant', weil, die hat immer auf der Straße ihre Röcke leicht angehoben und über Kanaldeckeln gebrunzt, also Wasser gelassen. Ich hab mir das bildlich vorgestellt, da war ja die Frau Boresch, in meinem Haus, ganz harmlos, die hat nur gebrunzelt, sagten wir, fein nach Urin gestunken und zwar heftig. Wie kam ich jetzt- ach ja, der Papa und die Therme, da bin ich gedanklich bei ihm, ich mag das auch nicht.
Und, ja, so schreibt jeder wie er kann, doch das Gefühl entsteht im Leser und man merkt, ob jemand locker ist, man merkt jede Stimmung, jede Haltung, fast das ganze Leben in ein paar Sätzen. Aber, die Oma, ich sag's euch, die konnte erzählen, man musste es sich nur übersetzen ins Sittliche. Ich lächle und so vermisse ich manchmal die alten Geschichten und versuche sie wiederzugeben. Das, meine Lieben, war Leben, ich kann nicht neue erfinden, dazu fehlt mir die Phantasie. Meine größte Blockade.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram