Wer findet den Fehler?

Lehrstück zum Thema Fehler

von  Bergmann

Thomas Manns Grammatikfehler:

Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs von Preußen; der geduldige Künstler, der in langem Fleiß den figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee versammelnden Romanteppich, ‚Maja‘ mit Namen, wob; der Schöpfer jener starken Erzählung, die ‚Ein Elender‘ überschrieben ist und einer ganzen dankbaren Jugend die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheit jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der leidenschaftlichen Abhandlung über 'Geist und Kunst', deren ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement über naive und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höheren Justizbeamten geboren.

[Der Tod in Venedig, erster Satz des zweiten Kapitels]

Der Fehler ist schwer zu erkennen. Mancher wird ihn nicht für einen Fehler halten, sondern für einen leichten Ausdrucksfehler. Ich bin aber sicher, dass Thomas Mann seinen Fehler auch für einen Grammatikfehler gehalten hätte, sofern man ihm die fragliche Stelle gezeigt hätte. Soviel sei noch verraten: Es geht um ein einziges Wort.

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Anmerkung von Bergmann:

(Die Anregung, nicht aber die Lösung, fand ich in: Michael Maar, Die Schlange im Wolfspelz - Das Geheimnis großer Literatur.)

Kommentare zu diesem Text


 loslosch (07.02.21)
ernster.

geschieht dem girlandenreich vortragenden T. M. recht!

ps: robert neumann gewidmet. hahaha.

 Bergmann meinte dazu am 07.02.21:
Nein.
ernste Beurteiler - Akkusativ-Objekt zu vermögen, das ist korrekt.
:-)
greto (53) antwortete darauf am 08.02.21:
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 loslosch schrieb daraufhin am 08.02.21:
jedenfalls ist dieser satz monströs. halbwegs zurechtgebogen wird er durch "vermochten".

wenn das stimmte, wäre es ein schwerwiegender grammatikfehler.

 Bergmann äußerte darauf am 08.02.21:
Tja, ihr kommt alle nicht drauf.
Tipp: Viele Fehler entstehen durch ungenaue (falsche) Bezüge.
Mehr sage ich erst mal nicht.

 Graeculus (07.02.21)
Meinst Du Menschenschicksal --> Menschenschicksale?

 Bergmann ergänzte dazu am 08.02.21:
Nein. Ist auch korrekt.
greto (53)
(08.02.21)
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 juttavon (08.02.21)
...da packt mich mein alter germanistischer Ehrgeiz:

"deren ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte," - hier müsste der Plural stehen: "vermochten".

HG Jutta

 Bergmann meinte dazu am 08.02.21:
Nein, leider. Denn man kann die beiden Begriffe als Einheit auffassen, so dass der Singular korrekt ist.

 Bergmann meinte dazu am 08.02.21:
Ich habe mal den relevanten Teil fett gedruckt.

 unangepasste (08.02.21)
Ich kenne "vermochte" in dieser Art der Konstruktion nicht (nur als "imstande sein" oder "zustande bringen", nicht aber als "in die Lage versetzen" oder "dazu bringen", aber das heißt nichts (vor allem nicht, nachdem ich den Nachmittag mit Post Editing verbracht habe - da liest man die ganze Zeit Formulierungen, die man selbst nicht gewählt hätte, und weiß am Ende nicht mehr so recht, was davon nun noch im Grenzbereich liegt und was nicht.) Trotzdem werfe ich es mal in den Raum.

 Bergmann meinte dazu am 08.02.21:
vermögen lt. DUDEN auch heute mit der Funktion nicht nur wie bei Th. Mann mit anschließendem Infinitivsatz, sondern auch mit anderem Akkusativobjekt (in gehobener Sprache) möglich.

 Möllerkies (08.02.21)
Naja, statt »vermochte« müsste so etwas wie »in die Lage versetzte« stehen (»veranlasste« ginge auch, ist aber inhaltlich weniger ähnlich). »Vermögen« hat eben, anders als in der Antwort auf loslosch behauptet, kein Akkusativ-Objekt. Die Lösung ist allerdings nicht, »ernste Beobachter« in einen Genitiv umzuwandeln, sondern das Verb auszutauschen. Es ginge auch »ermöglichte«, »erlaubte« oder »gestattete« mit Dativ.

 Bergmann meinte dazu am 08.02.21:
Auch ein Infinitivsatz ist als Akkusativobjekt auffassbar - wenn wir uns nicht an die lateinische Grammatik halten -, der Infinitivsatz ist ersetzbar durch ein 'klassisches' Akkusativobjekt.
Das oben gemeinte Akkusativobjekt ist jedoch: ernste Urteiler.

Antwort geändert am 08.02.2021 um 20:56 Uhr

 Möllerkies meinte dazu am 08.02.21:
Ja, und ich muss mich korrigieren: Im  Grimmschen Wörterbuch gibt es lange Ausführungen zu einer transitiven Form von »vermögen«: »trans., macht haben über etwas, in älterer zeit gern mit dem persönlichen accus. ohne weiteren zusatz. heute accus. meist durch satz mit zu ergänzt«.

Insofern schlägt der Entzauberungsversuch, wenig überraschend, fehl – und so hast du dein Rätsel ja auch aufgelöst.

 Bergmann meinte dazu am 08.02.21:
Es war kein Entzauberungsversuch. Es war einfach nur Lust an der Grammatik mit Schnittmenge zum Stil hin.
Thomas Mann schätze ich seit meinem 18. Lebensjahr als meinen wichtigsten deutschsprachigen Autor (neben Kafka, Goethe, Büchner, Kleist, Schiller, Brecht ...).

 Ralf_Renkking (08.02.21)
'derer', weil es sich um ein vorausweisendes Demonstrativpronomen handelt? 🤔

 Bergmann meinte dazu am 08.02.21:
Nein, derer ist nicht die richtige Korrektur.

 Palytarol meinte dazu am 08.02.21:
'dessen' (der Verfasser)

 Ralf_Renkking meinte dazu am 08.02.21:
Passt, denn "Beredsamkeit" bezieht sich auf "Verfasser".

 Bergmann meinte dazu am 08.02.21:
Heureka! Palytarol, ja, das ist es: dessen statt deren!
Natürlich wird mancher behaupten, auch die Abhandlung habe ordnende Kraft etc., und ein anderer wird sagen: eine leidenschaftliche Abhandlung gibt es nicht ...
Fazit: Einen schweren Fehler beging Thomas Mann natürlich nicht, jeder versteht den Satz.
Interessanter wäre wohl eine Stil-Kritik dieses Satzes, vor allem seines Schlusses (was auch Maar meint).

Antwort geändert am 08.02.2021 um 21:23 Uhr

 loslosch meinte dazu am 08.02.21:
ich fasse zusammen: "... der Verfasser ..., dessen ... Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte, sie ... zu stellen."

wieder eine verbale schlittenfahrt mit sturz am ende.

Antwort geändert am 08.02.2021 um 21:38 Uhr

 Bergmann meinte dazu am 08.02.21:
Michael Maar meinte, dass folgender Schluss schwach sei: "... Gustav Aschenbach also war zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höheren Justizbeamten geboren."

Die amerikanische Übersetzung beginnt mit diesem Schluss!

Ich denke, dass die Übersetzung nur angelsächsische Lesegewohnheiten mittelmäßiger Romane bedient.

Maar meint: Der Berg kreißt und gebiert eine Maus.
Ich schließe mich Maar an. Der Beginn des 2. Kapitels von "Der Tod in Venedig" gehört nicht zu den stilistischen Höhepunkten bei Thomas Mann.

 Reliwette meinte dazu am 16.03.21:
O ja, auch ein begabter Schriftsteller/ Poet kann mal einen grammatikalischen Fehler machen. Wie aber ist es bei den Bildenden Künstlern, die sich in Malerei und/oder Skolpturen ausdrücken? Wenn du einem Pferd nur ein Auge malst, z.B. in der Seitenansicht, oder gar zwei, fällt das leicht auf, so wie ein dreibeiniges Schaf. Ist das nun amputiert? Gegessen? Oder ein Betrachtungsfehler des Malers? Lest dazu bitte "Eine kleine Fehlertheorie" aus meiner Feder - hier auf KV.
Herzliche Grüße an alle Beteiligten!
Venceremos!
Hartmut

 Bergmann meinte dazu am 16.03.21:
Es ist ja eher nur eine stilistische Fraglichkeit.
Wie dem auch sei, gleich lese ich deine Fehlertheorie.
Herzlichst: Uli
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