Das Ekelhafte

Innerer Monolog zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

Das Ekelhafte will man lesen, schreibt Dieter, wohl wahr, denn Fakt ist, dass ein Autounfall, den man sieht, ins tiefste Innere geht, man nicht wegsehen kann, das Grauen die eigene heile Welt erschüttert. So schrieb Bernhard, der Thomas, dass er rausgehen muss, um nicht verrückt zu werden, aber geht er raus, wird er verrückt und diese Gedanken steigerte er ins Unermessliche, wie immer, daher liebe ich ihn, weil er immer Recht hatte bis zur Penetranz die Wahrheit steigerte, so gehen wir auch hinaus, um nicht verrückt zu werden und werden schlussendlich verrückt, da draußen in der Welt, aber das Verrücktwerden fasziniert uns, so auch der Autounfall, doch irgendwann braucht man auch eine Pause vom Grauen, ich ging hinaus, aus dem Datingportal, das ein täglicher Autounfall war. Das Grauen kam schon in der frühsten Früh, wenn ich Nachrichten las und die Erkenntnis, dass fast niemand, absolut niemand, jemanden an seiner Seite sucht, sondern nur Frust und Aggression loswerden wollte, die Einsamkeit, ja, Vereinsamung in Pornogeschichten zum Besten geben wollte, heimliche Gelüste, die nicht gesellschaftsfähig sind, Wildfremden erzählen mussten, wohl wurde man zum Psychiater, der nur zuhören sollte, gar nicht wirklich darauf eingehen sollte, dann die, die ihre Zerbrochenheit in einer ellenlangen Suada kundtun mussten, unerträglich, ja, auf unerträglichste Weise sich wortwörtlich erbrachen, belästigten mit Potenz, protzten, sich in das helle Licht stellten, wohl, ins hellste Licht oder ihre fehlende, mangelnde Erziehung zur Schau stellen mussten. Meistens in fehlerhaftem Deutsch, fehlerhaft als Österreicher, das Versagen der Bildungspolitik dreifach unterstrichen.
So las ich das Grauen Tag und Nacht, tagelang, monatelang, jahrelang und dann kam der Punkt, wo das Grauen, das Grauenvollste, das ich jemals sah, schlimmer als alles, was ich jemals sah, nämlich fast nur kaputte Männer, kaputt gemacht durch Beziehungen, das Leben, die Erziehung, ein Ende haben musste, sonst wäre ich kaputt geworden, kaputter als diese, zerstört worden, es war fast soweit, ja, es war der Punkt eigentlich schon überschritten.
Und ich sah B., wie er täglich krampfhaft Frauen für kranke sexuelle Episoden suchte, während er im Facebook von der großen Liebe schwafelte, er war der Kaputteste überhaupt, wurde geistig immer kränker, die Texte waren derart krank, dass ich mich fragte, ob das der Mensch war, mit dem ich im Kaffeehaus saß und gemütlich plauderte? Nein, das war er längst nicht mehr, die Drogen haben ihn kaputt gemacht, eliminiert, den letzten Funken Leben und Anstand ausgehaucht, das war nur noch zum Fremdschämen. Und, ich fragte mich, ob ich das wirklich noch sehen muss, sehen will und überhaupt den Rest, diese kranken Menschen und kam zu dem Schluss: Nein. Und, überhaupt, das Kranke interessiert nicht mehr, es wurde Zeit sich dem Gesunden zu widmen, so hörte ich zeitgleich nach 30 Jahren mit dem Rauchen auf, weil ich das Grau nicht mehr ertragen konnte und wollte.
So glaubte ich, ich gehe raus, um nicht verrückt zu werden, wurde aber beinahe verrückt, weil es überall das Grauen gibt, ging wieder hinein in die Wohnung und bemerkte, dass es hier drinnen nichts mehr gibt, das mich verrückt machen könnte, denn hier gibt es, außer mir, nichts menschliches mehr. Stille. Endlich. Ich sehe nichts.

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Kommentare zu diesem Text


 nadir (12.02.21)
das ist sehr eindringlich geschrieben und hat mich mitgenommen!

lg
nadir

 Mondscheinsonate meinte dazu am 12.02.21:
Dankeschön.

 Ralf_Renkking (13.02.21)
Solange Du darauf wartest, dass er durchrostet, nützt Dir sogar im goldenen Käfig der Schlüssel nichts. 🙂

Ciao, Frank

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 13.02.21:
Das ist klar, aber ein wenig Stille schadet nicht.
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