Zwischen den Zeilen

Erzählung zum Thema Erbe/ Testament

von  Mondscheinsonate

...in einem Buch von Dostojewski hatte der Großvater ein längst vergilbtes Tütchen aus Papier, wo alte Fotos darin waren. Nahm man die Fotografien heraus, sah man Leichenberge, gestapelt, knochige Körper auf Stühlen, die von Ärzten begutachtet wurden, Studentengruppen, die rundherum standen, einen Ofen mit viel Asche darin und eines zeigte den Großvater in Wehrmachtsuniform, lächelnd.
Als er starb, schenkte ich die Fotos dem Staatsarchiv. Man bot mir an, herauszufinden, was mein Großvater im Krieg machte, ich lehnte ab, sagte, er war in Stalingrad, mehr will ich nicht wissen.
Als ich in Hartheim stand, mitten in der Gaskammer, weinte ich bitterlich, als die Führung meinte, dass es auch einen Ärztetourismus gab, da sahen die Ärzte durch das Guckloch und beobachteten, wie geistig beeinträchtigte Erwachsene und Kinder vergast wurden, wohl für ihre Studien. Man erzählte uns, dass auch Soldaten, die das Grauen nicht mehr ertrugen, verrückt wurden, depressiv, ebenso vergast wurden und von der Jagd nach Alkoholikern und Süchtigen, die sterillisiert wurden, das wurde als Schwäche angesehen.
Ich frage mich, ob B., der diese Zeit verherrlichte, diese Tatsache überhaupt wusste?
Nein.
Ich stand vor den Vitrinen, wo persönliche Gegenstände der verstorbenen Patientinnen und Patienten zu sehen waren. Brillen, Briefe, Teddybären. Zumeist wurden sie gebracht, katalogisiert und sofort vergast. Das war keine Zwischenstation, das war das Ende, dachte ich, als ich auf dem Rasen des malerischen Schlosses saß, das Gras war in derart sattem Grün, dass es fast blendete. Schülergruppen wurden angekarrt, wie damals, aber die kamen wieder lebend heraus.
Die Fotos meines Großvaters verstand ich nicht, ich war zu jung, aber in mir kam ein Grauen hoch, ich weiß es noch, ich begriff es aber nicht. Er sprach nie über Dostojewskis Geheimnis.
Offiziell musste ich den Großvater fragen, ob ich ein Buch aus seinem Glaskasten haben durfte, er gab mir alles, nur nicht Dostojewski. "Der ist zu schwer für dich." Er gab mir Thomas Mann, versperrte schnell den Kasten und stellte sich davor, lächelte. Damals war ich 12 und kannte den Inhalt schon lange.
Vor kurzem bat ich um Auskunft, ich war endlich soweit, es stellte sich heraus, dass mein Großvater nur an der Front tätig war, ich atmete erleichtert auf, ich weiß nicht, wie ich damit umgegangen wäre, wäre die Antwort eine andere gewesen. Ich meine, die vielen Spaziergänge und Gespräche über den Humanismus und die Aufklärung gaben mir so viel, das wäre ein schwerer Schlag gewesen.
Hatten sich schon die Fotos in mein Sein gefressen.

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Kommentare zu diesem Text

Stelzie (55)
(14.02.21)
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.02.21:
Sieht man.

 Dieter_Rotmund (15.02.21)
"Nur an der Front" - Naja.

Wieso hat er denn eine Partei- und keine Wehrmachtsuniform auf dem Bild?

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 15.02.21:
Dir steht sicher kein NAJA zu, weil du kanntest meinen Großvater nicht. AD 1. Und, meine Gedanken hast du nicht zu kritisieren. Okay? Bleib beim Text. Sonst wäre es sehr vermessen.

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 15.02.21:
Die Vergehen der Wehrmacht (ohne SS) sind umfänglich dokumentiert. Natürlich lässt sich damit allein keine persönliche Schuld nachweisen. Ich möchte nur von einer Verharmlosung warnen.
Was für eine Uniform genau ist es denn nun?

Text: Dein Großvater hat von Dostojewski ein Tütchen bekommen? Verstehe ich nicht.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 15.02.21:
Ich verharmlose sicher gar nichts. Alles ausgebessert.

 Dieter_Rotmund ergänzte dazu am 15.02.21:
Ah, ja, jetzt ist der Text wesentlich klarer!

 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.02.21:
Danke.
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