40 Zigaretten

Erzählung zum Thema Abhängigkeit

von  Mondscheinsonate

...habe ich seit dem Lockdown EINS pro Tag geraucht, vorher nur 20 pro Tag,  und seit ich aufgehört habe, habe ich mir 598 Zigaretten erspart. Ich atme auf. Mich gruselt es derart vor 598 Zigaretten und nein, mich stört es nicht, wenn jemand neben mir raucht, ich bin keine militante Nichtraucherin oder Aufhörerin geworden, aber 598 Zigaretten in 15 Tagen ist schon ekelhaft. Man rauchte eine nach der anderen, nicht man, sondern ich, starrte in die Luft, prokrastinierte zwischen Lernpausen, bekam das nicht mit, dass ich 598 Zigaretten in 15 Tagen rauchte, aber, denkt man darüber nach, bekommt man, ich, alle Zustände. So ist das Problem beim Rauchen, dass es unbewusst geschieht, nicht der Vorgang, sondern die Anzahl, nein, ich dachte nie an Zahlen, es klickte nur das Feuerzeug. Und, überhaupt, ich "brauchte" die Zigaretten zum denken, das dachte ich, kreativ denken, Probleme verarbeiten und als ich den Scheißdreck von B. las, drei Lügen in einem Satz, wohl auch mich kränkend, habe ich 40 Zigaretten nacheinander geraucht und hörte danach auf, denn es musste aufhören, alles, endlich. Und, ich begann, ohne Zigaretten zu denken, natürlich, zunächst über Zigaretten nachzudenken, dann darüber, mich nach einer Zigarette zu sehnen, wandelte das Sehnen um in Essen, aß nur noch und jetzt habe ich mich komplett im Griff. Drei Mahlzeiten am Tag und zwischendurch Gemüse, ich kaue Paprika, rot und schön saftig. Nein, ich brauche nichts für die Hände, ich schreibe sowieso dauernd. Gestern habe ich das Bürgerliche Recht begonnen, lernen für die Monsterprüfung. Arbeitsrecht, Anlagenrecht, Abfallrecht, Umweltprivatrecht Besonderer Teil und Energierecht. Nein, die Hände brauchen nichts, denken kann ich auch ohne Zigaretten nach 30 Jahren.

Hingreifen, automatisiert. 598 Zigaretten, wie ekelhaft und das nur in 15 Tagen. Ich konnte nicht mehr gut atmen, war depressiv verstimmt, gefangen im Rauch, in der Vergangenheit. Nun wird der Kopf langsam klarer, ich gehe viel spazieren, brauche frische Luft. Schon am Morgen, es war am Sonntag, strahlte die Sonne so hell, ich zog mich an und ging um acht Uhr früh spazieren, ja, in der Früh, ich brauche Luft, viel Luft. Meine Wohnung riecht nach Chanel Madmoiselle, nicht mehr nach Rauch. Schon am Korridor vor der Türe riecht man mein Parfüm, manchmal riecht es nach Gras vom Nachbarjungen, frische Ernte.
598 Zigaretten, hirnlos, vernebelten mein Sein. Ich lachte heute, das erste Mal seit einem Jahr, stundenlang, ja, mit S. und V., dann auch mit K. Wir hatten ein Shooting, ich war der Clown. Es war so schön. Es ist Karneval. Mir haben Kolleginnen und Kollegen gefehlt, so sehr.
598, nein, nie wieder.

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