Liebe

Erzählung zum Thema Abhängigkeit

von  Mondscheinsonate

Ja, ich muss auch etwas Schönes über die Liebe schreiben, das ist schon ein kitschiges Thema, vielleicht versuche ich es entkitscht zu formulieren. Nein, ich hörte im Leben nicht nur: "Schau mich nicht so verliebt an!" So böse, sondern wurde auch verliebt angesehen, aber das war Jahre zuvor. So wäre es gelogen, wenn ich meinen würde, dass ich noch nie so verliebt war, wie in B., wenngleich im Alter die Liebe etwas schwermütiger wird, das schon, tiefer sitzend, jedoch ich war Hals über Kopf verliebt und das in Sebastian. Wir waren so ein entzückendes Pärchen und es war wirklich schade, dass er psychisch krank wurde, verstärkt durch das ständige Kiffen, im Übrigen sind drogeninduzierte Schizophrenien laut Psychiater Haller gestiegen, das hat den Grund, dass die Substanzen stärker geworden sind, der Mensch auch labiler, aber, das ist ein anderes Thema, will nicht behandelt werden, nicht jetzt, also, auf jeden Fall, sehr schade, aber, das war eben so. Besonders schön war das Ambiente am Wiesersberg in Salzburg, ein 500 Quadratmeter Haus mit Indoorpool und Sauna. Dieses war ans Haus angeschlossen, sowie 3000 Quadratmeter Grund. Alles voller Wildblumen, die Mutter war sehr bedacht auf die Tierwelt, nichts war am falschen Platz, malerische Kulisse, Blick auf das Steinerne Meer, ein Traum mit Fußbodenheizung im ganzen Haus, Terracottafliesen und natürlich in jedem Raum eine Bibliothek, zwei Gmundner Kachelöfen samt Ofenbänken, die zum gemütlichen Nickerchen einluden. Drei Stockwerke, zwei Kellergeschoße, ein Traum von einem Weinkeller. Die Idylle trügte leider oft, aber, auch das ist eine andere Geschichte.
Der Vater drückte uns oft ein Milchkännchen in die Hand, sagte, wir sollen zum Bauern gehen, dort bekamen wir rahmige Milch, den oberen Teil schöpften wir ab, dann machten wir uns Twinings mit Milch und genossen das Umfeld und oft saß ich im Wohnzimmer im Ohrensessel mit einer Decke und las mich durch die Bibliothek, während die Tini neben mir auf der Gitarre zupfte. Und nein, es gab für Basti und mich nichts gratis, für Geld mussten wir hart arbeiten, auch holzhacken. Der Vater war Zahnarzt und Maler. Solche Arbeiten machten wir, seine Hände waren sein Kapital.
Oft fuhren wir nach Maishofen, da hatte der Vater eine Scheune, die sein Atelier war und dort durften wir uns künstlerisch mit namhaften Malern austoben, es wurde laut Musik gespielt und zu einem Joint geschwiegen.
Ja, es war die schönste Zeit in meinem Leben und niemand war, trotz unendlich viel Geld, abgehoben, das waren, mit Abstand, die liebsten Menschen auf diesem Planeten, das fühlte ich so.
Und, irgendwann wurde es gefährlich, Basti und ich nahmen den Voyager vom Vater und fuhren zu einer Hütte am Berg. Es war so viel Schnee, aber es ging. Wir feierten mit Andi Silvester und das war das letzte Mal, dass ich Drogen in Mengen konsumierte, das Koks wechselte mit Dope ab, ich schlief als einzige ein, ich kann immer schlafen, wahrlich. Sie erzählten mir vorher, in der Hütte gäbe es keine Toilette und ich ging hinaus pinkeln, mitten in den tiefen Schnee, aber es gab sogar drei Toiletten, das war eine moderne Hütte, Hauptsache die Landpartie hatte ihren Spaß mit dem Stadtmädchen.
Nun, das war das letzte Mal, dass ich so viel einnahm, denn in der Früh stiegen wir ins Auto und durch das Koks war er wie ferngesteuert, die Kurven waren unerträglich, wir kamen ins Schleudern, kamen aus der Kurve und rasten zwischen Bäumen den Hang hinunter, ein Baum stoppte uns. Totalschaden. Damals hatte noch niemand ein Mobiltelefon, uns war nichts passiert, stiegen geschockt aus und stapften kilometerweit talwärts. Förster und Bauern bargen das Auto, der Vater holte uns mit dem Golf ab, schwieg. Ich hörte den Vater nie schreien. Er sagte ruhig: "Ist euch etwas passiert?" Er sagte: "Sebastian, du hattest eine Beifahrerin, das war unverantwortlich." Er sagte: "Und, das Auto wirst du mir ersetzen, nach und nach." Drehte sich zu mir nach hinten und sagte: "Und du auch." Wir schluckten beide.
Ab dem Tag kam er täglich mit Handwerkerarbeiten, jagte uns bereits um sechs Uhr aus dem Bett und irgendwann kaufte er ein neues Auto, gab Sebastian den Schlüssel für den Golf und sagte: "Der ist jetzt deiner. Jeder verdient eine zweite Chance, aber nur die, keine dritte."
Sebastians Mutter fuhr den Golf betrunken in den Mondsee. Wir hatten den Verdacht, dass dies mit Absicht geschah.

Grundsätzlich war er ein ausgezeichneter Fahrer, jetzt hat er keinen Schein mehr, er hat ihn abgegeben, weil, er sagte: "Ich bin Alkoholiker." Das sagte er 2016, da sah ich ihn nochmals.
Unken meinen, zumeist auf peinlichen Horoskopseiten, dass Jungfrauen und Zwillinge nicht zusammenpassen, wir waren unzertrennlich. Liebten uns überall, oft musste die Mutter uns trennen, die stets meinte, Liebe braucht Abstand, das sagte sie, weil der Vater zu seiner Geliebten fuhr, immer am Wochenende und sie dann nur soff. Sie ertrug unsere Liebe nicht, die jugendhafte schon gar nicht, die absolut bedingungslos ist.
Aber, nach dem Psychiatrieaufenthalt konnte ich nicht mehr, ich schrieb bereits darüber. Das tat mir in der Seele weh. Ich bin aber ein Mensch, ertrage viel, aber, beende auch, wenn ich darin keinen Sinn mehr sehe oder, wenn es zu sehr weh tut.
Das Haus am Wiesersberg gehört jetzt jemanden anderen, Basti wohnt in Kärnten. Seine Psychose kam wieder heraus, als wir uns trafen, ich tu ihm nicht gut. Er ertrug die Distanz nicht, die Liebe. Nach 20 Jahren noch immer, das kann ich nicht behaupten. Gar nicht. Das ertrug er nicht, schrieb mir wirre Briefe, schickte mir Geschenke, bis ich ihn bat, mich in Ruhe zu lassen. Stille.

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