Der Großonkel ist gestorben

Erzählung zum Thema Abschied

von  Mondscheinsonate

Der Herr stv. Gen. Dir., auf Deutsch, der ehemalige stellvertretende Generaldirektor der österreichischen Post, damals noch nicht AG als Rechtsform, ist friedlich entschlafen, seines Zeichens mein Großonkel gewesen. Eine Erscheinung war er, groß, breit und respekteinflößend, mit schwarzer Brille im alten Stil. Hier könnte ich schon einen Punkt in der Erzählung machen, denn der war so respekteinflößend, dass ich ihm schon als kleines Kind aus dem Weg ging und eher mit seiner Frau zu tun hatte, die, leider, um dieselbe Zeit vor acht Jahren verstarb, und beide Elternteile sind nun drei bis fünf Tage vor dem Geburtstag ihrer entzückenden Tochter gestorben.
Aber, ich kann keinen Punkt machen, das wäre nicht richtig, denn ich muss erzählen, dass der Mann, vor dem ich immer Respekt hatte, vor dem ich Angst hatte als Kind, weinend vor 200 Menschen in einer Aufbahrungshalle stand und eine Rede über seine Frau hielt, die vor ihm im Sarg lag, die alles übertraf, was ich jemals hörte. Natürlich, Reden konnte er gut, lassen wir den Umstand einmal weg, es ging um den Inhalt. So erzählte er die Geschichte, als er seine Frau kennengelernt hatte im Detail, meinte, das war im Juni 1956, sie trug ein helles Kleid und war so schön im Sonnenlicht, aber dann zog er vergilbte Briefe aus der Tasche und las seine Gefühle von damals vor. Das waren Liebesbriefe, er sagte, die hätte seine Frau im Nähkästchen aufbewahrt, er fand sie, als er ihre persönlichen Sachen durchsah, nach ihrem Ableben, die er ihr in den ersten Tagen schrieb.
Der großgewachsene Mann stand mit vergilbten Briefen vorne und weinte, als er las und mein Herz wurde weich. Er offenbarte sein Inneres, sprach eigentlich nicht zu uns, sondern ausschließlich zu seiner Frau, es war herzzerreißend.
Und, die Erscheinung schrumpfte zu einem gebrechlichen alten Mann zusammen, der vor Kummer zerbrach.
Omnia vincit amor, Er verlor das erste Mal seine Fassung. Im Bewusstsein der Vergänglichkeit vergaß er seine Erscheinung und fand sie danach nie wieder.

Mein Großonkel glaubte immer an mich. Er fand das schön, dass ich endlich zu mir fand, war mit der Wahl meines Studiums zufrieden, meinte, du wirst noch einen lieben Mann finden, lass dir Zeit. Seine Tochter wurde vom Bundespräsidenten gelobt, sie hatte von der ersten Klasse bis zum Doktorat in den Rechtswissenschaften nur Sehr gut, heiratete und bekam zwei Buben. Er hatte ein geradliniges, erfülltes Leben voller Liebe.
Er wird uns fehlen, der Onkel Peppi.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (19.02.21)
Das mit Corona würde ich weglassen, das wirkt sehr deplatziert.

Ansonsten gerne gelesen, die Klippe Rührseligkeit sehr gut umschifft, obwohl man bei diesem Thema leicht darauf verfallen hätte können.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.02.21:
Ist gut. Danke.

 FloravonBistram (22.02.21)
Wie oft stehen wir erstaunt vor einem Menschen, den wir gut zu kennen meinten und der urplötzlich einen ganz anderen Zipfel seiner Seele zeigt.
Je älter wir werden, um so häufiger erhalten wir diese Einblicke.

lg Flo

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 22.02.21:
Stimmt.
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