Jud'

Erzählung zum Thema Aggression

von  Mondscheinsonate

Der Nachbar meines Großvaters war einmal zu einem geselligen Abend eingeladen, es floß viel Wein und Schnaps. Die Oma saß auf ihrem Sessel neben der Bank, der Opa auf der Bank, der Nachbar gegenüber, das ganze Gebilde nannte sich Bauernstube, über ihnen thronte das Kruzifix aus Holz, auf dem Jesus seinen Kopf hängen ließ, eine geschnitzte Arbeit, meisterlich, wohlgemerkt.
Ich war längst in mein Zimmer zum Lesen gegangen, das Ganze war mir viel zu laut und überhaupt, die beginnende Pubertät legte einen Unwillen gegen solche Zusammenkünfte über mein Sein, auf gut Deutsch, mir ging der Nachbar sowieso gegen den Strich, der war stets fürchterlich anlassig, so sagt man in Wien, er kam mir zu nahe, ich war erst 12 und das war ekelhaft. Nun, irgendwie, der Durst drang mich doch dazu, mich in die Küche zu begeben und dazu gesagt sollte sein, dass diese in L-Form angelegt war, ging gerade und dann um die Ecke und unter den Stiegen war die Bauernstube, das heißt, man sah gar nicht, wenn sich jemand etwas aus dem Eisschrank nahm, der neben der Türe war. Im Übrigen, die Küche war göttlich, was für eine Arbeitsfläche und sonnendurchflutet! Aber, das tut jetzt nichts zur Sache, es fiel mir nur gerade ein, da ich mich um eine neue Küche bemühe und mich intensiv mit dem Thema auseinandersetze. Nun, ich ging also leise in die Küche, öffnete behutsam den Eisschrank, um zugleich etwas schwer Verbotenes zu tun, nämlich die Mineralwasserflasche an meinen Mund zu setzen, um zu trinken. Aus der Flasche trinken war das Schlimmste für meine Großmutter, das Allerschlimmste überhaupt und zugegebenermaßen, es ist auch nicht besonders hygienisch, aber, was scherte das eine 12 Jährige?
In dem Moment hörte ich, dass der Nachbar sagte: "Das Beste in meinem Leben war überhaupt, als ich den dreckigen Jud' erschossen hab! Dreckbeseitigung! Und, dann haben wir die goldenen Zähne mit Zangen ausgebrochen. " Er lachte wie verrückt in boshafter Erregung.
Ich erschrak derart, dass ich mir die Mineralwasserflasche aus Glas mit voller Wucht gegen die Zähne schlug und vor Schreck fallen ließ. Mein Zahn hielt diesen Schreck nicht aus, brach ab und ich hatte das Stück im Mund, sagte laut "Scheiße!" und so ein Wort kam im Hause nie vor, schon gar nicht vor den Großeltern. Sofort stürzte die Großmutter zu mir, sah das Chaos, meinen geöffneten Mund mit einer Lücke und fing zu schimpfen an, ja, sie hätte mir sowas prophezeit, ich sei ein unmögliches Kind, ganz unmöglich und überhaupt und außerdem müsse man morgen zum Zahnarzt, was für eine Schererei und ich sei UNMÖGLICH, das schrie sie und dies im leicht lallendem Ton. Ich sah sie an und es war das erste Mal, dass ich etwas darauf erwiderte, das erste Mal, dass ich mir das nicht gefallen ließ und schrie lauthals, dass es nur war, weil das ein dreckiges, elendes Nazischwein ist und der soll sofort gehen und wenn der nocheinmal kommt, wenn ich da bin, dann scheppert's und es ist überhaupt nicht lustig, widerlicher Arsch und sie seien um nichts Besser, wenn sie sich den Scheiß anhören würden von der elenden Kreatur!

Ja, das war schlimm, alles verstummte. Der werte Herr stand auf, nahm seinen Hut, empfahl sich den Großeltern mit einer ehrerbietenden Verbeugung, strafte mich mit einem vernichtenden Blick und schlug die Türe hinter sich zu. Ich kam aus dieser Szene nicht mehr heraus, dachte ich, und erwartete bereits das Donnerwetter, doch die Großmutter, nachdem sie aufhörte, mich entgeistert anzusehen, drehte sich um, bückte sich zum unteren Kästchen, nahm einen Aufreibfetzen und einen Kübel heraus (Tuch), hockte sich nieder und wischte wortlos die Sauerei weg. Der Großvater ging an mir vorüber, auch wortlos und schloss sanft die Küchentür. Ich bückte mich und hob die Scherben auf, die Flasche war nämlich zersprungen und so sah man das Bild Großmutter und Enkelin in Hocke, damit die Knie nicht nass wurden, die Schweinerei beseitigen, der halbe Zahn landete auch im Müll. Schweigend legten wir uns zur Nachtruhe, nachdem wir noch die Spuren des Saufgelages, ebenso schweigend, beseitigt hatten.

Am nächsten Tag fuhren wir zum Zahnarzt und in den folgenden zwei Wochen immer wieder, wegen eines Abdruckes und soweiter. Meine Oma sprach mit mir nie wieder über diesen Vorfall, aber zum Zahnarzt sagte sie: "Die Rechnung geht an Herrn X, das ist abgesprochen."
Ich blickte sie verwundert an. Sie nickte mir zu. "Das will er so. Aber, bedank' dich ja nicht."
Das hatte ich nicht vor.

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Kommentare zu diesem Text


 eiskimo (07.03.21)
Die sollte man in der Schule vorlesen, diese Begebenheit. Danach könnte man sicher ganz intensiv diskutieren, und zwar über sehr wichtige Themen !
Deine Geschichte hat´s in sich und ist toll erzählt!
LG
Eiskimo

 Mondscheinsonate meinte dazu am 07.03.21:
Der Zahn (der Zeit) ist noch immer in meinem Gebiss. Manchmal frage ich mich, ob ich ihn nicht austauschen lassen sollte, weil mir vor dem Arsch noch immer ekelt. Muss ich gestehen. Dank dir.

Antwort geändert am 07.03.2021 um 13:46 Uhr

 Graeculus antwortete darauf am 07.03.21:
Danach könnte man sicher ganz intensiv diskutieren, und zwar über sehr wichtige Themen !
Eines dieser Themen: Ist der Schritt vom dreckigen Judenschwein zum dreckigen Nazischwein ein Fortschritt?

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 07.03.21:
Ernsthaft? Hast du die Geschichte überhaupt gelesen als sich der Nachbar amüsierte? Ich bin gerade ziemlich sprachlos.
Aber, grundsätzlich würde ich dir, was Todesstrafen für diese Menschen angeht, recht geben. Sonst nicht.

Antwort geändert am 07.03.2021 um 14:07 Uhr

 Graeculus äußerte darauf am 07.03.21:
Ja, ich habe die Geschichte gelesen, und ich habe nur eine Frage dazu gestellt.

Die Nazis haben Juden entmenschlicht ("dreckige Schweine") - ein psychologischer Vorgang, der die Tötung erleichtert.

Ist es nun ein (moralischer) Fortschritt, die Nazis als dreckige Schweine zu bezeichnen? Ist das besser als das, was die Nazis gemacht haben? So lautet meine Frage.
Es klingt nach "Auge um Auge, Zahn um Zahn" bzw. "wer andere zu Schweinen herabwürdigt, ist selber ein Schwein", oder?

Ist es vielleicht besser, überhaupt mit der 'Verschweinung' von Menschen aufzuhören?

Lauter Fragen, d.h. Diskussionsthemen.

All das ist auch eine Reaktion auf eiskimos Feststellung, man könne aus Anlaß dieses Textes über sehr wichtige Themen diskutieren.

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 07.03.21:
Hmm. In erster Reaktion hat es mich sprachlos gemacht, in zweiter Reaktion kann ich nur meinen, eventuell könntest du im Recht sein, jedoch fällt es schwer, aber man könnte es so sehen, dieser Mensch im Speziellen, ich schmeiße nicht alle in einen Topf, ergötzte sich noch nach 43 Jahren an seiner Tat, denn er sah den Menschen, den er umbrachte, noch immer nicht als Menschen, sondern als Tier. Ich meine daraufhin, dass ist ein dreckiges Schwein, sehe ihn nicht als Tier, sondern beschimpfe ihn als solches, weil ein Tier kein Gewissen hat. Aber, grundsätzlich, wahrlich, hast du vermutlich recht, wenngleich es unerträglich ist, ihn nicht zu beschimpfen, weil gar nichts Nettes einfällt vor lauter Unerträglichkeit.

 eiskimo meinte dazu am 07.03.21:
Mit der Verschweinung von Menschen aufzuhören, wäre in der Tat ein moralisch höheres Niveau.
Was machen wir aber mit Menschen, die sich selbst "verschweinen" , also jegliche Menschlichkeit ablegen und anderen Bestialisches antun?

 Mondscheinsonate meinte dazu am 07.03.21:
Na ja, wir könnten es nach Frankl tun, der seinen Peinigern verziehen hat. Bewundernswert. Mir kommt die Kotze hoch, wenn ich darüber nachdenke.

 Graeculus meinte dazu am 07.03.21:
Was machen wir aber mit Menschen, die sich selbst "verschweinen" , also jegliche Menschlichkeit ablegen und anderen Bestialisches antun?
Ich meine, daß diese Tier-Metaphern in eine völlig falsche Richtung weisen. Keine bestia (= das Tier, als vernunftloses Wesen im Gegensatz zum Menschen) und schon gar kein Schwein kommt auf den Einfall, einen Genozid zu betreiben. Das ist Menschen vorbehalten und insofern menschlich und nichts anderes. Es ist nicht einmal auf das 20. Jhdt. beschränkt, das man das Jahrhundert der Völkermorde genannt hat.
Im Menschen liegt also das 'Unmenschliche'.

Und wer von Menschen als (Juden- oder Nazi-)Schweinen spricht, der hat vielleicht mehr davon in sich, als ihm bewußt ist.

Man muß den 'Faschismus in uns' anders bekämpfen als durch Depotenzierung der anderen (es sind ja immer 'die anderen') zu Tieren.
Das ist jedenfalls meine Überzeugung.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 07.03.21:
Deine Beleidigung trifft selbstredend ins Leere und ist Hausfrauenpsychologie, mit Verlaub. Ich finde es auch traurig, dass mein wichtiger Text so verunstaltet wird. Schade.

 eiskimo meinte dazu am 07.03.21:
Liebe Mondscheinsonate!
Dein Text ist so gut, der wird hier nicht verunstaltet Er hat uns zu zu einem Randthema geführt, zu Begriffen, die wir unterschiedlich füllen, mehr nicht
Ich habe heute viel über ganz andere Aspekte deiner Geschichte nachgedacht, zum Beispiel den "Dreck"...
lG
Eiskimo

 Mondscheinsonate meinte dazu am 07.03.21:
Ja....alles furchtbar.

 DanceWith1Life (07.03.21)
der Text kann meiner Auufassung nach so bleiben, wie er dasteht, denn er schildert ein Erlebnis, unmodifiziert ohne Gedankenüberbau aus der Sicht einer Person, die nicht nur den Leser überrascht.
Die anschliessende Diskussion, hat diese Qualität nicht.
Sie will Denkweisen aufzeigen, was ihr auch gelingt.
Diese Denkweisen seien das Fazit des Textes, was meiner Meinung nach teilweise stimmt, in vielerlei Hinsicht einer Verständigungsebene bedarf, die gar nicht vorbereitet wurde,
Das führt natürlich zu den üblichen Misverständnissen, meiner Meinung nach.
auf jeden Fall, packend geschrieben, das ist tatsächlich so passiert?

Kommentar geändert am 07.03.2021 um 19:33 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 07.03.21:
Ja, Danke, ist es. Ich habe, beim Kelleraufräumen meiner Schwester, die alten Tagebücher von uns beiden entdeckt und diese Geschichte las ich wieder in detailreichen (natürlich mit kindlicher Erregung abstrahierter) Beschreibungen. Natürlich, mein Zahn erinnerte mich auch, aber mir war meine Reaktion von damals nicht mehr lebhaft in Erinnerung. Es kam dann wieder mit dem Lesen.

 DanceWith1Life meinte dazu am 07.03.21:
ich sag nur, HalloWien

 Mondscheinsonate meinte dazu am 07.03.21:
Das Schlimmste war wohl, was Großeltern lustig finden, selbst im Rausch.

 DanceWith1Life meinte dazu am 07.03.21:
ich kenne das Gefühl, mein Grossvater war im Krieg und hat sich nie zu Zweifeln geäussert. Sein Leben lang hat er "einfach nur das getan, was er tun musste."


 DONOVAN - The Universal Soldier

Antwort geändert am 07.03.2021 um 20:19 Uhr

 GastIltis (07.03.21)
Hallo Mondscheinsonate,
deinen Text, dessen Inhalt so einprägsam ist, kann man im Leben nicht vergessen, gedanklich nicht verändern und auch emotionell nicht besser oder schlechter machen als er ist. Er spiegelt ein Stück der furchtbarsten Geschichte wider, die im Namen des deutschen/österreichischen Volkes geschehen ist. Dass du ihn geschrieben hast, ist gut. Wie du ihn geschrieben hast, ist noch besser. Dir, dir ist etwas geschehen, du hast stellvertretend für das Unrecht gelitten und leidest noch. Da erübrigt sich jede kleinliche Diskussion von selbst. Ich zolle dir für jedes Wort, jeden Satz größte Hochachtung.
Viele Grüße von Gil.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 07.03.21:
Vielen herzlichen Dank!
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