Abendgedanken

Erzählung zum Thema Achtung/Missachtung

von  Mondscheinsonate

Dieser Text gehört zum Projekt  Corona-Texte
Natürlich, als Österreicherin könnte ich über den Morgen des 12.März 1938 schreiben, vielleicht sollte ich das auch tun, denn das Facebook und die Onlinenachrichten sind voll mit Corona-Diskussionen, es reißt niemals ab und heuer ist es eigentlich zum ersten Mal, seit ich auf der Welt bin, dass der Anschluss 1938 nicht erwähnt wurde, nicht einmal im Ansatz, dabei wäre nicht der unselige Anschluss von Nöten, sondern die Erzählung über den Beginn des Denunziantentums, der Blockwarte, Kollegenbespitzelungen und Nachbarschaftsanzeigen, die Umerziehung, das Ausschalten der Andersdenkenden. Der Ausbau des Polizeiapparates und nein, ich vergleiche nichts mit damals, außer das, nämlich die Rede ist von der Bevölkerungsdynamik, wie rasend schnell der Großteil auf einen Ideologienzug aufsprang. Dynamik, in dem Fall kein positives Wort, ganz und gar nicht.
Also, vielleicht erzähle ich doch, dass Himmler, der Reichsführer der SS, am Morgen des 12.3.1938 in Wien-Aspang landete, damals gab es dort noch einen Flughafen, vor dem deutschen Truppeneinmarsch. Im Gepäck hatte er ein besonderes Gustostückerl, nämlich Reinhard Heydrich, den Leiter der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes und andere NS-Führer. Ihr erster Weg führte zur Polizei und dem Militär, dies wurde von zentralen Reichsstellen besetzt, vorallem mit Ernst Kaltenbrunner und der neue Polizeipräsident wurde der Führende des Juniputsches Otto Steinhäusl, aber, die Namen sind sowieso bekannt. Der Rest auch.
Es änderte sich nicht nur die Wirtschaft, die politisch-organisatorischen Strukturen und Institutionen, sondern auch das private Leben der Menschen. Vom Regen in die Traufe, vom Ständestaat zum Anschluss, das Volk war geblendet vom wirtschaftlichen Wohlergehen Deutschlands und fand die Erlösung im Heiland Hitler. Im April 1938 ging der erste "Prominententransport" nach Dachau, nur um einige Namen zu nennen: Gorbach, Olah, Figl, Matejka. Figl ist den Deutschen sicherlich ein Begriff. Darunter auch Nachkommen der Habsburger und prominente Menschen aus Kunst und Kultur. Regimekritiker wurden mundtot gemacht. Das Volk war in einem Rausch. Die Psychologie der Massen funktionierte bestens. Hier ein Ende der Erzählung oder muss man weiter ausführen?

Präsident van der Bellen, der demokratisch gewählte, amtierende Präsident sprach in einer Videobotschaft über die Klimakrise. Wohlgemerkt über die KLIMAKRISE, sonst nichts. Die Kommentare darunter waren großteils völlig am Thema vorbei, einer meinte sogar, dass das Klima völlig irrelevant sei, das Thema sei gerade nicht wichtig, wichtig ist nur Corona. Ein Anderer meinte, das sei nicht sein Präsident. Ein Dritter war der Ansicht, wer diese Regierung nicht entlässt, sei ein Arsch. Abgesehen von der Respektlosigkeit einem Präsidenten gegenüber, dem Obersten der Verwaltung, hat der Dritte sowieso keine Ahnung von unserer Verfassung. Ich nahm jetzt drei Meldungen zur KLIMAKRISE heraus von über 450 solchen primitiven Meldungen. Es ist wahrlich unerträglich.

Im März 2020 ging meine Schwester mit meiner Nichte einkaufen. Sie traf einen alten Nachbarn, der auf der gegenüberliegenden Seite ging. Die Straße ist schmal, er rief ihr zu, sie plauderten. Ein Fenster ging auf und ein beleibter Mann im dreckigen, (O-Ton meiner Nichte) widerlich dreckigen Trainingsanzug, nahm das Handy und fotografierte die Szene. Zwischen beiden war sechs Meter Abstand.
Im Facebook wurde irgensoeine "Gemeinschaftsgruppe der Nachbarschaftshilfe" gegründet, die öffentlich einsichtbar war (Anmerkung: und auch irgendsoeine Trullala vom B. beitrat, sie postete auch), die ich mit Argwohn beobachtete. Dort wurden im Minutentakt Nachbarn denunziert, sogar mit Fotos. Eine allgemeine Zustimmung fand statt. Es war unerträglich, so etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.
Meine Nachbarin wurde von jemanden, wir wissen nicht wer, angezeigt, weil sie sich mit der Frau aus einer anderen Stiege unterhielt und da kam sogleich die Polizei, die in meiner Gasse ihre Station hat, mit BLAULICHT. Mit BLAULICHT!
Inzwischen schallte es aus dem Äther: "Bald wird jeder irgendjemanden kennen, der an Corona verstarb!" Unsere hübsche Bundesregierung fuhr Kriegsrhetorik auf und appelierte an die Urangst des Sterbens, damit das Volk wohlfeil brav ist. Es wirkte, zumindest am Anfang. Kritische Beobachter meinten, das ginge sich zahlenmässig gar nicht aus, das waren sofort Aluhutträger, Volksfeinde und die Polizei fuhr durch die Straßen und spielte lautstark "I am from Austria". Alles gut, gemeinsam, aber einsam. Mein Vater hatte Geburtstag, er feierte seinen 73.Geburtstag ohne seine Familie.
Dann kam der erste April, aber es war alles kein Scherz. Ich könnte jetzt weitererzählen, aber ich mache es nicht, ende mit der Geschichte, dass es einen elektronischen Handtuchspender in der Konditorei gab, in der ich mit B. immer saß. Man musste die Hand an den Sensor heben, damit ein frisches Handtuch herauskam. Das amüsierte B. stets auf das Neue, da hob er vor mir die Hand zum Hitlergruß und fand es lustig zu erwähnen, dass das ein "Hitler-Spender" war. Sein Humor war unter jeglicher Kritik, verstieß gegen die Verfassung, die er allerdings nicht kennt und ja, Liebe macht dumm, denn trotz fürchterlichen Ekels himmelte ich ihn an. Ich konnte nicht anders, war wie gefangen, in diesem Elend. Seine Hitlererwähnungen hörte ich mir jahrelang an und da denke ich doch wieder an den 12.3.1938 und die Nichterwähnung in den Medien. Braucht es wirklich keiner mehr?

Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (12.03.21)
Ich denke, wir müssen verarbeitenden Prozessen, den Spielraum gewähren, den sie auch im persönlichen Erleben einfordern. Da gibt es eine Zeit, da muss man darüber reden, dann gibt es eine Zeit, da muss man es ruhen lassen. Dann kommen Phasen des neu Ansprechens, wenn möglich aus mehreren Perspektiven. Wo wir da gerade sind, weiß ich allerdings nicht. Zum Teil wurde es zerredet und zum anderen hatte man am Anfang nicht mal die Zeit es zu begreifen. Tja, und schon nimmt der Unmut die Fährwasser die er kennt, gruselig. Mir fällt noch nicht mal der passende Denkansatz ein, mit Ausnahme der Tatsache, dass ich sowas nicht erleben möchte und es auch niemanden wünsche. Irritiert haben mich die immer wieder gezeigten "Waffenparaden", also wir sehen in den Nachrichten für 5 Minuten, wie zerbombte Städte in Syrien z.B. aussehen und dann 2 Stunden Waffenparade. Da schau ich lieber Waschmaschine.
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