Der Idiot - Ein dringender Nachtrag/Achtung: Ende wird verraten!

Beschreibung zum Thema Buch/ Lesen

von  Mondscheinsonate

So ärgerte es mich, dass das Buch nicht in der rogoschin'schen Wohnung endete, sondern weitererzählt wurde, was der schwächste Teil in der ganzen Erzählung war, denn, dass Aglaia, wie ein aufmütziger Fratz, plötzlich einen polnischen Emigrantenfürsten, der gar keiner war, heiratete, der niemals im Buch vorkam, mutete sich wie "Sturm der Liebe" an, also äußerst trivial. Für mich endet das Buch schließlich in der Wohnung, wo Rogoschin krank wird und der Fürst den Verstand verliert. Das fand ich extrem stark gezeichnet. Denn, schließlich war der Idiot gar keiner, aber die Gesellschaft und Liebe richteten den Protagonisten zugrunde.
Mich beschäftigt sehr das Verhalten von Nastassja, die stets vor dem Traualtar davonlief und keinen Hehl daraus machte, dass sie Angst vor der Bindung hatte.
In Bizets "Carmen" ist das in der Arie "Habanera" recht gut auf den Punkt gebracht worden:
L’amour est un oiseau rebelle
que nul ne peut apprivoiser,
et c’est bien en vain qu’on l’appelle,
s’il lui convient de refuser.
Rien n’y fait, menace ou prière,
l’un parle bien, l’autre se tait:
Et c’est l’autre que je préfère,
Il n’a rien dit mais il me plaît.

So gefiel es Nastassja mit den Gefühlen anderer zu spielen, war aber ein freier Vogel und das hat sie schließlich zu Fall gebracht. Besonders in der Szene mit Aglaia in dem Haus der befreundeten Dame wird das ganz deutlich, dass sie Liebe als Besitz ansah, auch als Spiel, dass  sie die, sie liebenden Männer, um den Verstand brachte und auch sie selbst, wie der Fürst immer treffend bemerkte, dass sie den Verstand verloren hätte und er ahnte auch, dass er durch sie zugrunde gehen wird, dennoch ließ er es geschehen. Das Ende erscheint daher logisch und es musste so kommen. Der, überalles verliebte Rogoschin sah keinen Ausweg mehr, als sich in brutalster Art und Weise ihrer zu entledigen. Das entschuldigt natürlich keinen Mord, allerdings war er in einem psychischen Engpass, am Ende seiner Kräfte.

Für die Gesellschaft war Nastassja Filippowna ein Fluch. Selbstbestimmtheit wurde als Hochmütigkeit und Eitelkeit ausgelegt, Freiheit, sich nicht einem Mann unterwerfen zu wollen, der Halbwelt zugeschrieben. Sie war eine Mätresse, vielleicht, ja, doch, aber mit derart starker Anziehungskraft, dass es auf mich stark nachwirkt. Dabei war sie verletzlich und der Fürst bemerkte weiter, dass sie nun ein "Kind" sei, was treffend ist. Den Vogel konnte niemand einfangen.
Aglaia, die ein Leben lang beschützt und behütet wurde, von der Revolution gegen die Eltern träumte, ausbrechen wollte, von echter Arbeit und Selbstbestimmtheit träumte, war hingegen am Schluss zu feig, warf Nastassia vor, sie hätte sich noch nie an schwerer Arbeit die Finger schmutzig gemacht, wo sie doch selbst es niemals tat und tun würde, denn sie gab aus Feigheit ihre Träume auf und heiratete den Erstbesten, blieb also in der gesellschaftlichen Norm, wenngleich sie sich auch Hirngespinsten weiter hingab und dadurch geprellt wurde.
Nastassia hingegen hatte am Schluss den tragischsten Abgang, ihre Befürchtungen traten ein. Aber, trotz der Vorahnungen, hörte sie nicht mit dem Spiel auf und sie erlitt dasselbe Schicksal wie "Carmen".

So findet der Protagonist in "Verbrechen und Strafe" sein Seelenheil in der Liebe, Ende gut, Alles gut und in "Der Idiot" zerstört diese völlig, konträrer kann es gar nicht zugehen. Es zeigt, dass alles, was extrem ist, unerträglich ungesund ist und zur Hörigkeit führt, willenlos macht, sich verlieren lässt, einfach verrückt ist.
Wunderbar gezeichnet, ein großartiges Buch. Ich musste das nachtragen, es war mir ein Bedürfnis, man möge es mir verzeihen.

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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (20.03.21)
Im Anschluss an meinen ersten Idioten-Kommentar

Du sagst es selbst:
"Denn, schließlich war der Idiot gar keiner, aber die Gesellschaft und Liebe richteten den Protagonisten zugrunde."
Einen besseren Grund für eine Revolte kann es nicht geben. :)
Oder wie es Henri de Saint-Simon formuliert:
Wenn wir frei sein wollen, müssen wir uns unsere Freiheit selber schaffen und dürfen sie niemals von anderswoher erwarten.

Dies gilt für alle Menschen. Ganz besonders aber für Frauen.

Die unterschiedlichen Auffassungen der Liebe liegen bei Dostojewski vermutlich (?) in seiner Unterscheidung der geschlechtlichen und der allgemeinen Menschenliebe begründet.

Liebe Grüße
der8.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 20.03.21:
Guter Gedanke!!!

 DanceWith1Life antwortete darauf am 21.03.21:
Schade, dass man nicht Text und Kommentar empfehlen kann

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 21.03.21:
Ich finde das auch äußerst großartig! Ich mag das, wenn jemand textbezogene, intelligente und anknüpfende Kommentare schreibt.
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