Der Schneeberg

Erzählung zum Thema Ansichtssache

von  Mondscheinsonate

Mein Vater arbeitete sein Leben lang bei einer Zeitung und diese gründete einen Leserclub mit netten Angeboten. Urlaube zum Sonderpreis, Bücher oder Ausflüge. Irgendwann boten sie einen Ausflug auf den Schneeberg an, dort würde ein Kirtag sein und mein Vater meldete seine Frau, meinen kleinen Bruder, sich und mich an.
Der Schneeberg ist der höchste Berg Niederösterreichs und die Bahn fährt auf 1800 Meter Seehöhe und braucht 40 Minuten. Wir fuhren mit dem Nostalgie Dampfzug, das dauerte länger.
Es war Mitte Juni, im Tal war es heiß. Ich zog ein kurzärmeliges Hemd an und band mir eine Regenjacke um. Die Dampflock fuhr mit Anstrengung und pfiff, das war richtig nett. Oben angekommen stieg die Masse aus und staunte nicht schlecht, denn dort sah man gar nichts, rein gar nichts, was am Berg nicht verwunderlich wäre, wenn sie die Leute nicht mit einem Kirtag gelockt hätten. Ich lachte, aber nicht lange, denn kurze Zeit später braute sich ein Unwetter zusammen, die Bahn fuhr hinter uns davon ins Tal.
Es wurde plötzlich derartig kalt, ein Schneesturm fegte uns beinahe davon. Die Masse bewegte sich in eine Richtung, wir hinten nach. Nach ca. 10 Minuten tauchte ein Licht auf, es war eine Hütte, die Schritte wurden schneller.
Es stellte sich heraus, dass diese bewirtete und mit Glück bekamen wir einen Platz. Regenjacke und Schnee ist kalt, das möchte ich doch bemerken. Mein Vater regte sich fürchterlich auf, das könne es doch nicht geben, was für eine Frechheit, ja, das sei sogar eine Sauerei! Das war schließlich nicht billig und überhaupt und außerdem, was für ein Scheißwetter!
Nun, obwohl ich das Ganze auch nicht prickelnd fand, strahlte ich dennoch über das ganze Gesicht, denn drei Aspekte gefielen mir außerordentlich, nämlich, dass ich mit einer Dampflok fahren durfte, am Berg war, den ich bis dato immer nur von unten betrachten konnte, meine Großeltern wohnten dort, und die Tatsache, dass wir als Familie beinander waren. Man muss nicht alles schlecht reden.
Nach einer Stunde und zwei heißen Tees sowie Speckbroten fuhren wir wieder ins Tal. Unten war es heiß.
Mein Vater sah das Schöne nicht, er fühlte sich nur geprellt und machte ein finsteres Gesicht. Ich sah nochmals zum Berg hinauf und seufzte, ich mag den Gipfel, ich mag das, wenn man ins Tal sehen kann, trotz Höhenangst. Ich mag das Gefühl der Freiheit, wenn man in die Ferne blicken kann.

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Kommentare zu diesem Text


 Quoth (22.03.21)
Kennst Du "Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss" von Tara Westover? Die intensive Autobiographie eines Mädchens, das an einem Berghang in Idaho aufwächst und diesen Berg mit ihrem eigenen Schicksal identifiziert. Eins meiner Lieblingsbücher. Gruß Quoth

 Mondscheinsonate meinte dazu am 22.03.21:
Nein! Klingt gut, Danke für den Tipp.
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