Das Bücherregal Teil 1

Beschreibung zum Thema Buch/ Lesen

von  Mondscheinsonate

So ist mein wertvollster Schatz schlussendlich der Inhalt meines Bücherregals. Und jeden Tag betrachte ich es mit Entzücken und langweilig wird mir dadurch auch niemals. Meine alten Lieblinge stehen in Sichthöhe, die neuere Literatur, wie zum Beispiel ein Clemens Setz oder eine Juli Zeh unten. Eigentlich die Bücher, von denen ich mich jederzeit trennen könnte, die man nur einmal liest und schon genug hat, sie allerdings nur behält, weil ich jedes Buch behalten möchte, was jedoch aus Platzgründen unmöglich ist und ich erinnere mich noch, als ich von 125 Quadratmeter in 50 Quadratmeter wechselte und mich von hunderten Büchern trennen musste, ich gab sie dem Schülerbasar für gute Zwecke und saß mit Bernhard daneben, beobachtete, wie meine Bücher von Fremden in die Hände genommen wurden und trank soviel Bier, damit ich es ertragen konnte, aber ich ertrug es nicht und Bier in Massen schon gar nicht, weil ich selten trinke, ja, es war eine Qual, die schlimmste Qual und da bin ich doch dankbar, dass er mir beistand, wohl war er damals noch lieb, manchmal zumindest, auf jeden Fall trenne ich mich ungerne von Büchern, aber müsste ich es wieder tun, dann von diesen, jawohl, diesen, die ich nur einmal gelesen habe und definitiv kein zweites Mal, da sie mich nicht wirklich berührten, obwohl ein Setz schon sehr gut schreibt, aber irgendwie nicht für mich, da muss ich doch das Gefühl bekommen, dass jemand für mich geschrieben hat, für meinen Kopf, mein Herz, meine Seele, es muss, auf gut Deutsch, mich berühren, abgekürzt und so finde ich doch, Bücher müssen nachhallen, wie die "Wahlverwandtschaften" von Goethe oder "Der kurze Brief zum langen Abschied" von Handke, ein Kafka, mit seinem Landvermesser K. in dem "Das Schloss", das, übrigens, war teilweise so schräg, es heißt kafkaesk, dass es für mich schwer lesbar wurde, jedoch eine enorme Faszination ausübte oder "Amerika", das wahrlich meisterhaft erzählt ist und, was das Meisterhafte angeht, so steht da auch fast alles von Bolano, exakter, Roberto Bolano, dem chilenischen Autor, den ich jedem ans Herz legen möchte, besonders das Buch "Das Dritte Reich", wo er sich derartig in die Brettspielfront begibt, die Wehrmacht gewinnen lassen möchte, dass er sich darin verliert, unglaublich gut erzählt, aufhören konnte ich da nicht mehr, aber, ein großer Sprung zu Tolstoi, auch nicht bei "Anna Karenina", die ich in einem Tag und einer Nacht fertig las, wohl, da komme ich zu meinem Lieblingsbuch, "Tausendundeine Nacht", neu übersetzt von Claudia Ott, ein Meisterwerk, so schrieb schon Hesse, dass man das Buch "Tausendundeine Nacht" nur am Diwan liegend richtig lesen kann, stimmt, nicht in der Straßenbahn, nicht in der Bahn, einfach auf dem Sofa mit einer guten Tasse Kaffee oder Tee, nur so kann man der Erzählung richtig folgen und dann schläft man ein und träumt von Dschinns und Kalif Harun ar-Raschid, den es wirklich gegeben haben soll, erzählt von Scheherazade, die emsig um ihr Leben sprach.
So geht es mir nicht immer um gute Geschichten, sondern auch um Sprache und manchmal geht es auch nur um die, wie bei Handke oder bei Bernhard nur um eine Aufregung an sich und hübsche Schachtelsätze, die ich besonders liebe, überhaupt habe ich eine beachtliche Thomas Bernhard-Sammlung, die stetig größer wird und ich mich dadurch tatsächlich von den einmalgelesenen Büchern trennen müsste, wenngleich ich definitiv und sicher vorher mir noch eine bauliche Veränderung einfallen lasse, das schon, bevor ich mich trenne, denn noch so einen Rausch möchte ich nicht erleben, ich trinke mittlerweile gar nichts mehr und rauche auch nicht.
Natürlich, die Dostojewskis meines Großvaters stehen auch da und Tolstoj, gesprochen "Dol Stoi", mein Schatz, aber eigentlich bin ich eher frankophil, so steht alles von Beauvoir, Sartre, Camus und Duras und überhaupt letztere entzückte mich in Südostasien, da hatten die Geschichten das richtige Klima, nein, nein und nochmals nein, man kann doch nicht in China ein Buch über die Nordpolexpedition lesen, können schon, aber dann taucht man nicht ein, fröstelt vielleicht auch noch in der Hitze, das ist nicht meines, aber "Heiße Küste" las ich in Vietnam, das war richtig. Ich mache sowieso gerade einen C1-Französischkurs, damit ich meine Lieblinge in Originalsprache lesen kann, aber zurück zum Eigentlichen, so steht auch ein Schnitzler, Hesse, Zweig, wohl auch Frisch, den ich, allerdings, nicht so sehr liebe, aber bewundere, besonders "Stiller" und mit Genazino schließe ich heute, das ist überhaupt mein Held, der konnte derart plastisch erzählen, dass man als Leser unwillkürlich auf seinen vielen Spaziergängen, genauso wie er, nichts übersah.
Was ich hasse, abgrundtief hasse, sind "Mädiromane", "Twillight" oder sonstigen Quark. Ich möchte niemanden zu nahe treten, aber das ertrage ich nicht. Das allerschönste Buch war von André Gorz "Brief an D", ein Liebesbrief an seine Frau.
Ich schließe nun endgültig, es gibt doch immer mehr zu schreiben, als man will,  mit seinen Worten: "Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je."
Ich seufze.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (24.03.21)
Oh,
wir haben viel gemeinsam. :)
Einer der schwärzesten Tage meines Lebens war, als der angesengte, gesammelte Proust in einen Container stürzte und die Tage des Lesens für immer vorbei schienen.

Mit den Regalen halte ich es ähnlich, obwohl ich die Prosa alphabetisch, nach Autoren, sortiere.
Natürlich weiß ich, wo jedes Buch steht, und schaue bei dringend notwendigen Neuanschaffungen direkt unter Z (beispielsweise Juli Zeh) nach, deren Werke mir verzichtbar scheinen und im Tausch klaglos entsorgt werden können.

Aus deinem Text leuchtet die reinste Liebe hervor, wie sie bestimmt von vielen hier geteilt wird: Ach, was sind uns Gold und Edelstein, wenn uns Dostojewski sein spätes (natürlich müdes, gezeichnetes) Lächeln schenkt ...

Besonders herzliche Grüße
der8.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 24.03.21:
Proust in den Container? Nein, nein und nochmals nein, das ist doch unerträglich, mein Lieber! Meine Bücher sind nur nach Autoren geordnet, wobei ich auf Epoche achte, was jetzt im Text nicht ersichtlich war.
Ja, das ist meine große Liebe, das stimmt und auch, wenn ich grundsätzlich schöne Dinge mag, so könnte ich auf alles verzichten, nur nicht auf meine Bücher.
Wie groß war dein Rausch bei Proust?
Dank dir!

 Quoth (24.03.21)
Wie bist Du auf Bolano gekommen (über das n gehört ein Circonflex)? Ich hatte einen chilenischen Sprachschüler vom Stamm der Mapuche, er hat mir "2666" auf Spanisch geschenkt, ich habe mir die Übersetzung ins Deutsche von Christian Hansen besorgt - ein überwältigendes, furchtbares Buch u.a. über die noch "femicidere" Welt Lateiamerikas. Ja, Du hast ihn mir ans Herz gelegt, sein "Das Dritte Reich" wird mein nächster Kauf sein, obgleich auch meine Regale schon viel zu voll sind, ich habe kartonweise an momox entsorgt, aber die nehmen nichts ohne ISBN-Nummer, und davon habe ich auch zu viel.
Was mir fehlt in Deiner Liste, sind die Großen, die man hegt und pflegt und aufbewahrt, in die man gelegentlich begierig schaut, und die man irgendwann mal ganz lesen will: Dante, Joyce, Borges - die großen Ungelesenen, die man immer vor sich herschiebt - aber vielleicht allein das Problem von - Quoth. Dir herzlichen Dank.

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 24.03.21:
Wenn ich dir gedanklich ein Foto schicken darf, dann sieht man die Dubliners, Ulysses und Briefe an Nora im Regal. Auch die Göttliche Komödie, aber Borges nicht.
Wie ich auf Bolano kam? Ich weiß es nicht mehr, ich vermute durch den Hype von 2666, damals. So ein phantastisches Buch. Ich las es auf Englisch auf Sri Lanka und vergaß alles Schöne um mich. Ich liebe ihn heiß, so las ich auch Die Nazi-Literatur in Amerika, Sterne in der Ferne, Amuleto, Das Dritte Reich, Die Nöte des wahren Polizisten . Großartig. Auch fein ist Der menschliche Körper von Paolo Giordano, erinnerst du dich an die Einsamkeit der Primzahlen? Ach, es gibt und gab schon großartige Erzähler. Auch Marquez oder Auster, aber bei letzterem ist nicht alles gut.
Wen ich auch sehr liebe ist Sándor Márai.

Antwort geändert am 24.03.2021 um 08:15 Uhr

Antwort geändert am 24.03.2021 um 08:29 Uhr

 Jedermann schrieb daraufhin am 25.03.21:
Sándor Márai Die Glut
"Ist die Leidenschaft so tief, so grausam, so großartig, so unmenschlich? ... Und gilt sie vielleicht gar nicht einer Person, sondern nur der Sehnsucht?"
Ein Roman, den ich sehr wahrscheinlich ein zweites Mal lesen werde!

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 25.03.21:
Seufz! Schönes Buch!!!
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram