Das Bücherregal Teil 2

Erzählung zum Thema Absurdes

von  Mondscheinsonate

So schrieb ich nie über meine sechzehn Jahre andauernde Beziehung und das hat den Grund, dass es darüber nichts zu erzählen gäbe, genauer, es gab keine Aufregung, keine Erregung, wie Thomas Bernhard es sicherlich formuliert hätte, die erzählenswert gewesen wäre, diese war sehr schön, wenngleich sie mit dem tragischen "Brüderlein und Schwesterlein"- Syndrom endete, man kennt das schlussendlich doch. Ja, ich hatte einen ganz lieben Mann, der erfolgreich seinen Weg ging. Zu bemerken wäre nur, dass ich in der Zeit nicht wuchs, keinen geistigen Millimeter, denn das Glück lässt uns nicht wachsen, man bleibt in stetiger Glückseligkeit, möchte nichts verändern, den Stillstand bewahren und, wenn alles passt, Kohärenz, zumindest eingebildete, herrscht, dann bleibt alles gleich oder sozusagen man bleibt gleich.
Jedoch, wenn ich jetzt darüber nachdenke, soviel, wie in den sechzehn Jahren, habe ich niemals davor und nicht danach gelesen und heute betrachte ich es als Flucht in die Geschichten anderer Menschen, weil meine eigene Geschichte überhaupt nicht erzählenswert gewesen wäre.
So wuchs ich erst die letzten zweieinhalb Jahre, die langjährige Geschichte mit Bernhard war das größte Unglück, ja, der unsinnigste Unsinn in meinem Leben, eine Qual, ausgespiener Gallensaft, das Grauen überhaupt, da hatte ich keine Zeit für Wachstum, geschweige denn dem nachzugehen, was mir wirklich gut getan hätte, nämlich zu mir selbst finden, nachdem ich sechzehn Jahre lang die Frau eines erfolgreichen Mannes war und das erfolgreich sein, das betone ich noch zwanzig mal, denn es ging nur um ihn, niemals um mich, ich war seine Frau, das sagte er, ohne Trauschein, ohne Adjektiv. Ich war eine Feststellung, jetzt erst bin ich zum Subjekt geworden, zu einem Personalpronomen.
Nun, zum Eigentlichen, so las ich und las, schließlich hatte ich eine Arbeit, sonst nichts, war noch ausbildungslos und entweder, ich las und las oder ich zockte stundenlang und das, nein, möchte ich nie wieder machen, denn da wächst man nicht mal im Ansatz. Egal, auf jeden Fall endeckte ich Cees Nootebooms "Paradies verloren", was mich derart beeindruckte, sodass ich es namentlich erwähnen musste, spontan, und danach las ich alles von ihm, ein Erzähler der besonderen Art. Ich möchte inhaltlich nicht darauf eingehen, denn nicht jeder hat alles gelesen, man muss auch die Chance lassen, sich auf ein Buch unwissentlich einlassen zu können. Ich kann nur sagen, dass es zu den wunderbaren Schätzen gehört, überhaupt Nooteboom an sich und ein Leseerlebnis bietet, das wunderbar ist.
Extrem berührt hatte mich "Brief einer Unbekannten", eine kleine Novelle von Zweig, die mich wahrlich zu Tränen rührte, ich erinnere mich noch an meine Ergriffenheit. Die Novelle wurde in Briefform geschrieben und beschreibt eine tragische Liebe. Nüchtern, über eine Obsession, aber ja, dies, mit Abstand betrachtet, der mir, während des Lesens mehr als schwer fiel.
Den Zugang zu Kafka bekam ich eigentlich zunächst durch seine "Briefe an Felice" oder "Milena", ich zitiere aus letzterem: "Liebe ist, daß du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.” Es ist ein wenig trüb in Prag, es ist noch kein Brief gekommen, das Herz ist ein wenig schwer. Es ist zwar ganz unmöglich, daß ein Brief schon hier sein könnte, aber erkläre das dem Herzen."
Nun, ein starker Kontrast zu seinen Werken. Danach begann ich Kafkas Bücher zu verschlingen. Ich finde, das ist einzigartig. Ich empfinde stets eine Mischung aus Qual und wachsendem Interesse an der Qual. Unbeschreibbar, aber es fasziniert mich extrem.
Das ist bei Thomas Bernhard anders, der amüsierte mich stets zutiefst und manch' Aufregung kann ich wohl gut nachvollziehen, zum Beispiel in "Alte Meister", die der verdreckten Toiletten in Wien, dass es keine Stadt gäbe, wo die Toiletten verdreckter wären und dieser Dreck regt mich auch auf, weil überall ist einfach nur Dreck, dreckiger können Toiletten gar nicht sein [ ... ], ich schmunzle, ein Mischmasch aus seinen Gedankengängen, ungefähr wiedergegeben, so denke ich eben auch, auf jeden Fall, ja, ich liebe Thomas Bernhard und in den sechzehn Jahren Beziehung las ich viel, wirklich viel, während der Mann erfolgreich war, schließlich immer erfolgreicher wurde und am Schluss nicht ertrug, dass ich meine eigenen Erfolge haben wollte.

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Kommentare zu diesem Text


 Quoth (30.03.21)
Das "Brüderlein und Schwesterlein" Syndrom gibt es? Ich habe es mal mit den "Räubern von Liang-Schan-Moor" unterfüttert, das ich meiner Gesellin vorlas. - Cees Nooteboom ist auch ein interessanter Tipp, Roberto Bolano "Das Dritte Reich" hab ich und bin gespannt drauf. - "Alte Meister" von Bernhard ist ein Buch, das literarisch interessant und extrem lustig ist, geradezu ein Musterbeispiel dafür, dass Humor und Literarizität (gibt es das Wort?) sich nicht gegenseitig ausschließen. Freue mich schon auf Dein drittes Bücherregal! Gruß Quoth

 Mondscheinsonate meinte dazu am 30.03.21:
Berichte mir dann, das wäre schön!
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