Taube und Milan

Kurzgeschichte

von  FRP

29.03.2021

In der Schule war ich heute allein
und als der Alarm jäh dröhnte
eilte ich zur Tür, woher er
zu stammen schien.
Doch es war kein Alarm der Elektronik.
Es war der Bewegungsmelder des drohenden Todes
einer Taube, die sich ein junger Milan
auf dem verlassenen Schulhof
gerissen hatte. Mit seinen Krallen
im anderen Körper hockte er auf ihr.
Sie starrte ihm mitten ins Antlitz
als wollte sie fragen wieso ein
Mitvogel so grausam sei. Für 45 Minuten
schrie sie ähnlich dem Schulalarm
Immerzu und fort und fort in immer
den gleichen Intervallen,
als hätte sie das den Menschen abgehört.
Doch der Milan war es, der taub zu sein schien.
Ihr helfen, dachte ich, doch dann
nahm ich den Stein aus der Hand.
Das ist nun Gottes Natur und Wille, und ich
greife nicht ein. Der Milan aber schien
jung zu sein, und die Mordtat sein Erstwerk.
So sicherte er die Beute immerzu, wenn sie
sich rührte, doch etwas Finales tat er nicht
in den 20 Minuten, die ich bezeugte.
Als ich später noch einmal vorbei kam,
war der Tatort leer und unberührt, als
wäre so gar nichts geschehen in Gottes
gerechter Welt, die mir immer mehr
als die Hölle erscheint. Der Teufel aber
lässt uns glauben, es wäre die Erde.

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