Der Anzug

Parabel zum Thema Eifersucht

von  Quoth

Eine chromblitzende Motoguzzi – und der Fahrer ganz in silbernes Leder gehüllt … Er brettert an einem Spaziergänger vorbei, der ich bin, verschwindet hinter dem Waldstück, um das die Straße herumführt – ein Knall! Ein dumpfer, krachender Knall.
Ich schaue mir den Anzug an, den meine Frau mir hingehängt hat. Er ist silbergrau mit schmalen hellblauen, sich zu großen Quadraten kreuzenden Streifen. Den soll ich tragen? Das ist absolut nicht mein Stil. Gemustertes dulde ich nur auf Pyjamas. Ich ziehe ihn an. Er passt gut. Weder Beine noch Ärmel zu lang, die Schultern etwas gepolstert – aber das mag ich, und es steht mir. Tailliert, klar, italienischer Anzug! Aber passt! Ich betaste den Stoff. Sehr gut, wahrscheinlich englischer Tweed. Und eingenäht ein Schild: Etro, Milano – mit fliegendem Pegasus … Ich kenne die Marke nicht, aber schlecht scheint sie nicht zu sein. Und der Pegasus – kein schlechtes Zeichen für einen, der Inspiration dringend gebrauchen kann! Ercole ist tot. Aber werde ich seinen Schatten, der über unsrer Ehe liegt, los, indem ich seinen Anzug trage? Ich ziehe ihn aus, werfe ihn auf den Boden, trete wütend darauf herum. Brunhild kommt herein: „Bist du verrückt? So ein tolles Teil könntest du dir nie leisten!“ Sie gebietet mir Einhalt, hebt den Anzug auf. „Jetzt muss ich ihn bügeln, bevor ich ihn in den Secondhandshop bringe!“ „Gib ihn her!“, sage ich. „Ich wollte nur, dass er ein bisschen getragener aussieht. Ich nehme ihn. Schon weil ich weiß, dass du gern an die Zeit mit Ercole in Mailand zurückdenkst.“ Brunhild sah mich zweifelnd an. Aber ich werde ihren Zweifel besiegen und als erstes den Motorradführerschein machen.

Kommentare zu diesem Text


 Lluviagata (07.04.21)
Der Protagonist wehrt sich nur schwach gegen die Zwänge seiner Ehe, die er, triumphierend über seinen Rivalen, einstmals so sehr wollte. Er will heute lieber schreiben.. Und dann ruhmvoll sterben. Am liebsten in silberner Rüstung auf dem Dichterross.

Liebe Grüße
Llu ♥

 Quoth meinte dazu am 07.04.21:
Vielen Dank, Lluviagata, für Empfehlung mit Kommentar! Meine Lieblingssage war immer die von Perseus, der auf seinem Pegasus von Heldentat zu Heldentat reitet! Ob dem Ich-Erzähler das auch gelingen wird? Gruß Quoth
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