Coronaerkentnisse 4

Gedanke zum Thema Krisen

von  TrekanBelluvitsh

Dieser Text gehört zum Projekt  Corona-Texte
Die Coronakrise ist in Deutschland vor allem eine Krise des Bildungsbürgertums bzw. jener, die sich dafür halten. Zunächst mussten es im Homeschooling feststellen, dass seine Kinder nicht halb so hochbegabt sind, wie man immer annahm. Und - gemessen am schulischen Stoff - stellte sich die eigenen Bildung auch als eher begrenzt heraus.

Doch vor allem stellt die Coronakrise den - zumeist unausgesprochenen - Leitsatz des Bildungsbürgertums in Frage: "Wir sind da, wo wir sind, wegen unserer Leistungen." Denn ihre vorgeblichen Leistungen können viele Bildungsbürger*innen in der augenblicklichen Situation nicht abliefern. Die Kulturszene ist dafür ein extremes Beispiel. Hier findet sich der Leistungsmythos in nahezu ungefilterter Form wieder. Künstler sind zumeist der festen Überzeugung, dass ihr Erfolg - auch der monetäre - allein in Leistung begründet liegt. Die Wahrheit ist jedoch, dass gerade in dieser Szene Erfolg in erster Linie an persönlichen Beziehungen liegt, Netzwerken oder Verwandten, die selbst in der Kulturszene unterwegs sind oder waren. "Schauspielerfamilien" entstehen nicht, weil alle in dieser Familie besonders begabt sind, sondern weil ein schauspielerndes Familienmitglied den Nachfolger*innen Tür und Tor geöffnet hat. Wer nicht über solche Netzwerke verfügt, hat es schwerer. Sein/ihr Scheitern ist ungleich wahrscheinlicher.

Nun erleben viele Bildungsbürger*innen gerade, dass sie nicht in ihrem gewohnten beruflichen Umfeld tätig sein können. Innerlich sind sie jedoch immer noch an ihren Leitsatz gebunden. Leider hat der auch eine Kehrseite. Sie lautet: "Wer nicht da ist, wo er hin will, hat die entsprechende Leistung nicht erbracht." Dies haben sie ebenfalls verinnerlicht. Die Folgen sind Selbstzweifel bis zum Selbsthass. Auf der anderen Seite bemerken sie natürlich, dass, sie vor der Coronakrise in einer ganz anderen Situation waren. Da sie es gewohnt sind, in den Kategorien Leistung/Nichtleistung zu denken und sie selbst sich ja nicht verändert haben, d.h. weiterhin bereit sind, Leistung zu erbringen, muss irgendwo einer sitzen, der gerade Nichtleistung erbringt und sie selbst so am erbringen ihrer Leistung hindert. Es folgt, was immer an so einem Punkt beginnt: Die Suche nach einem Sündenbock. Ist der gefunden, stabilisiert das nicht nur das eigenen Welt-, sondern auch das Selbstbild. Es ist darum für die psychische Gesundheit des Bildungsbürgertums nahezu unerlässlich.

Dabei kennt jeder die Wahrheit. Wird ein Posten ausgeschrieben - und ist attraktiv(sic!) - ist er nicht selten schon unter der Hand vergeben. Allen gesetzlichen Regelungen zum Trotz finden sich die Begründungen schon. Sitzt in der Geschäftsführung des Familienunternehmens als "Assistent der Geschäftsleistung" jemand, der den selben Nachnamen trägt, wie der Inhaber, sitzt er dort aus eben diesem Grund. Ist man mit dem Filialleiter der Sparkasse gut bekannt, kann es mit dem Kredit schon mal ganz schnell gehen. Und in der Bäckerei um die Ecke legt einem die Verkäuferin den letzten Bauernstuten zurück - schließlich ist man 9 Jahre lang gemeinsam zur Schule gegangen.

Allein diese wenigen Beispiele zeigen auf, dass wir in dem was wir für unser Tun bekommen, in den meisten Fällen von anderen bzw. deren Beurteilungen abhängig sind. Und persönliche Beziehungen, Netzwerke - umgangssprachlich; Vitamien B - helfen enorm, solche Beurteilungen zu unseren Gunsten zu verbessern. Dennoch halten wir am Mythos der Leistungsgesellschaft fest. Dies gilt besonders für das Bildungsbürgertum, dessen Hauptaugenmerk auf dem sozialen Aufstieg liegt.

Doch in weiten Teilen hat die Coronakrise diese Netzwerke lahmgelegt. Dies geschah einfach durch die Tatsache, das Treffen mit anderen Personen nur eingeschränkt sind. Jene Netzwerke existieren großteils nur in der regelmäßigen Pflege. Sie können verfallen, wenn diese ausbleibt bzw. nicht möglich ist. Also verfällt auch der Erfolg des Bildungsbürgertums. Gefangen im Dogma von Leistung/Nichtleistung sind jene Menschen aber nicht bereit, das zu erkennen. Außerdem halten sie an dem Konstrukt ihrer eigene hohen Leistungsfähigkeit fest. Das ist auch nicht verwunderlich. Denn im Gegensatz zu dem, was Kalendersprüche uns weismachen wollen, führen Krisen selten zu Erkenntnissen und Umorientierungen, sondern verfestigen vorherigen Überzeugungen und Glaubensgrundsätze. Die Welt des Bildungsbürgertums funktioniert jedoch offensichtlich nicht mehr. Die Coronakrise ist damit ihre Krise - zumindest wird das so empfunden. Veränderungen sind von diesen Leuten jedoch nicht zu erwarten. Das sie Sündenböcke finden, umso mehr.

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Kommentare zu diesem Text


 Terminator (24.04.21)
Könnte im Feuilleton-Teil einer Qualitätszeitung (wie solche vor 30-50 Jahren noch waren) stehen. Die Partei der leistungslosen Leistungsträger (die nur für den Anspruch, für ihre Leistung bezahlt zu werden, bezahlt werden) hat sich neulich bezüglich der Notbremse enthalten: die anderen soll es ja schón treffen, besonders die Armen und die böhsen FDP-Wähler, nur halt die eigene Klientel nicht. Mit den sommerlichen Temperaturen kommen spannende Wochen: nach 6 Monaten Lockdown kommt die Ausgangssperre, während bei vielen die Geduld aufgebraucht ist und immer mehr Menschen nichts mehr zu verlieren haben. Dann gibt es andere Sorgen, aber die Entlarvung des leistungsverlogenen Bildungsbürgertums wollen wir an dieser Stelle erstmal festhalten und genüsslich durch den Mund jagen und kauen. Köstlich!

 TrekanBelluvitsh meinte dazu am 26.04.21:
In meinen Augen hat die Coronakrise die Probleme des Bildungsbürgertums nicht geschaffen. Sie legt nur dessen Mythen offen. Und diese Menschen reagieren gleich. Ob es der rechtsextreme Hildmann oder der naive Liefers ist. Sie sind zur Reflexion nicht fähig und verabsolutieren ihre eigene Situation. Eben weil sie in den Mythos ihrer eigenen Leistung verliebt sind. Würden sie den in Frage stellen, müssten sie sich selbst in Frage stellen.

Aber wie gesagt: Das ist in meinen Augen nichts Neues. die Coronakrise funktioniert hier nur als Katalysator Und ändern wird sich daran auch nichts. Aber von Zeit zu Zeit tut es mir einfach gut, dass nicht nur zu denken, sonder auch auszusprechen, oder, wie in diesem Fall, niederzuschreiben.

 EkkehartMittelberg (24.04.21)
Hallo Trekan. scharfsinnig argumentiert, die sogenannten Qualitätszeitungen würden es freilich nicht abdrucken. Aber gerade das spricht für die Qualität.

 TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 26.04.21:
Naja, letztlich wäre das ja auch eine Leserbeschimpfung Aber das es dir gefällt, gefällt mir schon.

Antwort geändert am 26.04.2021 um 15:58 Uhr
Reuva (45)
(02.05.21)
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 TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 02.05.21:
Zunächst danke ich dir für deinen Kommentar. Dennoch würde ich dir widersprechen. Aufgrund der Tätigkeitsbeschreibung sind Journalisten*innen in den Zwängen der alltäglichen Ereignissen gefangen. Für Kunstschaffende hingegen ist die Reflexion des Lebens die Grundlage ihrer Existenz. Wenn sie das nicht schaffen und in den Vorgaben ihrer gesellschaftlichen Stellung stecken bleiben, habe sie die Bedeutung ihrer beruflichen Existenz selbst minimiert.

Allerdings - und das möchte ich nicht unerwähnt lassen - ist das genau das, was die Öffentlichkeit von ihnen erwartet und mit Erfolg belohnt. Beispielhaft kann man das an den "Buddenbrooks" sehen. Es wird bis heute hoch gelobt und ist doch ein Drama über das Großbürgertum, geschrieben von einem Autor, der selbst aus dem Großbürgertum stammt. Man sollte also zumindest den kreativen Ansatz nicht zu hoch loben.
Reuva (45) äußerte darauf am 02.05.21:
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