Mein kv - ein Rückblick

Dokumentation zum Thema Literatur

von  Bergmann

Mein kv

Persönliche Begegnungen

1. Der Webmaster

Dies ist kein Abschied. – Ich werde in den nächsten Kolumnen meine persönlichen Begegnungen mit kv-Leuten darstellen, die für mich im Rahmen von kv besonders wichtig wurden, gemeint sind die Personen, die ich auch real, also in persona traf.

Am 19.11.2005 fand ich zu kv, etwa ein gutes Jahr nach dem Bestehen der Seite, und zwar durch den Hinweis eines Kollegen (AZU20) aus meiner Zeit am Mechernicher Gymnasium, den ich bis heute immer mal wieder im Bonner Theater oder in der Oper treffe. 
Mein erster Text: OFFENER BRIEF. Da hatte ich kv noch kaum kennengelernt, aber ich verurteilte die Seite, weil ich in ihr den falschen Weg sah, schriftstellerisch tätig zu werden. Da hatte ich den eigentlichen Knackpunkt, die Crux dieser Seite noch gar nicht so recht erfahren, nämlich: die zweite Seite dieser Seite heißt: kv ist ein soziales Medium. Was ich auch noch nicht wusste: dass sozial zweierlei oder dreierlei bedeuten kann: 1. kommunikativ in Sachen Literatur, 2. narzisstische Selbstdarstellung und/oder Klagemauer der User, 3. kommunikativ in anderen Sachen, etwa Beziehungen und ‚Beziehungen‘ – um nur drei wichtige Seiten zu nennen. Hinzu käme noch die Unterhaltungsseite der Seite – nämlich bei den Foren: Neben literarischen Diskussionen gab und gibt es auch alberne Streitereien oder so genannte Off-Limit-Diskussionen.

Erschwerend kam hinzu: Neben dem Webmaster (Jan Zenker alias Malik) gab und gibt es einen Verein, der in der Anfangsphase erst gut mit dem Webmaster zusammenarbeitete, dann aber seine Funktion und Bedeutung überschätzte, Mitsprache-Forderungen an Jan stellte, die er nicht erfüllen wollte und konnte, so dass es zum Streit kam: Der Chef des Vereins, Zweiter Administrator von Jans Gnaden, wurde als Administrator entlassen, und der Verein musste nun eigene Wege gehen. So vernünftig das war, so böse und niederträchtig gab es Stimmen, die Jan einen Monarchen nannten (ich glaube, das kam in der Hauptsache von mir), was den Kern Jans gar nicht traf, denn wie er die Meinungsfreiheit auf kv verteidigte, das ist schon vorbildlich zu nennen, auch wenn ich manchmal zu viel Toleranz sah, etwa wenn er den seltsamsten und politisch manchmal leicht extrem eingestellten Figuren ihre Bühnenauftritte gewährte. Jedenfalls ist kv die freieste Literaturseite, die ich kenne.

Meine Kritik von 2005 nahm ich Schritt für Schritt zurück, zumal ich merkte, dass ich von den sehr schnell erfolgenden Kommentaren zu meinen Texten einiges profitierte. Ich sah und sehe in kv ein sehr geeignetes Experimentierfeld für das Schreiben. Und: ich lernte einige Leute genauer kennen.

Für mich war das Große kv-Treffen im Frühjahr 2006 eine wunderbare Offenbarung. Mit bratmiez zusammen moderierte ich eine kv-Lesung. Sie gehörte zu den allerersten, die kennenlernte und die mir sehr half beim Hineinfinden in die Welt von kv. Und einige andere, mit denen ich näheren Kontakt bekommen sollte. Aber der Reihe nach. In dieser Kolumne ist es Jan Zenker, Erfinder, Eigentümer und Webmaster von kv, über den ich ein paar Sachen mitteile, die mir auffielen.

Als ich ihn in Artern am 13. Mai 2006 zum ersten Mal sah, schaute er etwas finster drein. Vorausgegangen war mein OFFENER BRIEF, der heiß diskutiert wurde (längst nicht alle widersprachen mir), und im Verlauf dieser Kommentare und Gegenkommentare verlor ich aus der Sicht des Webmasters die in den Regeln gebotene Contenance und wurde für 2 Wochen gesperrt. Ich war dem kv-Verein beigetreten und beteiligte mich an der Diskussion um die Mitsprache des Vereins. Kurzum, ich muss wohl gewirkt haben wie ein Störer des kv-Friedens. Zurück zum kv-Treffen: Der Webmaster verhielt sich kühl zu mir. Es kam hier zu keiner Annäherung. Das Treffen bedeutete mir mehr wegen anderer kv-Gestalten: alpha, Elias, Don.Mombasa, Bratmiez, Augsburg (Jovan Jovanovic), Wupperzeit, BrigitteG und AndreasG, Fidibus (Harald Pieger, kv-Vorsitzender und Zweiter Administrator) ...
Als ich Jan zum zweiten Mal traf – ich besuchte ihn in Artern vor einigen Jahren und wir tranken Kaffee in seinem Haus -, da war sein Blick nicht mehr so finster wie 2006, sondern im Gegenteil, wir unterhielten uns angeregt über kv und vor allem über die deutsch-deutsche Situation 1990 bis heute. Schon auf der kv-Seite wurde deutlich, dass er in Sachen Werbeagentur bzw. Webagentur tätig war und nebenbei einen Handel mit Präsern betrieb, und er hatte Sprachwissenschaft studiert. Wer mit ihm diskutiert, hat es mit einem präzise argumentierenden und scharf urteilenden Mann zu tun, der jedoch seine Güte nicht verbirgt. Sie gehört zu seiner politischen Toleranz. Er weiß genau, dass ihm diese Toleranz auch als Schwäche ausgelegt werden kann – in Wahrheit aber zeigt er Stärke, wenn er die Freiheit und das Recht auf Meinungsäußerung verteidigt, auch wenn es für so manche kv-User unbequem ist.

Nun will Jan die kv-Seite schließen, wenn die Zahl der angemeldeten Nutzer unter 500 sinkt. Das hat er vor einiger Zeit unmissverständlich klar gemacht. In früheren Hochzeiten gab es 1200 und mehr Nutzer. In der Tat gab es auch lebendigere Zeiten, was Texte und originelle Autoren oder literaturaffine Diskussionen angeht. kv besteht nun schon 16 Jahre. Das ist verdammt viel - wenn man z. B. bedenkt, dass Julietta Fix ihre grandiose Literaturseite fixpoetry.com mit Ablauf dieses Jahres einstellt (und vielleicht noch als Archiv existieren lässt).
Zum Glück sinkt die Nutzerzahl langsam, und es werden wohl noch ein oder zwei Jahre vergehen, bis der point of no return erreicht sein wird – es sei denn, es geschieht ein Wunder und die Zahl steigt wieder. Eigentlich ist es das, was ich hoffe.


2. Elias

Eberhard begegnete ich zum ersten Mal persönlich auf dem legendären kv-Treffen in Artern, im Juni 2006, wo ich auch den jungen Mann (Pseudonym mullenlulle) kennenlernte, der ihn als seinen Wahlvater bezeichnete in seinem Bericht über ihn und sein Sterben im Oktober 2016. Schon vorher schrieben wir gegenseitig Kommentare und persönliche Mitteilungen und Mails.
Eberhard besuchte mich kurz nach dem Treffen in Artern einmal in Bonn, als er dort beruflich zu tun hatte. Ich besuchte ihn in den folgenden Jahren in Jena, und zwar von Halle an der Saale aus, wo meine Mutter lebt, und saß in seinem Einfamilienhaus in einer Siedlung am Rande der Stadt auf der Küchenbank und bekam Kaffee und Kuchen – dort lernte ich auch seine Frau kennen; er schenkte mir zwei Bücher russischer Autoren, die ihm wichtig waren, und zeigte mir Jena. In besonderer Erinnerung blieben mir die Autoschrott-Skulpturen von Frank Stella vor der Universität. Wir stiegen auf das moderne Hochhaus in Jena (im Volksmund „Erichs Pimmel“) und schauten über die im Weltkrieg stark zerstörte Stadt. Hier lebte Schiller eine Weile ...
Einmal traf ich mich mit Eberhard in Halle, im Teesalon „Roter Horizont“ in der Kleinen Ulrichstraße diskutierten wir mit dem Schriftsteller und Redakteur („Ort der Augen“) André Schinkel über literarische Fragen.

Ich besitze Eberhards Wissenschaftskrimi „Jenyang“ und seinen beachtlichen Sonettenkranz „Weltenchaosspielgesang“. Wir machten uns gegenseitig aufmerksam auf die eine oder andere Literaturzeitschrift, um darin publizieren zu können, und das klappte auch manchmal. Besonders eindrucksvoll war für mich, als er mir Aleksej Gastevs Manifest „Ein Packen von Ordern“ (1921) schickte, worüber ich eine längere Rezension schrieb.
Bald überbeanspruchte ihn seine berufliche Tätigkeit, er litt sehr darunter. Er war Professor der Sportpsychologie, einer der wenigen Wissenschaftler in Thüringen, die nach dem Beitritt der DDR zur BRD und der personellen Abwicklung in Forschung und Lehre als Professor berufen wurden. Wir schrieben uns weiterhin Briefe und Mails, teils längere. Ich habe etwa 50 Briefe in meinem Computer gespeichert. Wir schrieben uns bis etwa zwei vor seinem Tod. Von da an schwieg unsere Korrespondenz, auch das Kommentieren auf kv. Er erklärte mir sein Schweigen mit der vielen Arbeit. Ob er da schon erkrankt war, weiß ich nicht. Ich setzte auf seine Zeit im Ruhestand. Das Wiederaufleben unserer kleinen Freundschaft wäre sicher gelungen.

Eberhard Loosch schrieb luzide Analysen über einige kv-Kollegen, nicht nur über deren Texte. Ich zitiere einige Zeilen, die er über mich am 19.9.2006 schrieb:
„Nach allem, was ich sehe, lese, spüre, hast Du Deine Dissoziationen (innere Spaltungen, Unvereinbarkeiten, „nicht ganz wir selbst sein“ – das Maß gleitet, von künstlerischer Kreativität bis handfeste Identitätsstörungen, mithin normal bis selbstständig und nicht mehr existenzfähig) unter weitgehender Kontrolle. Schmerzhafte Angelegenheit, die bisweilen in unbändige Lust am Leben umschlägt ... und Kunst.
Man ahnt es und ich kann es nachfühlen, weil es mir nicht viel anders ging und die Schale der Normalität mir eine mühsam erarbeitet ist.
Dein Innenleben ist also ein recht buntes, mit Höhen und Tiefen. Ich glaube schon, dass Du einen recht guten Blick auf Dich hast. Ansonsten ist alles menschlich, was ich wahrnehme. Ich glaube, dass wir, um uns der Welt angemessen öffnen zu können, unbedingt Masken brauchen, die schillernd und beweglich dem anderen die Aufgabe erteilen, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, indem er das Dahinter ergründen muss, das andere, das die Maske kaschiert und die zugleich für den, der achtsam hinsieht, alles Essentielle enthält. Künstlerisch verbrämt adeln sich unsere Masken und der bisweilen hysterische Schrei nach Nichtlüge wird mir zur Qual. Ich traue der Wahrheit nicht. Ich weiß nicht, ob ich Dich verstehe, aber Mühe gebe ich mir. Außerdem philosophiere ich gerne ein wenig herum. Du bist sehr offen zu mir. Es hat etwas Wohltuendes.“

Als Wissenschaftler schrieb Eberhard Loosch eine Allgemeine Bewegungslehre, 1999 (UTB-Taschenbuch), 318 S., darin ein Kapitel zu den psychomotorisch-koordinativen Fähigkeiten an, die sicherlich ein Kernthema seiner Bewegungslehre ausmachen. Er beschäftigte sich auch mit sporthistorischen Themen und schrieb eine Monographie über einen Kollegen. 

Eberhard starb an Krebs am 12. Oktober 2016 im Alter von 62 Jahren. Es war sehr verdienstvoll, dass der Webmaster die Texte von Elias ein Jahr lang nicht löschte, wie er es auch im Falle Zackenbarschs gemacht hatte.

Der Dialog mit Eberhard hat mir viel bedeutet. Sein Tod schmerzt mich. Ich behalte ihn in guter Erinnerung.



3. Cantalurp (Julia Trompeter)

Ich habe Julia zum ersten Mal persönlich getroffen, als sie in einem der vielen Kölner Kultur-Zimmer ihre Lieder und Gedichte vortrug, die sie mit Gitarren-Begleitung teilweise auch sang. Eine zierliche junge Frau sang vor einem, was das Alter angeht, gemischten Publikum und bekam viel Beifall für ihre ersten Versuche, öffentlich aufzutreten. Manches war da noch ungelenk, auch die Lyrik, aber es blitzte auch viel Talent auf. Das war 2006.

Die Lyrik, die sie auf kv brachte, gefiel vielen, Cantalurp war beliebt, auch ihre Teilnahme am Kommentar- und Diskutierbetrieb. Leider habe ich sie nicht aufgenommen in meine kv-Anthologie „bildschirmgedichte“ - doch ich schätzte sie und einige ihrer Gedichte sehr. Mit den Jahren veröffentlichte sie immer weniger Texte auf kv, und seit dem Sommer 2014 ist sie bei kv nicht mehr aktiv. 

Die 1980 in Siegburg Geborene studierte Philosophie, Germanistik und Klassische Literaturwissenschaft in Köln und promovierte in Berlin und Bochum.
Seit 2009 tritt sie in dem performativen Projekt [hier sieht man die Fortsetzung früherer Bühnenauftritte] „Sprechduette“ zusammen mit Xaver Römer auf.

Sie erhielt 2012 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln, 2013 für ihren Debütroman eine Förderung der Kunststiftung NRW, 2014 den Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler des Landes Nordrhein-Westfalen.
Nach ihrem Debüt „Die Mittlerin“ ist 2016 im Verlag Schöffling & Co. der Lyrikband „Zum Begreifen nah“ erschienen.

Am 6.4.2016 um 20 Uhr hat sie eine Lesung im Buchcafé Antiquarius, Bonner Talweg 14, 53113 Bonn. Ein paar Straßen weiter wohne ich. Ich war gespannt auf das Wiedersehen.

Am 6.4.2016 um 20 Uhr war ich bei ihrer Lesung im Buchcafé Antiquarius, Bonner Talweg 14, 53113 Bonn. Ein paar Straßen weiter wohne ich. Es war der Tag meines Geburtstags. Egal. Primzahl unter 100. Ich feiere sowieso erst am Wochenende. Also hin zum Antiquarius.

Die kleine enge Bude war picke packe rappelvoll. 30 plus. Alter auch. 30 plus bis 40 plus. Ich dann absolute Altersspitze. Primzahl unter 100, hinter mir liegen schon 19, vor mir nur noch 6 weitere. 

Die KRITISCHE AUSGABE (Literaturzeitschrift der Fachschaft Germanistik, Bonner Uni, die heute nicht mehr existiert) moderierte an. In einer 2016 erschienenen Ausgabe steht eine philologische Rezension von Julias erstem Gedichtband. Der Autor der Rezension, Fabian Beer, gibt Julia das Wort.

Nun liest sie. Stellt ihren Gedichtband vor. Ich erlebte sie nun ganz anders als vor 10 Jahren in Köln, als sie ihre Gedichte und Lieder im DUDDLE vortrug. Ich dachte: Sie sieht eigentlich immer noch so aus wie damals, nur singt sie (leider) nicht mehr. Jetzt ist ihr Auftritt viel bescheidener, das ist nicht falsch, - sie ist vorsichtig.

Der Rezensent der KRITISCHEN AUSGABE lächelt hin und wieder in mitverstehendem Wissen bei dem ein oder anderen Vers.

Das erste Gedicht, das Julia liest, ist vielleicht das beste, dachte ich, es ist das erste in ihrem Buch:


Paradies

Wenn sich deine Augen manchmal aufklappen,
sperrangelweit, und der Horizont in sie kippt,
denn wie sollte die Ferne sonst zu dir gelangen?

(„Zum Begreifen nah“ heißt Julias Buch ...)

- dann sehe ich gerne hinein, denn sie spiegeln
ungeahnte Theorien von Schwarzen Löchern,

(man beachte die poetologischen Anspielungen!)

achtsam geschmeckten Rosinen oder einfach
Pupillen, die du mit deinen Äpfeln herumrollst,
in die ich beißen würde, wenn ich könnte,

(immer noch poetologisch gemeint - Rosinen, Äpfel, Synthese von Sinn und Sinn ...

und alle Fehler einfach wiederholen, ganz egal.

(Ganz egal! Wir sehen: Was sich parodieren lässt, hat Substanz.)

Wenn ich das kleine Haus dort hinten wäre,
an dem dein Blick sich lautlos verfängt.
Und sowieso würde ich vorschlagen,
das Meckern der Schlange zu ignorieren.

(Schlange! Subtile Ambivalenz! Das weiblich Böse und die hoffnungslos Wartenden.)

In der erwartbar akademisch formulierten Rezension Fabian Beers wird die Autorin zitiert: ihre lyrische Intention sei es nicht, die Welt mimetisch im Sinne von Aristoteles abzubilden, sie wolle „mit einem geöffneten Sinnangebot in Spannung treten“. Das heißt: sie will die polysemantische Wirkung der Sprache so organisieren, dass mehr als nur das Wesen einer Situation, eines Sachverhalts lesbar wird. Dergestalt, dass der Leser sich selbst dem Begreifen näher bringt, indem er das gelesene Gedicht in seiner eigenen Sprache nachspricht, mit Worten oder Ideen. Das sind keine neuen Dinge in der Lyrik, aber die Autorin zeigt, dass sie weiß, wie und was sie schreibt. Sie hat sich freigeschwommen aus dem kleinen Pool liedhafter Verse in der Zeit ihres Beginnens vor ungefähr zehn Jahren. Die Gedichte sind nun wesentlich subtiler, sie setzen darauf, dass sich komplexe Metaphern beim Lesen multiplizieren, aber man muss das nicht ausrechnen. Julia Trompeters Gedichte sind voll von solchen spielerischen Wirklichkeits- und Perspektivenverfremdungen, die den Leser seinen Erkenntnissen näherbringt.
Leicht sind diese Gedichte nicht, zumal sie poetologische Metaebenen und Selbstkommentierungen enthalten. Hermetisch wirken jedoch nur einzelne Stellen – und man muss auch nie das ganze Gedicht in philologischer Vollendung kapieren. Anders betrachtet: Wer könnte meine Lesart widerlegen, angesichts der gewollten und ungewollt sich ergebenden Komplexität der Gedichte?  Schon die Nähe meines ‚Verstehensgedichts’ zum gelesenen reicht – und so sind wir wieder beim Titel des Lyrikbands.   

Was soll ich sagen. Alles in allem ein reicher Gedichtband - rund 100 Seiten. Eingeteilt in 5 Abschnitte.

Zum Begreifen nah.
Sieben Lamellen.
Ein freischwebender Ton.
Aus gekachelten Nestern.
Feldforschung, gelichtet.

Ordnung muss sein. Aber hier gar nicht ernst gemeint. Gut so.

In der Pause unterhielt ich mich mit Julia. Sie hat gute Erinnerungen an kv. In den frühen Jahren waren die Kommentare erfreulich fair, meint sie. Ich sagte: Ja, das war einmal. Im Moment geht es wieder ganz gut.
Ich sage: kv ist gut für um zu wissen, wie mein Text ankommt. Und das ist eigentlich nur bei kv so direkt möglich.
Ein subtil formulierter Gedichtband. Eine sympathische Autorin. Ein wundervolles Wiedersehen nach zehn Jahren!

Was wird aus Julia? - Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gefragt. Ich ahne: Sicher noch ein Buch. Ihr Standbein: Julia Trompeter studierte in Köln und Berlin Philosophie, Germanistik und Klassische Philologie und wurde 2013 in Bochum zum Thema Psychologische und physiologische Aspekte der Tripartition der Seele bei Platon und Galen promoviert. 2008 bis 2011 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Griechische und Lateinische Philologie der Freien Universität Berlin, von 2011 bis 2016 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie II: Philosophie der Antike und des Mittelalters der Ruhr-Universität Bochum tätig, danach arbeitete sie als Postdoktorandin an der Universität Utrecht.



4. darkjoghurt

Daniel war noch recht jung, als ich ihn 2005 auf kv kennenlernte, er studierte noch Jura, während ich langsam dem Ende meines Arbeitslebens entgegenging. Zunächst kam es zum virtuellen Gedankenaustausch in den literarischen Diskussionen im Forum. Bevor ich ihm persönlich begegnete, lernte ich seine spätere Frau kennen, und zwar auf dem legendären kv-Treffen 2006 in Artern. Da nannte Mandy sich LunAe, und sie ist noch immer, jetzt unter einem anderen Pseusonym, bei kv – genauso wie Daniel, der ein anderes Pseudonym annahm, bevor er beruflich tätig wurde. (Es gibt wohl einige, die bei kv ausstiegen, weil sie in ihrer beruflichen Tätigkeit entweder keine Zeit mehr hatten, Texte zu schreiben, oder die nicht als Schreibende im Internet entdeckt werden wollten – denn wer dichtet, macht sich in den Augen vieler lächerlich oder wird sogar angreifbar; und das ist der entscheidende Grund, ein Pseudonym zu wählen.)
darkjoghurt schrieb damals experimentelle Prosatexte, manchmal waren sie künstlerisch provokativ, und die Genregrenzen waren fließend – es konnte Lyrisches mit Prosa, teils auch Bildern, gekreuzt sein.
Lyrik ist ein weites Feld. Schwer zu sagen, wo es anfängt, wo es aufhört. Wo ist die Grenze zur Prosa, wenn der Begriff der an Metrum und Reim „gebundenen Sprache“ sich schon längst aufgelöst hat? So gesehen haben wir die verschiedensten Lyrik-Kulturen: Streng gefurchte Sonett-Beete (es flocht so mancher auf kv schon einen Sonett-Kranz, Elias schrieb den ersten ...), brav und manchmal kühn gereimte Strophengedichte in starker Anlehnung an frühere Epochen, vor allem Romantik und spätromantische Metaphorik zur Zeit des Realismus (über 100 Jahre zurückliegend!), aber auch angelehnt an die Zeit des Symbolismus, die Rilke-Zeit, und immer wieder auch den Gedichten des Expressionismus verwandt – und dann gibt es die immer noch waghalsigen Onomatopoeten (Klangdichter, manchmal neigte jovan.j dazu), die Autoren neuer konkreter Poesie – und es gibt viele viele prose poems (Prosagedichte), die oft identisch mit inneren Monologen sind, lange und kurze, oder aber ganz freie Texte, die sich gar nicht richtig bestimmen lassen in dem weiten Feld, sie sind eine Art Feldrandgewächse.
Hier nun ein kleines Beispiel für Miniprosa:

an regentagen ruhig mal gefühle zeigen

"Ich lass Dich nicht im Regen stehen -" flüsterte ich ihm in die Handbremse - "ich lass dich nicht alleine." Dann trug ich das Fahrrad behutsam in mein Büro. Liebe.

Ach – diese paar Zeilen sind für mich ein Gedicht, da werden Zeilen zu Versen. Sie reimen sich nicht, sie haben kein Metrum, kaum einen regelmäßigen Rhythmus – aber eine wunderbar neue Metaphorik, die über das Gedicht (über das metaphorische Ding, das Fahrrad) hinauswächst. Zu Beginn ist das Subjekt der Zuneigung ein Objekt, aber schnell wächst das scheinbar Nüchterne ins Bild: „Ich lass dich nicht im Regen stehen“ ist doppeldeutig – das wird immer deutlicher, wenn man weiterliest: „… flüsterte ich ihm in die Handbremse“ – hier wird die Handbremse zum Ohr der Geliebten. Der Liebende wendet sich an ihr Herz, an ihre Seele. Oder ist es noch viel mehr als das? Er stellt die Geliebte nicht einfach ab, er überlässt sie nicht der klaglos zu erleidenden Einsamkeit, er verlässt sie nicht, sondern er spricht so zärtlich mit ihr, dass der Leser geneigt sein könnte, es gehe im Büro vielleicht sogar um eine intimere Fortsetzung der Liebe. Klar, Ironie der Distanz schwingt mit. Liebe ist so direkt heute kaum noch sagbar, ohne Authentizität zu verlieren. Rückwirkend wird das Wetter, der Regentag, zu einem seelischen Begriff: Gemeint sind kommunikative Situation, Stimmung und Gemüt. Die existentialistische Ebene wird mit dem Satz erreicht: „ich lass dich nicht alleine.“ Diese neue Formulierung des Beginns ist viel mehr als eine deutende Variation. Mit dem letzten, elliptischen, Satz („Liebe.“) werden die nüchternen Worte endgültig zum subtil ironischen Liebesgedicht oder gar zu einem Gedicht über Liebesgedichte! Das ist toll gemacht.
Sagt mir nicht, der junge Dichter habe das so gar nicht intendiert – es ist völlig egal, was er dachte, wichtig ist, was ich lese! Und sagt mir nicht, ich wollte euch mit dieser Analyse verarschen – das würde ich nie tun, denn dann würde ich mich ja selbst betrügen.

Daniel hat irgendwann (ich erinnere mich nicht mehr) die aus Thüringen stammende LunAe-Mandy kennengelernt und bald kam sie zu ihm in den Westen. Inzwischen korrespondierten Daniel und ich vor allem per Mails. Ich erfuhr nun, dass er ein glühender Hörer der so genannten E-Musik ist, er kennt Komponisten von Bach bis heute. Er überzeugte mich, sämtliche Kantaten Johann Sebastian Bachs zu hören, ein Unternehmen, vor dem ich mich zeitlebens scheute, obwohl ich Bach schätze und liebe und ansonsten alle seine wesentlichen Werke kenne. Es wurde ein Erlebnis für mich!
Wir schrieben uns vor allem in den Jahren 2010-2017 Dutzende von Mails – meistens über Musik und Literatur. Hier ein Beispiel:

„Hallo B.
Ich würde gerne musikalisch mehr open minded werden und hab deswegen zB vor, mir zu kaufen:
- MUSIK IM 20. JAHRHUNDERT - DIE REVOLUTION DER KLÄNGE VOL. 1-7: ZU NEUEN UFERN. ZWEITAUSENDEINS EDITION DOKUMENTATION 02/TEIL 1-7.
Vorgestellt von Sir Simon Rattle. Mit Musikbeispielen aus: Wagner/Ouvertüre zu "Tristan und Isolde", Schönberg/Verklärte Nacht, Mahler/Sinfonie Nr. 7, Strauss/Elektra, Berg/Violinkonzert u. a. Strawinsky/Le Sacre du printemps, Reich/Music for piece of wood, Boulez/Rituel in memoriam Bruno Maderna, Varèse/Ionisation, Ligeti/Atmosphères, Mahler/Das Lied von der Erde u.a. Debussy/Prélude à l'après-midi d'un faune, Strawinsky/L'oiseau de feu, Schönberg/Fünf Orchesterstücke op. 16, Boulez/Notations, Ravel/Daphnis et Chloé u.a. Bartók/Herzog Blaubarts Burg, Schostakowitsch/Sinfonie Nr. 4, 5 & 14, Lutoslawski/Sinfonie Nr. 3, Konzert für Orchester u.a. Gershwin/Rhapsody in Blue, Ives/Decoration day, Cage/First construction in metal, Carter/Celebration of some 100 & 150 notes, Adams/Harmonium, Copland/Appalachian Spring, ...
Aber ich bin gerade wieder ein mainstreamiger Stinkstiefel und höre nur na ja mainstream. Magst Du Musicals? Ich habe dieses eine gesehen - Sweeney Todd und auch auf DVD. Aber so richtig ist es nicht meins.
Parsifal fand ich live ganz beeindruckend, aber auf Platte ist er mir zu ... langatmig. Tristan ist natürlich immer toll. Elektra ist eh die beste Oper. MRR meinte mal, Strauss habe den Hofmannsthal-Text so überkomponiert, dass ihn keiner kennt und sieht, wie toll er ist. Letztlich habe Strauss Hugo von Hofmannsthal verhunzt. Was für ein Unfug. In MRRs Kopf geht einiges durcheinander.
Ich habe die Streichquartett-Box von Schostakowitsch hier stehen. So ganz hat mich das nicht umgehauen, wie auch die Sinfonien, die ich kenne. argot ist ja großer Fan von Schosta.
Lese nun noch meinen Keegan fertig und schlafe dann verdient ein. Gruß
d.“

Hier ein anderer Brief – über schulische Literaturerlebnisse:

„Lieber Uli,
im Deutschunterricht haben wir gelesen:
- Die Judenbuche (hab ich nicht verstanden)
- Die Entdeckung der Langsamkeit (gefiel mir)
- Wilhelm Raabe: Pfisters Mühle (gefiel mir auch)
- Taugenichts (gefiel mir auch)
- Werther (etwas überreagiert - klar, dass kein Geistlicher seinem Sarg folgt; mir etwas fern der Goethe)
- Faust I (hab ich auch nicht richtig verstanden)
- Gerechtigkeit für Serbien (Handke - würg)
- Das Parfüm (war ganz unterhaltsam - aber musste ich so leider ein zweites Mal lesen)
- Leonce und Lena (fand ich einen guten Humor)
- Damals war es Friedrich (kann ich mich nicht dran erinnern, aber das Thema ergab bei staunenden Mirschülern immer Betroffenheitspunkte; ich war schon zu aufgeklärt dafür)
- Erdbeben von Chili (ah! das war super)
Mehr erinnere ich gerade nicht. Ich habe jedes Mal, wenn in der Oberstufe nach Vorschlägen gefragt wurde, Thomas Mann vorgeschlagen. Ich wurde aber nie erhört. ...

Ich habe jetzt noch mal 60 Seiten im Zauberberg gelesen. Kafkas SCHLOSS und Kästners GANG VOR DIE HUNDE lagen zwar schon bereit. Aber irgendwie bin ich doch wieder zum Zauberberg gekommen. Vielleicht musste ich wieder an ihn denken, weil der SPIEGEL Kruso einen zweiten Zauberberg nannte. So ein Quatsch ärgert mich immer. - Ich bin noch nicht sicher, ob ich Zauberberg jetzt von vorne bis hinten lesen werde. Eigtl. wollte ich nur ein paar ausgewählte Kapitel lesen. Aber dann liest mein Vater auch mal wieder Zauberberg und schwärmte von dem Anfang. Und dann habe ich auch von vorne begonnen. Ich finde also wieder, TM steht über den anderen Autoren. Aber das wollte mein Deutschlehrer nie akzeptieren.
Aber auch wenn Kafka dann weniger aktuell ist - was meinst Du, dass Kafka seine Sexualität nicht verstand? Er hatte welche, nehme ich an - und nachher hat er sich geärgert, weil das alles nicht groß anders war als Bespringen von Hunden?


Habe mir dann Gedanken gemacht, welche Werke ich auf die einsame Insel mitnehmen würde - je Top-Komponist nur eine. Einigermaßen gebrainstormt und halb-reflektiert kam dabei heraus:

Bach - Goldbergvariationen (Glenn Gould)
Mozart - Klarinettenquintett (Emerson Quartet)
Schubert - Streichquintett, Leipziger Streichquartett (oder Große Sinfonie in C-Dur mit Furtwängler?)
Wagner - Tristan und Isolde (Furtwängler) (oder Götterdämmerung unter Solti?)
Beethoven - Siebte Sinfonie Furtwängler (1944) (oder 4. oder 5. Klavierkonzert mit Leitner/Kempff oder op. 111mit Gulda?) 
Strauss - wohl Elektra (Solti)
Schumann - Sinfonische Etüden (Pogorelich) (vor Kreisleriana (Horowitz oder Kempff) und Toccata nur mit Svjatoslav Richter wegen der "Schumannschen Schatten")
Chopin - erste Ballade (Horowitz)
Brahms - Violinkonzert mit Ginette Niveu an der Geige (oder 2tes Klavierkonzert mit Rubinstein am Klavier?)
Bruckner - Achte Sinfonie unter G. Wand

Habe die Auswahl schwer empfunden - wenn ich mehr mitnehmen dürfte, könnten auch dazukommen:

Strauss - Salome (Solti) und Till Eulenspiegel (Solti)
Mozart - Don Giovanni (Giulini) und Sonate B-Dur KV 333 (Gulda),
Bach - h-Moll-Messe (Gardiner), Matthäuspassion (Jacobs oder Harnoncourts letzte), die Top-Kantaten BWV 198 (Harnoncourt), 12 (Koopman), 106 (Koopman), 8 (Herreweghe), 131 (Koopman), 21 (Richter wg. FiDi), 56 (Richter wg. FiDi), 80 (Herrweghe) und das Musikalische Opfer (Musica Antiqua Köln), die Dorische Toccata (Koopman) und die Passacaglia (Koopman), An Wasserflüssen Babylon (Koopman), Ich ruf zu Dir (Koopman) und Alle Menschen müsen sterben (Koopman),
Beethoven - Eroica (Gardiner) und op. 95 (Emerson Quartet),
Schubert - Klaviertrio B-Dur (Trio Fontenay) und Lindenbaum (FiDi),
Chopin - Barcarolle (Rubinstein) und Préludes (Cortot; oder Scherzo No. 1, Horowitz)
Einfach ist das nämlich nicht, nur ein Werk zu nennen. Am schwersten fällt es mir (vgl. oben) bei Bach. (Weil er der Beste ist!) Zum Glück muss man sich nicht beschränken! Bruckners Sinfonien mag ich zB von 5 - 9 und Brahms von 1., 2., 4. Vor allem die Erste hat es mir angetan.

Ich habe eine weitere Liste gemacht mit Musik, die ich im neuen Jahr gerne hören will. Bzw. ich bin dabei. - Welches Shostakowitsch-Quartett findest Du am besten?

Und: Ich las einen Aufsatz über Bukowskis Liebe zur klassischen Musik. sehr interessant.
Sehr instruktiv und hier abrufbar: http://www.bukowski-gesellschaft.de/21-musicbuk.htm
Das Gedicht "Klimax" hätte aber, m. E. ruhig in voller saftiger Länge aufgenommen werden können:

Ich war irgendwo...irgendwo in
Europa...2. Aufzug, 2. Szene,
Siegfried...
das ganze Gebäude wankte,
Feuer brach aus,
Weltuntergang,
Leiber flogen durch die Luft
wie verrückte Clowns,
das Orchester hörte auf
zu spielen...
„DIE BOMBE!“ schrie
jemand, „DIE BOMBE!!!“
die Bombe die Bombe die Bombe
die Bombe.
Ich packte eine dicke
Blondine,
riss ihr das Abendkleid
runter,
Götterdämmerung!
„Ich will nicht
sterben!“ kreischte
die Blondine. Das ganze Opern-
haus stürzte über uns
zusammen. Blut auf dem
Boden. Flammen.
Rauch. Qualm. Geschrei. Es war
entsetzlich. Ich steckte ihn
rein.
-

Bombastisch, oder?
d.“

Ich habe mich mit Daniel und Mandy einmal in der Kölner Philharmonie getroffen, es wurde das 5. Klavierkonzert von Beethoven gespielt. Danach gingen wir noch in ein Brauhaus.
Wenig später schrieb er mir, dass er und Mandy geheiratet haben – Fotos lagen im Postbrief dabei. 
Auch zufällig trafen wir uns mal – in der Bonner Bundeskunsthalle, ich habe aber vergessen, welche Ausstellung es gab. Jedenfalls war nun schon das erste (von zwei) Kindern geboren und war mit in der Kunsthalle und im Restaurant, wo wir uns begegneten und angeregt über die Kunst unserer Zeit unterhielten.

5. Jovan Jovanovic alias augsburg

Über keinen bei kv habe ich so oft und so viel geschrieben wie über Jovan Jovanovic, *4.4.1949 in Jugoslawien, heimatloser Künstler in Augsburg, als ich ihn kennenlernte. Er ist einer der eigenartigsten Lyriker in Deutschland. Seine Texte, die nicht in jedem Fall eindeutig der Lyrik zuzurechnen sind, leben sehr stark vom Monolog eines Sprechers, das im leidenschaftlichen Dialogspiel mit der Sprache steht: „i hab denker als beruf angegeben und tätigkeit als gedankenbeobachter-“, sagt Jovan, „(und übrigens MEIN TITEL BIN I!“

Ich traf Jovan im Mai 2006 in Artern, wo der manchmal zu tiefer Melancholie neigende Mann vital und temperamentvoll in einer Lesung mit anderen Autoren der Internet-Community www.keinverlag.de auftrat. Der 57-Jährige ist ein unfassliches Energiebündel, und wirkt in seinem gestisch wilden Auftreten und seinen durchdringenden Augen-Blicken eher wie ein Mann in mittleren Jahren, manchmal auch fast jugendlich. Er ist auch in sich selbst derart lebendig, dass er weder das vollendet, was er spricht, noch das, was er schreibt – und so ist es auch im Dialog mit ihm.
Später telefonierte ich oft mit ihm über seine Texte, die er manisch schreibt, im Internet veröffentlicht, dann wieder verwirft, ändert, kürzt, aufteilt, neu schreibt. Ich traf Jovan mit seiner Lebensfreundin Ute Illig Ende 2006 in Köln, wo ich beide im Brauhaus „Früh“ zum Abendessen einlud. Wieder ging es hauptsächlich um das ernste Spiel mit der Sprache, um die Suche nach Heimat im geistigen Raum. Eigenartig, Jovan ist in der deutschen Sprache nicht wirklich zu Hause, er ist nicht mit unserer Sprache aufgewachsen, er ist stark geprägt von der Grammatik und dem Geist der serbischen Sprache, die er auch in seinen deutschen Texten nie ganz verlässt – aber er geht virtuos mit dieser Heimatlosigkeit um.

Sein Spiel in und mit der (deutschen) Sprache scheint ernst und heiter zugleich. Jovan weiß genau, dass die Unvollkommenheiten, die grammatischen und stilistischen Fehler (gemessen am Normativen) einen eigenen Charme entwickeln, eine eigene Atmosphäre, einen Witz, der durch das Abweichen von der Sprachnorm entsteht, automatisch, und doch nicht ungewollt: Jovans Verfahren ist eine halb bewusste, halb unbewusste Verfremdung, die durch Sprache zwangsläufig immer entsteht, wenn wir Wirklichkeit abzubilden versuchen.

Jovans indirekte Didaktik seiner Lyrik, dem Dekonstruktivismus nicht unähnlich, arbeitet geradezu waghalsig mit Implikaturen in seltener Verdichtung. Zu der komplexen Mixtur von Implikaturen (spezielle Fälle dessen, dass ein Sprecher oder das lyrische Ich, etwas anderes meint als er formuliert) und Ellipsen (absichtliche und unabsichtliche Auslassungen) kommt noch eine oft wechselhafte und indifferente Metaphorik hinzu. Die Gedichte klingen oft wie gestotterte Bilder und schizophrene Dialoge in sich selbst. Es ist unklar, inwieweit diese philosophischen Sprechversuche bewusst sind und welche Intention sie tragen oder verfolgen.

Der in der deutschen Sprache beheimatete Leser liest Jovans Gedichte rekonstruierend, das heißt, er stellt einen Sinn her, der einer normalen Sprachform entspräche – dies gilt ja für das Lesen von Dichtung generell. Jovans Texte können auch als musikalische Tautologien aufgefasst werden, anders formuliert: Als absolute Musik, und zwar sowohl auf der lautlichen wie auf der semantischen Ebene (was es – allerdings in ganz anderer Art – schon im Dadaismus gab).

Im Folgenden Beispiele, die deutlich über Jovans durchschnittlicher Verständlichkeit liegen, also nicht absolute Wortmusik sind, sondern Sprachverliebtheit zeigen, die nach meiner Auffassung mit Jovans Narzissmus in eins fällt. Dieser Narzissmus entspringt Jovans Heimatlosigkeit und seinem nicht eben leichten Wesen. Er liebt vermutlich andere Menschen entweder zu sehr – und dann schießt seine Liebe durch sie hindurch oder an ihnen vorbei – oder zu wenig, weil er sich selbst suchen muss und nur im Spiel mit der Sprache findet. Jovans Sprach-Spiele sind eskapistische Handlungen, um überhaupt leben zu können. Er ist darin unsicher wie ein Kind, das immer wieder sein Spiel zerstört oder verliert.

Zunächst ein Brief als Gedicht oder ein Gedicht als Brief am 12.1.2006 (Ausschnitt):

uli hallo gutmorgen guten tag!

... ja gestern hab i schon um zehn uhr geschlafen
und ja was wollte i zuerst
ja... HAB I DEINE AUTORENSEITE GESEHEN!
ja mit blau meistens und in mitte rot (grossere buchst. und hervor...
wie sagt man das auf deutsch?

i hab mich gestern eingetr. fürs 13. mai (kv im artern)..

ja was... aso! wie sieht es bei mir so aus das i wahrscheinl. werde ein paar tage nix schreiben aber dafür werd i bei mir im textabteilung etwas ordnen
ja das heisst
schmeiss i viell. noch was raus und dann verarbeiten solche texte was du und i auch... als nötig findest
und des wird für mich nicht schwer weil hast es echt treffend und präzis durch deine komment. ... HEY, VIELEN DANK!

und grund warum i schreibe dir dies email
ja- hab i zur ute das... ob sie will dir schreiben
und hat ja gesagt- gern!
und sie kommt auf zwei tage (samstag/sonntag) hier und ...
[...]
ja zuerst wollten wir nach berlin i wollte eigentl. mehr im richtung köln weil kunstfreundl. ist dort und ... berlin find i für mich zu hart ( bin i 56!)

ja wann wir schaffen wo anders umziehe ( ja mind. ein paarhundert kilomm entfernt
von...)
ja wollte i schon zum cantalurp sagen das mir etwas über köln erz. und ja sie ist wahrscheinl. im köln

ja bratmiez hat mir gesagt das i nach dresden. ja sie zieht sich um mit ihre fam. bald nach dresden
ICH WEISS ES ECHT NICHT!
ABER I MUSS SCHON BALD WAS UNTERNEHMEN ...! SONST...

ja Uli war i jetzt echt so
hab i schon hier ja einiges...

ja und noch ja
hab i von cantalurp gelesen zuletzt geschr. gedicht von sie und mir gedicht hat gefallen! schöne gedicht ...und auch wenn nicht m. art ist so..
ok. hör i jetzt auf

und wünsche dir schönen tag
herzlichst,
jovan


Und nun eine der schönsten neuen Verwortungen Jovans:

***
weiter (des was i unter weltbezug

nochmal bin i nie satt dies thema thema weil thema ist ja weil welt die welt welche nur durch lichtstrahlen i empfange und auch keine aufgabe hab empfangenes licht reflektieren sondern mich drin nur glücklich baden und ab und zu hey hey ist dann mein weltbezug draussen minimal entgangen künstl produziert unglück brauch i echt nicht deshalb unreal und deshalb weil einbildung sei was draussen mir drin ist mit erst erblickendes welt aus zoge
***

Das ist Jovan, der Dichter, Jovan, der Sozialamtsgeschichtenschreiber und Philosoph und Maler mit Worten, Träumer an beiden Ufern des Flusses Lethe ...
und ich schrieb ihm:

Lieber Jovan,
Übersetzen ist hinübertragen, interpretieren, nachdichten, und das geht nie ohne Veränderung. Interpretieren ist übersetzen, übertragen, das verfälscht immer. Aber es entsteht etwas Neues, das muss nicht schlechter sein als der Text, den ich hinüber trug in eine andere Sphäre. Zwischen deinem Text, Jovan, und meiner Deutung liegt Lethe, der Fluss, am anderen Ufer rufe ich dir zu: Jetzt gibt es dich doppelt, Jovan, jetzt habe ich dich gefressen, du steckst in mir, und du schaust aus mir heraus, dein jugoslawischer Jupiterkopf und deine Zunge, jetzt reden wir beide simultan, das gibt ein Kauderwelsch. Weißt du, Jovan, jetzt bin ich dein Paralleluniversum, komm, schwimm durch den Lethefluss, sauf aber nicht zuviel von diesem virtuellen Slibowitz und schlaf nicht ein im Orkus unserer Verständigung. Heh, holla, ihr lahmen Wellen, peitscht sanfter den Bug meines Kahns und fließt milder um meine Lecks herum, damit ich nicht absaufe, bevor ich das andere Ufer erreiche! - Hö? - I setz di jetz über, Jova, dein Charon bin i jetz. - Ja supper, alles vitta! - He, Jovan, red jetzt nix! - Why no? - Ha, du spuckst mir mein Dinar ins Lethe! - Alles vitta! - Ha, supper! - Hier, i geb dir meine Buchstab: 

Im Forum oder unter einem Text von Jovan gab es einmal eine Diskussion Lucy E. Dation über Jovan Jovanovic. Das war im Januar 2008. Es geht um die Lyrik von Jovan Jovanovic, die ich gelobt hatte. Der kleine Schlagabtausch zwischen mir und Lucy entzündete sich an dem nachstehenden Text. Die Leser können den Wechselgesang der beiden Kommentatoren als eine andere Form der Interpretation verstehen. Aber nun medias in res:

ja hats schon länger gedauert bis i mir flügeln.. UND JETZ ENDLICH FLIEG I ! ..ja falls nötig is

ja seit schon lange zeit flieg i sehr oft
auch wenn i auf meine flügeln
irgendwie vergesse

..ABER WAS SOLL MAN MACHEN!
JA WENN SOLCHEN ZEITEN

..JA IMMER FÜR FLUG BEREIT!  SONST  WIRD MAN  SELBER  ARSCHLOCH ODER SPIESSER ODER NUR ALS LEICHE

..JA SUPER! JA JETZ GEHEN WIR WEITER!

mit flügeln fliegt man besser 
..und mit werbungsslogan ja usf


Bergmann: Das [Jovans Text] ist wieder ein wunderbares realmetaphorisches Selbstgespräch.

Lucy.E.Dation: Bitte, Bergmann, lass mich nicht dumm sterben: Zeige mir die Metaphern auf, erläutere sie mir und versuche wenigstens, mir das in deinen Augen „Wunderbare“ daran nahe zu bringen. ... Ich sehe darin nichts als die radebrechende Mitteilung, dass das lyrIch sich von Arschlöchern umzingelt fühlt und lieber die Fliege machen will, als selbst ein Arschloch zu werden. Wirklich sehr beeindruckend und so gar nicht weinerlich und selbstgerecht. Deine Urteile, lieber Bergmann, sind mir - bei allem Respekt - doch eher suspekt, deine Arroganz in nichts anderem als Überheblichkeit begründet.
Erkläre ich jeden Haufen zur Kunst, erscheinen meine eigenen Ausscheidungen um so glänzender. Das Einzige, was ich fürchten muss, ist Könnerschaft, also diskreditiere ich die schnell zur zwangsneurotischen Spießerschaft und habe dann ja auch die Mediokren und die Nichtskönner auf meiner Seite. So wird man aber lediglich zur Hure der Anspruchslosigkeit und außerdem ist das eine Generation zu alt. Nichts für ungut, wir leben in zwei Welten, es sei denn, ich erkennte nicht, dass ihr beiden hier lediglich die ganz große Verarsche durchzieht. Aber selbst wenn, dann ist die Nummer nicht witzig genug.

[...]

Bergmann: Mir gefallen solche Texte von Jovan, die man als Leser selber sozusagen konstituieren muss. Eigentlich gilt das für jedes Gedicht ohnehin.
Auch die Angst vor der Verspießung ist ja ironisches Spiel.
Jovan baut eine Atmosphäre auf, die mich zum (erkennenden) Lachen bringt. Jovan zitiert Alltagssprache, zitiert auch deine Generation, die oft deshalb so lächerlich wirkt, weil sie so gern verspießert und sich dann fragt: Oh, bin ich jetzt tatsäch-? Und dann alles tut, um der längst inhalierten Verspießerung wieder zu entgehen: Man trennt sich, man hat schon mit Ende 20 zwei Midlife-Krisen hinter sich, man studiert BWL bis zum Kotzen und bringt nichts zustande außer einer widerlichen Proskynese im Dienst des Kapitalismus, den man ja als Droge für den eigenen Hedonismus der allerbilligsten Art braucht. Viele wirken wie loriotische Abziehbildchen von grotesker Anpassung an alles und jede Idiotie unserer Zeit. Postmodernismus ist nur die Dufterinnerung an die heutige Mentalität, sich selbst anzubieten wie Wühlware im Kinderschlussverkauf.
Demgegenüber wirken Jovans Gedichte wie in unsere Zeit übersetzte franziskanische Gesänge.

Lucy.E.Dation: Hallo Bergmann, dir gefallen Gedichte, die du selbst verfassen musst? Warum überrascht mich das jetzt nicht? Ist nicht alles, was nach Scharlatanerie stinkt, idealerweise mit „ironischem Spiel“ bemäntelt, um die Haut zu retten? Obwohl, zum Lachen bringt Jovan mich auch, nur eben nicht, weil es witzig wäre, sondern eben lächerlich. Alltagssprache? Nach welcher Dosis? Noch einmal: Meine Generation? Spießertum? Unterwürfige Diener des Kapitalismus nur um die eigene Lust zu stillen? Anpassung an alles und jede Idiotie unsrerer Zeit, vielleicht also auch „Huren der Anspruchslosigkeit“, so wie ich dich schmähte? Und dem steht nun Jovan gegenüber, der Idiot als Vorsänger und die postmodernistischen Nutten antworten im Refrain?
Chapeau, Bergmann, mit Worten hast du fein geklingelt, nur leider sagen sie mir nichts. Und das ist es für mich, ein wahres Nichts, das eben jeder Halbgebildete locker zu Alles stilisieren kann, solange man nur willens ist, das Publikum zum Künstler zu machen, also jene allseits befahrbaren Grabbeltischfotzen aus den 1-Euro-Läden, die zwar von Kerouac noch nie etwas gehört haben, aber von seiner verbilligten Volksausgabe besungen werden. Ich möchte dir daher zurufen: Beat it, Bergmann, also rein generationsmäßig, u no.
Durchgezogene Grüße
Lucy

Bergmann: Fein geantwortet, Lucius, das will ich dir lassen! So eine Schreibe gefällt mir, da ist Seele drin, da wird mal Engagement spürbar, da wächst du weit heraus aus allen Generationen. Mir gefällt dein Schlusswort.
Und nun lies trotzdem noch meine beiden Texte über Jovan Jovanovic, der ein kleiner Scharlatan nur im Sinne einer Prise Salz ist, so wie die allermeisten Künstler sich würzen. Er schreibt mal richtig gute Texte, mal weniger gute, oft kopiert er sich auch unvorteilhaft selbst. Ich ermuntere dich, Ducy Lotion: Versuche, Jovan - und überhaupt belletristische Literatur - mit meinen Augen zu lesen, dann verstehst du mehr und du lebst ganz bestimmt auch besser, weil dir die Welt, gesehen durch meine Augen, besser gefällt. Aber auch dann, wenn du das nicht tust, weil du nicht willst oder nicht kannst, Lucy the Hype: Hdgdl! cu

Jetzt, wo ich über ein Jahrzehnt später diesen polemischen Schlagabtausch lese, sehe ich, dass mich meine Lust am Streiten zu Worten und Urteilen verführte, die ich bereue, zumal das zur Diskussion stehende Gedicht es nicht wirklich verdiente, weil Jovan ja viel bessere schrieb. Ich bleibe allerdings bei meiner Anerkennung für Jovans lyrischen Stil. Zu seinem 57. Geburtstag am 4.4.2006 schrieb ich ihm (hier leicht bearbeitet und gekürzt):

1. „i hab denker als beruf angegeben und tätigkeit als gedankenbeobachter -
Erzählung zum Thema Abendstimmung von augsburg.de“
Dieser Gedicht-Titel ist subtil: Jovan Jovanovic’ Pseudonym augsburg.de bedeutet vielerlei: Sanfte Selbstironie – ich lebe in Augsburg, Deutschland, ich nenne mich Augsburg, aber ich bin nicht Augsburg. Ich wende mein Pseudonym gegen die große Mehrheit, die dem Durchschnitt huldigt, der Normalität, der Norm, der Norm einer grau angezogenen beschlipsten Kultur des Mediokren. Ich wende meinen Namen, ich wende meine Worte gegen das kleinäugige Augsburg – Augsburg ist überall in Deutschland, Augsburg ist KV.

2. Er beherrscht seinen lyrischen Stil, obwohl und weil er grammatische Defizite in seine Gedichte integriert, teils sprachlich bewusst, teils ästhetisch bewusst für Klang und Bedeutungs-Verfremdung. Die Gedichte sind teils gattungsoffen, sie sind dialogische Szenen, innere Monologe, Erzählungen, Reflexion, stammelndes Suchen nach Worten für die Unbeschreibbarkeit des Seins, Beschreibung, Protokoll, Bericht, Zitat, wörtliche Rede,  – und manchmal wird das alles collagiert. Immer weisen die Texte eine klare Struktur auf, Rückbezüge, Gegensätze, Achsensymmetrie oder (offene und verdeckte) Strophengliederung. 

3. „weil bleibt mir sonst nichts übrig als gedanken beobachten und zwar nonstop ohne pause weil müsste i während pause was tun.“
Das lyrische Ich, das überwiegend mit dem Autor identisch ist, befreit sich in den ernst-satirischen Versen vom Druck des Sozialamts und anderen Nöten des Lebens:
„es fängt denken an und mich zieht ein und i werde selber eine gedanke.“
Die Lyrik ist dialektisch: Sie formuliert auch das Gegenteil des eben Gedachten, sie simuliert einen anderen Zustand, der im Angesicht des Geschriebenen real empfunden wird oder der Entwurf eines ersehnten Glückszustands ist:
„aber einmal hab i auf einmal alle gedanken gestoppt und ganz ruhig beobachtet die völlig harmlose denk-bausteine und dabei ich fühlte mich plötzlich befreit und wohl.“

4. Der satirische Charakter, der nie ideologisch-belehrend die falschen Dinge der Welt angreift, sondern sie durch das Zitieren in einer völlig neuen Sprache verfremdet und dadurch bewusst (und lächerlich) macht, hat den Gestus des Komischen, der ins Tragische umkippt, wenn der Leser die existentielle Schicht der Texte erkennt.

7. Es gibt Stellen, die schwer oder gar nicht verständlich sind – hier verliert der monologische Dialog des Autors mit sich selbst die Verbindung zum Leser, aber der kann solche Stellen interpolieren, und wenn er sie nicht versteht, ist es auch nicht schlimm: Die kryptischen Verse sind dann lesbar als reine Musik. Ohnehin ist Dichtung immer auch Musik, Klang und Rhythmus, Takt und Spiel mit den Melodien der Gefühle – Jovan schreibt vielstimmige Gedankenfugen in den tragikomischen Kosmos einer fremder werdenden Welt, er schreibt virtuose Versuche, eine Sprache zu finden und zu erfinden, mit der unser Leben beschreibbarer wird, einen Ton, aus dem heraus die trotzdem gelebte Utopie, das Ja zum Leben, auch diesseits oder jenseits des Schreibens erträglicher wird.
Das ist ein großartiger Ton, den Jovan Jovanovic hier in die virtuelle Subszene der Literatur einklickt! Deine Sprache lese ich gern! Da erfahre ich Neues! Du erlügst kein falsches Leben, sondern du erfindest Texte, aus denen Erkenntnisse sprechen! Du schreibst frisch und innovierst mein Lesen.




6. don.mombasa

Mit Don Mombasa hatte ich sofort einen Schlagabtausch, als ich am 22.11.2005 meinen ersten Beitrag auf kv stellte, der mir im Verlauf einer teils heftigen Diskussion eine Sperre durch den Webmaster einbrachte. In der Diskussion beteiligten sich die damals prominenten kv-Autoren, darunter auch der Don, der zu den polemischsten Streitern gehörte. Wir rasselten erst einmal zusammen. Hier zunächst mein OFFENER BRIEF:

GRUNDSÄTZLICH finde ich die Kommentare hier in dieser Community, soweit ich das überblicke, generell allzu freundlich. Es gibt zuviele Komplimente. So ein Umgang der Autoren miteinander kultiviert eine falsche Sensibilität, ist inzestuös und bringt die Autoren nicht weiter.

Ich habe hier zwar gute Texte gelesen - aber diese Autoren sollten sich lieber auf die rauhe See der reich facettierten Literaturbetriebe begeben und sich DORT freisegeln.

Ich will nicht sagen, dass so eine Community wie diese hier dafür völlig ungeeignet ist - ABER es geht zuviel Zeit und psychische Kraft verloren in der letztlich allzu beliebigen Kommunikation. Hier fehlt die Kraft des harten Urteils von außen, das wählt oder ablehnt.

Die Community ist gut aufgezogen, wird brillant verwaltet, ist aber andererseits statistisch überzogen und bietet zuviel Spielerei mit Aspekten.

Der Verdacht liegt nahe, dass KEINVERLAG.DE mehr der (Selbst-)Befriedigung dient und Eitelkeiten pflegt, als zur realistischen Selbsteinschätzung hinzuführen.

DIE WELT HIER IN DIESER VIRTUELLEN ZONE IST ZU ENG.

Es wäre besser, die stärkeren Autoren würden sich umtun und die vielen Möglichkeiten erkunden, DIE ES GIBT, um wirklich veröffentlicht zu werden, d. h. per Urteil und Auswahl durch Fremde (die zwar im Einzelfall nicht garantiert kompetent sind, aber es ist doch besser, nicht so ausschließlich in einem 'virtuellen Selbstverlag' zu erscheinen).

Ich ermuntere alle, die literarisch aufs Ganze gehen wollen, diese Community zu verlassen, um ihr gutes Talent viel besser in freieren kommunikativen Prozessen zu entwickeln!

Ulrich Bergmann


Don Mombasa anwortete mehrmals, er schlug hart zurück, nannte mich „Scharfrichter“ und „mein Führer“, bis er mich schließlich siezte. Überhaupt wurde ich recht lange und immer wieder Herr Bergmann genannt und gesiezt ... ich muss wohl einen erschreckenden ersten Auftritt gehabt haben.

„Werter Herr Bergmann.
Sie sind noch nicht allzu lange hier angemeldet. Weder wissen Sie um die Personen hinter den virtuellen Persönlichkeiten, noch wissen Sie, wer hier wie und was und wo veröffentlicht hat.
Sie nutzen diese Plattform ferner, um sie zu degradieren. Das ist nicht fein. Sprechen Sie von Nestwärme, so spreche ich von Nestbeschmutzung. Vielleicht ist keinverlag auch nur ein Ast für Sie, und Sie fliegen gleich weiter. Dann mag es Astbeschmutzung sein, gleichwie.
Ferner sprechen Sie von sachdienlich. Da Sie sich offenbar noch nicht oder nicht ausreichend mit den Ansprüchen dieser Seite auseinandergesetzt haben und den damit einhergehenden Absichten der hier angemeldeten „Autoren“, ist es ebenso wenig sachdienlich, einen in dieser Form unverschämten Aufruf zu starten, wie Sie es getan haben. Wer sich hier anmeldet, um anderen mitzuteilen, sie sollen sich doch besser abmelden, ist hier fehl am Platz. Bildlich: Das ist in etwa so sachdienlich, als ginge ich auf den Spielplatz, um den Kindern dort zu sagen, sie mögen doch besser in die Schule gehen, das sei sinnvoller und bringe sie weiter.
Ihr Ratschlag in allen Ehren, doch er ist anmaßend. Sie sind nicht der Einzige hier, der veröffentlicht. Eine Aufforderung, wie sie von Ihnen hier ausgesprochen wurde, ist diskutabel aus der Position einer Person, die den Betrieb hier kennt, länger kennt, abgewogen hat, sich mit dem Gegenstand beschäftigt hat. Sie können schreiben, literarisch schreiben, soviel steht fest. Das berechtigt Sie jedoch noch lange nicht dazu, als wissender Erlöser aufzutreten und derartig schwerwiegende Briefe an die anderen Mitglieder der community zu richten, obgleich Sie nicht einmal einen Monat dabeigewesen sind. Da schwingt schon etwas Arroganz in ihrem Brief mit. Zwar will ich nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, und von Vergeltung kann ja auch gar keine Rede sein; doch lassen Sie mich auch Ihnen einen Ratschlag erteilen: Sehen Sie sich in aller Ruhe um, machen Sie sich mit der Seite vertraut, lesen Sie, lassen Sie ihre Texte kommentieren und - das vor allem - sagen Sie dem Irrglauben ab, zu wissen, was Mittelmaß ist und was nicht. Das steht Ihnen nicht zu. Jedenfalls nicht hier.“

Im Kern hatte er ja Recht. Im Prinzip auch ich, jedenfalls teilweise, aber ich stellte tatsächlich Behauptungen auf, ohne den Laden zu kennen. Ich habe mich später korrigiert.

Ein halbes Jahr später fand das kv-Treffen in Artern statt – hier begegnete ich Don in persona. Ein schlanker, großer junger Mann. Freundlich. Er schäkerte und alberte gern mit Alpha herum, nahm die kv-Sitzung recht locker. Einer, der gern spielt, aber in netter und gegenseitiger Weise, dachte ich. Sympathisch. Wie das oft so ist: Im persönlichen Gespräch verstand man sich wesentlich besser, und in der Folgezeit entwickelten sich im Forum sachlichere Diskussionen, wenn auch immer noch mit polemischem Eifer, jetzt aber leichter, spielerischer, mit Humor und nicht mehr mit böser Ironie. Ab und zu waren wir sogar Verbündete, wenn sich andere in die Diskussionen um den wahren Literaturbegriff einmischten. Den wahren Literaturbegriff? Gibt es den denn? Nun, man kann das wenigstens behaupten und Argumente und Beispiele bringen. Diese Diskussionen, oft abends, spätabends, manchmal genüsslich ausgekostet mit Bier und Chips, waren wunderbar, sie waren nicht so giftig wie manche späteren Diskussionen, sondern unterhaltsam auch für Nichtbeteiligte, schon wegen der Situationskomik und mehr oder weniger gelungenen Wortwitze. Ich erinnere mich an Namen wie mueller (Tom) und vain, eldude und viele andere ...

Don und ich schrieben uns auch längere Briefe per E-Mail. Das war in der Zeit, als Don (im Laufe des Jahres 2007) ankündigte, kv aus beruflichen Gründen bald zu verlassen. Nun hatte ich meine Meinung über kv geändert und gehörte zu den aktivsten Mitgliedern (ich gehörte auch dem kv-Verein an). Am 18.2.2007 schrieb ich an ihn; seine Mailadresse enthielt statt seines Namens den Satz „Ich liebe den Schrank“.

„Lieber Ingo,
lieben Dank für deine analytische Antwort, die ich ingesamt sehr bemerkenswert finde. Ich reagiere hier nur auf die mir am wichtigsten erscheinenden Punkte. Literarisches Schreiben: Du bist in der Tat weniger ein poetischer Schreiber, sondern viel mehr ein kabarettistisch und journalistisch Schreibender. Deine Stärke ist hier unverkennbar. Vieles hat Witz und ist treffend, denke ich, allerdings bist du auch hier nicht wirklich aufs Ganze gegangen. 
Möglich, dass du jetzt in einer Situation bist, wo du dich fragst: Soll ich textlich mehr riskieren als bisher, aber wozu? - oder mich nur beruflich entscheiden? Schwer zu sagen. ... Goethe hätte von seiner Literatur allein damals nicht leben können, Schiller noch weniger, Enzensberger jedenfalls nicht von seiner Lyrik ... Du musst wissen, was du willst. Wenn du dich auf dem KV-Spielplatz langweiltest, ist es deine Schuld - ich finde es nicht langweilig ... Nur ein einziges Lektorat, sagst du, bekamst du auf kv. Sei froh - ich las schlimme Verbesserungen. Als Werkstatt ist kv eben zu groß und ungeeignet. Außerdem, Ingo, du brauchst keine Werkstatt, sondern nur harte Kritik in Kurzform - wie ich. Den Rest musst du allein schaffen. Hemingway hat doch auch nicht in einer Werkstatt begonnen. Und: Nur wenige werden Hemingway. Begnüge dich mit dem, was du erreichst, und erkenne, was du nicht schaffst. Du kannst durchaus auf kv deine Formulierungskunst erproben - in ausgefeilten kabarettistischen oder satirischen Texten. Egal, wieviele Fans du dann hast.
Das Erreichen nennenswerter Print-Veröffentlichungen setzt harte Arbeit voraus. Versuch‘s. Dir empfehle ich mehr Geduld - du musst nicht permanent auf KV veröffentlichen. Aber du kannst dennoch bleiben. Es gibt Autoren, die monatelang still mit Textveröffentlichungen pausierten, ohne zu verzweifeln, und dann wieder schrieben. - Wenn du wirklich aufs Ganze gehst, bekommst du ernste Kritik für deine Texte! Bewege dich nur in dem Kreis der ernsthaft Schreibenden. Meine Empfehlung: Das eine tun - und das andere nicht lassen! Also kv fortsetzen - und das beruflich orientierte Schreiben ebenso. Beides!“

Aber Dons Entscheidung war gefallen – zugunsten des Beruflichen und auch aus familiären Gründen, er war Vater eines Kindes. Sein Abschied von kv war also gut durchdacht. Wenn man, wie auch darkjoghurt, am Beginn seiner beruflichen Tätigkeit steht, ist kv ein Zeitfresser. Heute ist Don Autor des Piper-Verlags (zwei Romane: „Opakalypse“ und „Schunkelgate“, 2021).


7. Ypsilon. Karlyce Schrybyr
(Karl-Heinz Schreiber 16.9.1949-26.5.2014)

Versuch eines kleinen Nachrufs


Leider habe ich Karlyce, wie er sich gern nannte, nie persönlich kennengelernt.
Aber da er Texte von mir immer mal wieder in seiner beachtlichen Literaturzeitschrift KULT veröffentlichte, gab es eine gewisse Korrespondenz über die Texte und seine Zeitschrift mit ihm. Hier ein Beispiel – es ist mein letzter Brief an ihn:

„Bonn, 18.6.2011
Lieber Karlyce,
mit Freude erhielt und las ich gestern deine (bisher) letzte Ausgabe von KULT. Ich freue mich, dass ich nach langer Zeit mal wieder mit kleinen Zeichnungen veröffentlicht wurde, 7 Stück in deinem letzten Heft, welch eine schöne Ehre!
Ich habe die alten Hefte durchgesehen; erstmals war ich in Nr. 19 dabei, danach weitere 7 Mal. Am meisten bedeutet mir Nr. 26 wegen TERRES, das gehört zum Besten, das ich je schrieb.
Unter den Autoren sind viele, die mir bekannt sind und die darüber hinaus nicht unbedeutend sind, etwa Siggi Liersch, Dieter P. Meier-Lenz, Uwe Pfeiffer (der Hallenser Maler?), HEL, Frank Bröker, Saza schröder, Lutz Rathenow, Hadayatullah Hübsch, Caroline Hartge, Hans-Jürgen Hilbig, Rainer Wedler, Frank Milautzcki ... und mir sehr liebe Literaturfreunde wie GudiX, Reliwette, Hans J. Eisel, Eberhard Loosch.
Schade, dass du mit KULT aufhörst. Die indirekte Begründung auf der vorletzten Seite, dass Literaturzeitschriften out sind, stimmt zwar, aber das gilt nur für die erste Liga, nicht für die ziemlich große Welt der äußeren Drittklassigkeit, in der ich mich gut eingerichtet habe und in der ich gern lebe.
Vielleicht startest du wieder etwas, on verra.
Dir lieben Dank für die vielen schönen KULT-Hefte, die ich (wir alle) lesen konnte(n)! Das literarische Niveau war gut, oft hoch, und so gesehen, konnte KULT mit etablierten Zss. mithalten, die z. T. ganz schön langweilige Lyrik und andere Texte sehr bekannter Namen abdruckten und nicht immer genügend junge Autoren entdeckten. Als Herausgeber bist du jung geblieben und humorvoll dazu, und das kann nicht von jedem gesagt werden – wenn ich z. B. an den Poetenladen denke.
Wir bleiben in Kontakt, denke ich, vielleicht nicht nur über kv.“


In seinem EDYTORYAL der letzten KULT-Ausgabe Nr. 33 schreibt KHS lakonisch diese wenigen Worte:

„Denn alles, was entsteht,
ist wert, daß es zugrunde geht.“
(Mephisto zu Faust)

LAST EXYT KULT

Dys yst dy letzte Ausgabe von KULT als 60seytyges A4-Peryodykum! Eyne Nummer 33 yst eyn orygyneller Moment, leyse „Servus“ zu sagen. Yn der Planung der myr (vermutlych) verbleybenden Lebenszeyt muß ych neue Pryorytäten setzen. Mehr möchte ych dazu hyr nycht bemerken. Ych danke allen, dy mych seyt 1995 myt Texten, Graphyken & Sympathy begleytet haben und wynsche weyterhyn kynstleryschen Erfolg! Ob ych mych yn welcher Form auch ymmer wyder bemerkbar mache, bleybt abzuwarten.

Venceremos – Karlyce Schrybyr


Den nahen Tod vor Augen – was ich beim Lesen dieser Zeilen einfach nicht glauben wollte – bleibt ihm die Kraft und die Notwendigkeit für den Humor in der Anspielung auf Peter Kreuders Lied „Sag beim Abschied leise Servus“ oder in der Ironisierung der Auferstehung bis hin zum politischen „Venceremos“. Gesiegt hat Karlyce schon im Leben, denke ich. Nicht nur seine Zeitschrift KULT, sondern auch seine Texte überleben ihn. Die Erzähl-Idee eines seiner stärksten Texte, „Die Knäbin“, werde ich nie vergessen. 

Es war seine Eigenart, gar nicht oder nur stichwortartig zu antworten. Er schickte mir mal seinen Roman DER SCHWIMMER mit Widmung, und ich las ihn. Und ich schrieb ihm darüber. Aber er antwortete nicht. Er schickte mir auch sein Lyrik-Heft „Das Wundern der Romantizierer generiert altmodische Beulen. Gedankengedichte“, erschienen in der Lyrikreihe der Silver Horse Edition, Marklkofen 2011, darin die schönen Verse des letzten Gedichts TRAU(M)SCH(M)ERZ:

... wie erniedrigend stolziert
realität außer konkurrenz
das lächeln im traum
ist der schmerz
im leben

Karlyce stellte sich gern in den Dienst der anderen. Er schrieb und veröffentlichte viele Rezensionen.

Einer seiner Freunde, mit denen er auch seine politischen Überzeugungen (als 68er) teilte, ist Reliwette, mit dem er sich auch in freundschaftlich-spielerischer und selbstironischer Art gut verstand.

Karlyce liebte das Ypsilon, es gibt Texte und Briefe in y-Schreibung, ich bin nie dahintergekommen, was es damit auf sich hatte - und er liebte die Literatur! Die war seine Religion. Das ist das Wenige, das ich über ihn sagen kann.
(Ulrich Bergmann, 20.7.2014)


8. loslosch

Lothar ist 2009 kv beigetreten, als Autor und Vereinsmitglied. Und er hat sage und schreibe seither 1542 Texte geschrieben – die meisten über lateinische Sprüche und Formulierungen, darunter jene von Seneca oder Marc Aurel, um diese beiden quasi als pars pro toto zu nennen.
Ich lernte Lothar im Jahr 2012 persönlich kennen. Wir wohnen nur ca. 10 km voneinander entfernt, er oben auf der Hochebene in Meckenheim, ich unten in Bonn-Poppelsdorf. Wir trafen uns das erste Mal im Eiscafé GRANATELLA auf dem Poppelsdorfer Platz im Sommer. Später fuhr ich mit dem Rad zu ihm, den Kreuzberg hinauf, dann durch den Kottenforst zu seinem Haus. Dort gibt es immer Kaffee und Sprudel, und in der Weihnachtszeit Dresdner Stolle.
Lothar zeigte sich schnell als intimer Kenner der Beziehungen zwischen einzelnen kv-Usern. Er hat enorme analytische Fähigkeiten, die Kommunikationsstrukturen zu durchleuchten. Allerdings überzeugen mich nicht alle seine Theorien, die er als der ‚Sherlock Holmes‘ von kv aufstellt.
Viel wichtiger ist er für mich als Verfasser von Mini-Essays über lateinische Sentenzen. Hierzu schrieb er mir ungefähr acht Jahren folgende Gedanken:

„... mit meiner ‚datenbank‘ von über 1000 sentenzen ...“ kam er zu dem Ergebnis:  „... poesie kann nicht auf tautologie ganz verzichten - platte tautologien - partielle tautologien - plattitüden - sublime tautologien. die sublimen tautologien kann nur einer ansprechen, der sich mit wissenschaftstheorie beschäftigt hat. meine ‚lehrer‘: popper und hans albert. ... ich hab mehrere vorlesungen bei ihm, damals noch priv-doz., in köln besucht. wir haben schaltkreise gezeichnet: o-ton albert: ich verstehe kaum was von elektrotechnik, aber etwas von schaltkreisen.“

Und Lothar schrieb einen kleinen Aufsatz zum Thema:

Logischer Gehalt antiker Sprüche
...
Plus dolet quam necesse est, qui ante dolet, quam necesse est (Seneca, um die Zeitenwende bis 65 n. Chr.; Epistulae morales). Mehr als nötig leidet, wer bereits leidet, bevor es nötig ist.

Seneca, ein Vielschreiber, hat wie mit innerer Logik viel Redundantes auch geschrieben. Wohl nur noch übertroffen von Quintilian. Partiell aussagenleere Sätze sind nicht immer tadelnswert. Poesievoll geschrieben, dienen sie oft als Überleitung oder zur Einführung in ein neues Thema. Ein schönes Beispiel liefert Horaz: ‚Die gefasste Seele hofft in schlechten und fürchtet in guten Tagen eine Schicksalswende.‘ Wer mag so etwas bekritteln? Oder diesen (frei erfundenen) Satz: ‚Die Knospen sprießen, der Maulwurf hebt seine Hügel, der Frühling ist da.‘ Gefährlicher als die rein tautologischen Sätze sind solche, die formal und strukturell zwar als Leerformeln daherkommen, sublim indes eine bestimmte geistige Grundhaltung verströmen, wie dieser: ‚Noch das elendigste Schicksal ist sicher, denn die Furcht vor einer Verschlechterung ist fern.‘ (Ovid) Die Armut darf sich hier von ihrer allerbesten Seite zeigen. Strukturell ganz ähnlich: ‚Jedes Übel hat auch sein Gutes.‘ (Plinius der Ältere) Versteckt normativ auch: ‚Am besten ist es, zu ertragen, was man nicht verbessern kann.‘ (Seneca)

In satirischem Gewand können Quasi-Tautologien durchaus ansprechend sein: ‚Wenn du glaubst, du bist zu nichts mehr nutze, kannst du immer noch als schlechtes Beispiel dienen.‘ (Moderner Spruch; Quelle unbekannt) Als Kalauer unangreifbar. Wie dieser, ebenfalls moderne Spruch: ‚Erst hatte er kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu.‘ (Beliebter Fußballerspruch.) Wunderbar ironisch und nur zur Hälfte aussagenleer.

Würde Seneca kalauern, könnte dieser (leider ernst gemeinte) Spruch durchgehen: ‚Wer vieles versucht, hat manchmal Erfolg.‘ Unfreiwillig komisch wirkt auf uns Heutige auch der Ausspruch des Tacitus: ‚Die Natur wollte, dass jedem sein Kind und seine nahen Verwandten am teuersten (!) sind.‘ Eine Plattitüde: ‚Das Glück beschenkt viele, keinen genug.‘ (Publilius Syrus) Noch ‚schöner‘ diese von Quintilian: ‚Ein Fehler ist es überall, was im Übermaß ist.‘

Nach Durchsicht einer fünfstelligen Zahl lateinischer Sentenzen lässt sich ein vorläufiges Fazit ziehen: etwa 5 bis 10% der Sentenzen sind aussagenleer, z. T. mit versteckt normativem Gehalt (gängiges Muster: Armut kann sich auch schön anfühlen). Die Quote aussagenleerer griechischer Zitate dürfte deutlich niedriger liegen. Als Vermutung: Die älteren Sentenzen waren rarer und wurden sorgfältiger ausgewählt.“

Natürlich unterhalten wir uns auch über die Dinge des Lebens. Lothar, der Ökonomie studiert hat und mit einer Dissertation über sozialistische Planwirtschaft zum Doktor promoviert wurde, später im Bundeskartellamt arbeitete, kennt sich gut in allen finanziellen Bereichen des Lebens aus, und darüber hinaus auch auf anderen Gebieten.
Da er sich gut mit Ekkehart Mittelberg versteht, besuchten wir ihn eines Tages in seinem schönen Haus auf den sanften Hügeln des Westerwalds. Wir bekamen ein delikates Essen von seiner Frau vorgesetzt und unterhielten uns stundenlang über kv, Gott und die Welt.

Gern spricht Lothar über seine Schulzeit und einige seiner Lehrer, die ihm viel Wissen und methodisches Denken vermittelten. Und das betraf dann auch den Lateinunterricht, der damals noch in einer ganz anderen Dimension Sprache und römische Kultur behandelte, als dies heute in etwa 3-4 Jahren Unterricht geschieht.

Ich erinnere mich an meinen Lateinunterricht. Ich bin nur ein paar Jahre jünger als Lothar. Auch ich hatte 9 Jahre Latein. Wir nannten unseren Deutsch-, Geschichts- und Lateinlehrer, der auch unser Klassenlehrer war, Nö. Er hieß Nöldeke und sah dem ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuß, ähnlich. Latein beim Nö hieß auch, dass wir über vieles andere sprachen. Einmal über das zweite Klavierkonzert (in vier Sätzen!) von Brahms. Da ich von Brahms schwärmte, forderte Nö mich im Lateinunterricht auf, das Klavierkonzert an der Tafel in seiner Struktur zu skizzieren, wobei ich die einzelnen Themen dazu summte. In einer anderen Stunde brachte er ein Grammophon mit und legte das erste Klavierkonzert von Brahms auf und sagte zu mir: Jetzt dirigier’s mal! Denn ich hatte irgendwann gesagt, ich könnte die wichtigsten Einsätze der Musiker geben. Und so dirigierte ich den gewaltigen ersten Satz, der zum Größten gehört, was ich in der Musik kenne. Glenn Gould spielte das Konzert einmal unter dem Dirigat Bernsteins. Bernstein erklärte zuvor dem Publikum, dass er mit dem von Gould zu langsam gespielten 1. Satz nicht einverstanden sei, aber er habe sich auf das Experiment eingelassen. Nö hat in seinen Unterrichten, vor allem in Latein, immer wieder solche Dinge gemacht, die mit dem eigentlichen (eigentlichen?) Unterricht nichts oder nicht viel zu tun hatten. Bei der Besprechung von Ciceros erster Rede IN CATILINAM kamen wir auf das Forum und die ‚Presse‘ in der Antike zu sprechen - und gelangten schließlich zur Gründung der ersten Schülerzeitung des Neuenbürger Gymnasiums, die wir WECKER nannten. Und eine andere Stunde, wir sprachen über die Verfassung der res publica, wurde zur Geburtsstunde der Schülermitverwaltung (SMV). Ich sehe, ich schweife ab.
Aber dieser freie, assoziative Stil des Unterrichtens, wo sich Lehrer und Schüler Zeit nahmen, hat mich wie auch Lothar geprägt. Selbstredend wurde auch verdammt viel Wert auf die formalen Dinge gelegt: Grammatik, Rechtschreibung, Rhetorik, sprachliche Mittel ... und es gab ausgedehnte Übersetzungsübungen: Rohübersetzung (die die Grammatik der übersetzten Sprache zeigt), elegante Übersetzung (Übertragung), freiere Übersetzung, sehr freie Übersetzung (Nachdichtung, bei Lyrik), und schließlich die parodierende und karikierende Übersetzung. Wir übertrugen beispielsweise Verse aus Ovids TRISTIA ...

Ich zitiere abschließend eine wunderbare Charakterisierung von Isensee auf losloschs Portalseite:

„Isensee hat mich am 27.2.2018 analysiert. Hier sein Befund:

‚Präsentiert sich vor geschnittener Hecke (altdeutscher Penisersatz), ein Lauch wie zum Pflücken auf dem Beet. Kann sicher auf Lateinisch die Hausordnung des städtischen Gesundheitsbades rezitieren, riecht dabei nach Apfelmost. Lehrer-DNA mit eingeschränkter Chromosomentätigkeit. In der jahrelangen Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn, der einfach nicht einsieht die olle Birke abzuholzen, fühlt er sich durch ständigen Schattenwurf diskriminiert. Dann wird auch gern an Feiertagen das Ordnungsamt bemüht. Lungert vor der Hauseinfahrt rum und notiert Nummernschilder der vorbeifahrenden Oberklasselimousinen. Ist öfter online als Admin AndreasG ... nervt mehr als Nimbus, ist unbeliebter als Zenker. Hat Spaß an aggressiven Diskussionen im Forum und unter Texten und befeuert diese ... Ein Autor wie unheilbares Reizdarmsyndrom.‘


9. Intermezzo I:

Von nun an geht’s bergab.
Fin-de-siècle-Stimmung macht sich breit in mir, hätte ich mal nicht gedacht vor fünfzehn Jahren.
Ob kv dieses Jahr übersteht? Sein oder Nichtsein, das ist die Frage. Es sieht so aus, als ob der Sinkflug leicht Fahrt aufnimmt.
500 ist die Zahl für den Shutdown. Wenn sich weniger als 500 Autoren auf kv tummeln, dann stirbt diese Webseite nach einem teilweise heldenhaften Leben, an dem teilzunehmen ich die Ehre habe. Mir fehlt nur die Gründungsphase 2003-2004-2005. Immerhin habe ich noch einen Zipfel dieser hochromantischen Zeit erwischt, als ich beitrat. Da hatte der kv-Verein noch hochfliegende Pläne und wollte mehr, als ihm zustand. Das war eine Zeit, als ich glaubte, der Verein sei nicht nur die Seele von kv, sondern das Machtzentrum. Aber das täuschte oder richtiger: Da täuschte ich mich. Ich kannte noch nicht die Machtstruktur. Als sie zu durchschauen begann, hielt ich den Besitzer der Webseite für einen Monarchen, und das hat er mir bis heute nicht vergessen. Dabei ist Jan Zenker ein freundlicher und sehr demokratisch gesinnter Mensch. Und die Webseite hat er selbstlos getragen, wahrscheinlich musste er Geld zuschießen, und für seinen Idealismus hat er eh keinen Pfennig bekommen, abgesehen von den paar Spenden aus unseren Reihen.
Nun kommt in mir doch schon etwas Abschiedsstimmung auf. In meinen fünfzehn Jahren bei und auf kv war ich unterschiedlich engagiert. Anfangs stellte ich auch mehr Texte ein und beteiligte mich stark an den Diskussionen in den Foren, aber meist nur bei literarischen Themen. Die Literatur hatte als Thema jedoch immer einen schweren Stand gegen Albernheiten, Sentimentalität und private Frustthemen. Leider nahm das literarische Interesse allmählich immer mehr ab. Dass das allein den Niedergang von kv erklärt, glaube ich nicht. Aber Corona ist es nicht, eigentlich ist die Zeit jetzt eher günstig für das Schreiben literarischer Texte.
Als Plattform für psychotherapeutische Zwecke von Nutzern (Usern) hat kv sicherlich für einzelne Sinn gemacht, aber fürs Literarische war und ist es das größte Gift.
Als eine Plattform für interessante, wertvolle Begegnungen war und ist kv großartig, jedenfalls gilt das für mich, und ich kenne einige, die es ähnlich erlebten wie ich.
Ich will auch nicht verschweigen, dass kv viel von seinem eigentlichen Zweck erreicht hat: Gute Texte zu präsentieren, anzuregen und den Gedankenaustausch darüber zu fördern.

10. Intermezzo II:

AZU20 war ein Kollege von mir an dem ersten Gymnasium in der Eifel, an dem ich tätig war. Er blieb dort. Ich ging. Er gründete – als Biologie- und Erdkundelehrer! – ein Schülerkabarett und spielte später mit Schülern Theater, beides bis zur Pensionierung. Ich spielte auch Theater mit den Schülern, aber Kabarett traute ich mir nicht zu. AZU20 ist neben einer anderen Person der einzige auf kv, mit dem ich mich sieze, aus alter Gewohnheit in einer Zeit, in der sich nicht alle Kollegen duzten – heute ist der Hausmeister und die Sekretärin auch ins Du einbezogen ... Kabarett, Theater ... das war ihm nicht genug – er gründete auch noch eine Institution: „Kultur am Turmhof“. Das ging weit über die Schule hinaus und betraf nun den ganzen Ort, Mechernich. Nun wurde musiziert, gesungen, rezitiert, gelesen, diskutiert – und zwar mit nicht unbekannten Ensembles und prominenten Persönlichkeiten.
AZU20 entdeckte das Schreiben nichtkabarettistischer Texte und gehörte zu den frühen Mitgliedern von kv (seit 2005) – und er war derjenige, der mich auf kv aufmerksam machte. Ich treffe ihn immer wieder mal im Theater und in der Oper, die zu seinen Leidenschaften gehören. Natürlich war er schon vor vielen Jahren in Bayreuth bei den Wagner-Festspielen. Er, der aus dem Ort stammt, in dem ich zuletzt als Lehrer arbeitete, schrieb auch ein Buch über seine Kindheit (im Ralf-Liebe-Verlag).

Alpha begegnete ich auf dem 2. Großen kv-Treffen, das im Mai 2006 in Artern stattfand. Sie gehört zu den allerersten kv-Leuten überhaupt. Sie beriet Jan beim Aufbau der Seite. Auf sie, unter anderen, geht auch die Kategorisierung der Textarten und Themen zurück. Was aus Alpha wurde, der an Literatur Interessierten, weiß ich nicht.

Bratmiez, auch ein kv-Urgestein, lernte ich erst einmal telefonisch kennen, und zwar in der Zeit, als ich gesperrt war. Sie berichtete mir über die Diskussion, die über mich entbrannt war, denn als Gesperrter kann man die Diskussionen im Forum nicht lesen. Drei meiner Texte hat sie gelesen/vertont. Die erste kv-Lesung, die 2006 in Artern stattfand, bereitete sie mit mir vor, moderierte mit mir und fertigte ein Lese-Libretto der Lesung an.

Owald, einen der besten dichtenden Parodisten und Komiker auf kv, erlebte ich Sänger und Musikant auf zwei kv-Treffen.

Elén begegnete ich ebenfalls auf zwei kv-Treffen. Mit ihr stand ich schriftlich in Verbindung – sie veröffentlichte in unserer Bonner Literaturzeitschrift „Dichtungsring“.

Mit Theseusel zusammen moderierte ich die kv-Lesung in Marburg. Wir stellten die Texte zusammen, für die Bratmiez erneut ein Lese-Libretto anfertigte.

BrigitteG erlebte ich mit ihrem damaligen Mann, AndreasG (später jahrelang Co-Administrator), schon 2006. Nicht viel später wurde sie jahrelang Vorsitzende des kv-Vereins, in dem ich damals einige Zeit Mitglied war. Sie wirkte in ihrer ausgleichenden Art einige Konflikte, die nun mal zwischen Verein und Eigentümer (Jan Zenker) bestanden, hatte viele gute Ideen und gehört zu den eifrigsten Diskutierern auf kv in ernsten und unernsten Foren. Ihr Urteil schätze ich sehr.

Später wurde Wupperzeit Vorsitzender, auch er jahrelang. Ich begegnete ihm schon 2006. Er war der kv-Jugend sehr zugewandt und initiierte einen kv-Preis für die jungen Autoren.

Und dann lernte ich – 2019 beim kv-Treffen in Neuwied – Isaban kennen, mit der ich mich manchmal schon wegen ihrer Texte ein bisschen gestritten hatte, weil sie ihre Texte in der Regel unangreifbar fand. Zuzugeben ist, dass sie zu den besten Autoren auf kv gehört. Und so schrieb ich eines Tages das Nachwort zu ihrem ersten Lyrikband, den sie veröffentlichte. Zumindest damals kannte ich alle ihre Gedichte, die sie auf kv veröffentlichte, und das sind nicht wenige. Sie ist eine Meisterin der konventionellen Formen. Hier mein Nachwort zu Sabine Buch „Verendlichkeiten“:
Diese Gedichte wirken unmittelbar! Die Bilder treffen in Herz und Seele. Es sind Existenzgedichte – schimmernd unter dünner Haut, so ähnlich heißt es in einem ihrer früheren Gedichte. Der Titel dieses Buchs verrät im Doppelspiel der Worte: Wir leben im Bewusstsein unserer Endlichkeit, und das Ende unseres Endes hat oft den beängstigenden, grotesk und absurd erscheinenden Vorlauf des Verendens. Selbst mitten im Leben endet und verendet vieles: Träume, Beziehungen, berufliches Glück und materieller Wohlstand. Manchmal hat dann das Wort „endlich“ zwei Bedeutungen. Nichts gilt absolut, der Tod ist immer anwesend in unserem Leben: Verendlichkeiten.
Die Verse fragen und suchen: Ich will die Welt verstehen, wie und warum sie so ist. Wie soll ich leben? Ich will mich selbst begreifen als ganze Person, mit Lippen, Zunge, Mund. Meine Haut ist so dünn, dass ich nichts verberge, alles trifft mich tief, kann mich öffnen – oder verletzen. In der Liebe und in der Dichtung ist es genauso.
Ich will nicht durchs Leben humpeln, sondern fliegen!
Aber mein Flug ist vielleicht nur Einbildung.
Ich falle von Anbeginn an.
Es geschieht alles von allein.
„Greifreflex!“ So heißt das erste Gedicht – es zeigt die Kluft zwischen Alltagsleben und Schicksalstiefe.
Sabine Römmer-Speers oft liedhaft klingende Gedichte spielen inhaltlich subtil mit Reim und Form. Ihre Sprache fordert und unterhält zugleich. Sie bedient sich gängiger Jargons ebenso wie der Hochsprache, wagt das Unerhörte und wendet sich an alle Leserschichten, ohne populistisch zu sein. Sie verlangt dem Leser einiges ab. Diese Gedichte führen, indem sie das Unbewusste erhellen, zu einem besseren Verständnis unseres täglichen Lebens und tragen so dazu bei, bewusster zu leben. [2014]




11. Intermezzo III:

Hier nenne ich einige Ungesehene: Vaga (Monika Brandenstein), Jaccolo alias Carmina alias Karin Maier, Frank Zosel und W-M (Werner Weimar-Mazur).
Es sind nicht alle, die mich beeindruckten, einige waren nicht lange auf kv, und doch kam es zu intensiveren Korrespondenzen per Mail oder PN (persönliche Nachricht im kv-internen Netz), teils auch in den Foren. Etwa: Bettina Brunstein alias Tina. Im Laufe der letzten 14 Jahre ist da viel zusammengekommen, man darf die Foren nicht unterschätzen, in denen es zum Gedankenaustausch kam.

Mit Vaga eint mich ein besonderes Band – es sind die Schlangegeschichten, die wir uns gegenseitig schrieben, manchmal wie ein Ping-Pong-Match, ohne fiese Schmetterbälle, wohl aber angeschnittene Bälle ... Manchmal legte ich eine Schlangegeschichte vor, Vaga griff sie auf, parodierte sie; manchmal entwickelte sich in der Parodie der Parodie sogar eine ernste Schlangegeschichte. Da neckte sie mich und ich sie, ohne zu einem oberflächlichen Flirt zu werden, und doch war es nicht selten etwas mehr als nur eine Liebeserklärung an die Poesie ... Ich will mal schauen, ob ich noch etwas davon finde. Hier ist so ein signifikanter Kommentar-Thead zu einem Gedicht von Vaga:

ritualisiert.

Tagebuch
von Vaga.

jetzt gehen sie wieder
und hämmern ihr flaches gewissen
mit schweren schritten
in grauen asphalt

tragen gestalten
auf hohen wagen
kasteien die schultern
zu wundigen malen

im rhythmus des volkes
das klatscht und schreit
und gnade erfleht
tritt stockenden blutes
was da floss dereinst
zurück in den kauernden vorbehalt
- - - 

Bergmann: Ein politisch Lied - pfui! ein garstig Lied! (Faust I)
Ich bin überrascht, das Thema kommt in der ernsteren Lyrik hier so selten vor ... Die erste Strophe finde ich am besten! Aber insgesamt gefällt mir die Sprache gut, und der Vorbehalt reimt sich zuletzt noch auf den Asphalt, das Echo ...................... knallt ...
Vaga: Ich habe diese Verse heiß geschmiedet - und am Ende reimte sich da was zusammen! Danke für deinen Komm.
Bergmann: heiß geschmiedet ..., oh ... irritierend ...
Vaga: Diese Thematik entzündete mich so sehr, dass ich anstatt ‚mich medikamentös mit Antibiotika zu behandeln‘, Verse aus meinen Adern ließ. So war dieses ‚heiße Eisen‘ gemeint.
Bergmann: entzündete ... jetzt fehlt nur noch eine Lunte ...
Vaga: Möchtest du, dass ich ‚verbrenne‘?
Bergmann: Explosion genügt mir.
Vaga: Ich bezweifle, dass ich dem Anspruch gerecht werden kann. Doch habe ich mit meinen Zweifeln schon die schönsten Erfahrungen gemacht - nämlich dann - wenn ich sie mir selbst widerlegte. So bleibt Hoffnung: für und gegen alles, was möglichst surreal realisierbar ist.
Bergmann: Gut. Implosion ist auch eine Möglichkeit, also so ein umgekehrter Urknall, aus dem dann wieder was wird ... Es gibt nicht nichts. Schau dir einfach zu bei der Erschaffung deines Universums.
Vaga meinte dazu am 01.04.2007: Dann wäre ich die Göttin meiner Welt. Der Gedanke gefällt mir außerordentlich!
Bergmann: Von mir aus. Aber ich werde dich nicht anbeten.
Vaga: Das wäre dann wohl wirklich Blasphemie. Und: Soweit ich mich erinnere, müssen Götter keine Götter anbeten.
Bergmann: Da hast du natürlich recht. Aber: Aus Liebe zu dir kann ich mich in Menschengestalt verwandeln, bin Mensch und Übermensch, Gott und Übergott zugleich.
Vaga: Als Göttin darf ich mir wünschen, in welcher Gestalt du dich mir näherst: Ich hätte dich gerne als schwarzen Schwan - und natürlich als Untergott. Über mir zu stehen wäre für dich und für mich äußerst langweiliCH.
Bergmann: D‘accord. Mein Kollege Jupiter hat die Stellung auch schon mal in Weiß ausprobiert, aber er sang dabei noch nicht Wagner, da habe ich mehr zu bieten.
Vaga: In Weiß war alles schon einmal da - ja - in Schwarz bekommt die "Variante" einen noch erotischeren Touch! Ich muss mich jetzt leider wieder meiner irdischen ‚Arbeit‘ zuwenden. Nichtsdestotrotz werfe ich jederzeit, wenn ich will, mein göttliches Auge auf dich.
Baldachin: Feinstes Theater: ein hochwertiger Text, und nach der Vorstellung ein espritvoller Dialog der 68er-Humanisten. Beifall aus der letzten Reihe vom Herrn im geborgten Anzug. [2007]

Vaga: Lese gerade den Kommentarstrang noch einmal, und er amüsiert mich erneut. Fast fünf Jahre ist das jetzt her!!
Bergmann: Ja, da warst du in Hochform. Ich sehe, wie ich weiter gereift bin seit dieser Zeit, in der ich quasi noch meine Unschuld hatte. Ich staune über mich und sehe zugleich, dass mein Verhältnis zu dir dem Goethes gegenüber der Frau von Stein ähnelte. Du wirst es anders sehen und behaupten, du seist keine Frau von Stein. Ja, das ist wahr, du bist aus anderem Holz geschnitzt, und so ist es gut. [2012]

Und hier eine Vagaschlangegeschichte:

Sinnfrage
Die zarte Zeichenschrift ist eine Augenweide, deren Deutung stillt einstweilen unser sinnliches Begehren. Was tun, sagt Schlange, wenn wir wieder nicht den Sinn des Seins verstünden und den letzten Hoffnungsschimmer daraufhin verlören? – Gute Frage, liebe Schlange, deine Worte, jambisch exzellent geschrieben, tanzen durch den Raum der Logik wie Musik in einer Fuge oder Passacaglia! Müssen wir im Stockwerk überm letzten Stockwerk immer noch verstehen wollen, was wir sowieso nicht wissen können? Selbst die Götter blieben blind, der Übermensch weiß auch nichts. Doch ist die Liebe, die sogar den Himmel überragt und uns verbindet bis in alle Ewigkeit und weiter noch als jede potenzierte Transzendenz, nicht das höchste Wissen und Begreifen? Wer liebt, begreift die Welt und fügt sich in sie ein wie in das Paradies, das wir mit unsrer Liebe uns erbauen wie en Nest! So lass uns singen, liebste Vagaschlange, jenes Hohelied der gegenseitigen Erkenntnisgabe! Ich fühls, wie mich dein Schlangenleib umarmt und mir die Luft nimmt ohne jedes Gift, wie du mich ganz verwandelst in der Nähe des galanten Todes ... ach, da stockt das Blut im Hirn, es brandet auf der Rausch, der mich beim Schreiben dieser Zeilen schon betäubt ... und ich verstumme –

Jaccolo hielten wir lange für einen männlichen Autor, der umwerfende bayerische (bairische) Verse schrieb, bis sich Jaccolo als Carmina entpuppte: eine weibliche Autorin aus Bayern. Sie gab dann einen Band mit ihren bairischen Gedichten heraus, für den ich ein Nachwort schrieb.
In meinem Büchlein „Bildschirmgedichte“, in dem ich eine ganze Reihe von kv-Autoren vorstellte, finden sich einige Gedichte von Jaccolo. Hier wenigstens ein Beispiel:

regnbognforelln

de oan sagn
des
de andern sagn
des andere

de oan ham recht
de andern s große wort

s geht
durch mi durch
wia vo oam ufer
zum andern

manchmoi bleibt wos hänga

de forelln wissn s

Karin Maiers Mundartgedichte sind Gedankengedichte – die Hauptthemen sind Erkenntnis, Selbsterkenntnis, insgesamt: Skepsis gegenüber der Kultur und daher Sehnsucht nach einer einfacheren Harmonie, für die die Natur als Bild (weniger sie selbst im eigentlichen Sinn) steht.
Noch nie war mir das Bayerische derart sympathisch wie in solchen Gedichten. Welch eine starke Sprache und sensibel zugleich. Bei Karl Valentin ist mir das Bayerische nicht so nah gekommen. Und auch die besten bayerischen Kabarettisten von heute schaffen nicht diese Dichte und die wunderbare Aufhebung des Derben, das jedem Dialekt innewohnt. Karin Maiers Mundartgedichte entwickeln eine unglaubliche Zartheit und Leichtigkeit, ohne an Tiefe zu verlieren. Dem Dialekt verdankt sich die Kraft und die Bildprägnanz nicht allein, es liegt vielleicht tatsächlich auch daran, dass die Dichterin im Bayerischen von innen heraus das Wesentliche so leicht sagen kann, dass es zugleich auf engstem Raum Tiefe gewinnt.

managarm (Frank Zosel) ist ein Autor, mit dem mich eine Autorin verbindet, die wir beide kannten: Anna Romas. Er kannte sie schon länger als ich. Ich lernte Anna Romas um das Jahr 2005 im Forum Literatur Ludwigsburg kennen, als sie schon gezeichnet war von ihrer Krebskrankheit, an der sie wenig später starb. Als ich einen Text über sie auf kv brachte, trafen sich managarm und ich, zwei Freunde der Autorin – und wir schrieben uns Briefe. Frank schickte mir eine Reihe von Gedichten, die er von Anna Romas hatte. Er zog bald aus Süddeutschland in die Eifel, und fast hätten wir uns dort getroffen.

Werner Weimar-Mazur ist schon lange Autor in der Bonner Literaturzeitschrift „Dichtungsring“, für die ich einige seiner Gedichte empfahl. Auch für ihn schrieb ich einmal ein Nachwort für einen seiner ersten Lyrikbände. Ich vermittelte ihm einen versierten Lektor, den Lyriker Holger Benkel in Schönebeck, mit dem er eine intensive Korrespondenz pflegt, wie ich auch. Werner war schon einmal beinahe zu einer Lesung in Bonn verpflichtet, das zerschlug sich leider.
Ich schätze seine Gedichte sehr. Da Werner die Neigung hat, gern Tiere in seinen Gedichten auftreten zu lassen – als metaphorische oder atmosphärische Farbe in seinen Versen -, habe ich mich mit diesem Aspekt einmal besonders befasst und schrieb einen kleinen Essay darüber unter dem Titel „Falter und Fische - Werner Weimar-Mazurs Gedichte – ein poetischer Zoo“:

Meine Analyse der letzten 38 auf kv veröffentlichten Gedichte des von mir sehr geschätzten Lyrikers W-M (Werner Weimar-Mazur) kommt zu den erstaunlichen Ergebnissen, die ich schon seit geraumer Zeit erahnte:
Ich sichtete eine geradezu fabelhafte Versammlung großer Teile der Tiergesellschaft auf einer Art Arche Noah unserer Zeit – in Werners Versen!
Die Tiere, die er in seine Gedichte aufnimmt, haben die Funktion, Bilder zu sein für eine bestimmte Atmosphäre, für Stimmungen, es sind Fabeltiere en miniature, adjektivische Kleinmythen sozusagen. Sie sind das Geheimnis eines Stils, der sich schon seit langer Zeit mit Erfolg behauptet, auch in den Print-Werken des Autors.
Die Intensität liebevoll-animalischer Kurzmetaphern ist einzigartig in der deutschen Lyrik-Savanne oder in den west- und mitteleuropäischen Biotopen der Poesie.
Ich will das attributive Getier nicht streng systematisieren, aber ein klein wenig kommentieren.
Fische und Fliegende Tiere (Vögel und Falter) kommen am häufigsten vor – Lebewesen unter Wasser und über Wasser. Unterbewusstsein und Gedankenflug. Der Mittelbau – Kriechtiere, Wirbeltiere, Säugetiere – ist auch stark vertreten.
Die Fische kommen als allgemeine Gattungsbezeichnung 10 mal vor, speziell noch als Hering, Lungenfisch, Schmetterlingsrochen, Waran, Wal (dazu kommen noch Qualle, Koralle, Algen und Schwämme, Muschel).
Wesentlich beeindruckender ist die Vielfalt der fliegenden Weimar-Mazur-Tiere, insbesondere die Großgruppe der Falter. Hier haben wir 4 mal unspezifizierte Falter, Delfinfalter, Aurorafalter (2 mal), Schillerfalter (4 mal), Zitronenfalter, Apollofalter, Adonisfalter und Azurfalter (Mazurfalter ... ?). Und Graugänse (2 mal), Falken (2 mal), Eulen (2 mal), Vögel allgemein (4 mal), Hautflügler (2 mal), Sing-Schwäne (4 mal), Papiervögel, Schwarzstörche, Lerchen, Albatrosse (2 mal), Uhu, Tauben, Raben, Mauersegler, Kranich, Silberreiher, Hühner, Kolibri, Frostfliegen, Krähen, Enten, Insekten, Sturmmöwen, Lachmöwen, Stare und Schmetterlinge. Der Bezirk der Luft und der Höhenflüge überwiegt die lebendige Unterwasserwelt bei weitem. Das Reich der Ideen dominiert also.
Wie steht es ums Irdische, die Erdhaftung? Hier finden wir Tiere und Tierchen allgemein (4 mal), den Wolf, Hamster, Fuchs, Dachs, Waschbär, Schweine, Jaguar, die Wasserschlange (2 mal), Luchs und Luchsin (3 mal), den Berglöwen, die Hauskatze, Pferd und Holzpferd (okay, letzteres ist eine hybride Metapher), den Leoparden und die Schneeleopardin, Geißlein, Rehe, das Raubtier, Bären, Panther und Schaf. Und hinzu gesellen sich noch Weichtiere, Echsen und die Gottesanbeterin.
Viele dieser irdenen Tiere haben viel Kraft, sind schnell und gefährlich.
Alles in allem ist das eine reiche Palette von Attributen, derer sich die Gedichte zur Ausstattung des lyrischen Ichs bedienen.
Ich habe gerechnet: In 38 Gedichten tauchen auf oder fliegen und laufen vorüber 76 verschiedene Tiere, das sind 2 pro Gedicht. Wenn ich die Mehrfachnennungen berücksichtige, komme ich auf ungefähr 3 Tiere pro Gedicht.
Dem stehen nur relativ wenige Pflanzen gegenüber – das leuchtet ein, denn Pflanzen repräsentieren eher passive Eigenschaften: Rotdorn, Ahorn, Birken, Gras, Beeren, Blaubeeren, Nüsse, Mandeln, Dolden, Papyrus, Maulbeerbäume, Seetang, Rosen, Ginster, Mohn, Blumen und Oliven.
Natürlich habe ich hier nur einen Aspekt der Gedichte untersucht – die tierischen Wortfelder. An anderer Stelle habe ich Werner Weimar-Mazurs Lyrik ganzheitlicher betrachtet. Aber der hier analysierte Bereich der Metaphorik ist eine aufschlussreiche Ergänzung. Weimar-Mazurs Lyrik verwandelt die Technik der Äsopschen Fabelschreiber in moderne Art – sie wird nun leichter, atmosphärischer, ist den Clichés der Tiere nicht so verhaftet, sie löst sich also von festen Bedeutungen und in der Mixtur mit Tierarten, die bisher nicht als fabeltauglich galten, gewinnt das lyrische Fabulieren neue Bedeutungen. Weimar-Mazur geht spielerisch um mit seinem poetischen Zoo, er generiert das Prinzip Chamäleon für die Poesie. Wie gesagt, das fand ich bisher noch bei keinem Lyriker – diese neue Technik ist nützlich und sehr wirksam und sie verbündet uralte Tradition mit unserer Gegenwart. [2015]

12. unangepasste (Sigune Schnabel)

Als ich Sigune persönlich kennenlernte, wusste ich nicht, dass sie schon 2004, lange vor mir, bei kv war und zu den ersten kv-Leuten gehört. Irgendwie kam sie mit unserer Literaturzeitschrift „Dichtungsring“ in Berührung, ich weiß nicht mehr, wie. Und seit Jahren arbeitet sie mit in der Redaktion und war Mitherausgeberin von einigen Ausgaben, wie auch gerade jetzt bei Nr. 59 im 40. Jubiläumsjahr unserer Zeitschrift. Obwohl sie in Düsseldorf als Übersetzerin arbeitet und wohnt, kam sie vor Corona zu den Sitzungen in Bonn und manchmal sogar bei Neuwied.
Wir in der Redaktion verfolgten vor wenigen Jahren ihren Weg zum und im Finale des „Leonce-und-Lena-Preises“. Inzwischen gewann sie einige andere Literaturpreise, darunter der renommierte postpoetry-Preis.
Sie veröffentlichte bisher zwei Einzelbände mit Lyrik und soeben erschien ein neuer Band mit Gedichten von ihr und zwei weiteren Autoren, die jetzt im Bonner Freigang-Verlag von Rainer Maria Gassen erschien.
Ihr zweiter Gedichtband, „Apfeltage regnen“, 2017 veröffentlicht im Geest-Verlag, ist ein beachtlicher Zyklus. Ich sehe das Ganze als Lebensstufen. Am Anfang Kindheit und viel Phantasie, eigener Kosmos, viele Farben, die Mutter behütet und stört zugleich (der Weckruf zur familiären Pflicht). Neugierde auf die große weite Welt (Schaukel und Asphalt). In vielen Naturbildern und in einer filigranen Du-Ich-Dialektik schreitet die Zeit und das Werden voran. Das Du ist ambivalent: es kann reflexiv gesehen werden, es bezeichnet auch Sehnsucht, Suche und Erfahrung mit einem anderen Du, das weit mehr ist als ein Alter Ego. Die Erfahrung der Liebe erscheint jedoch brüchig von Anfang an - weil Kindheitsreste stören, Desillusionierungen erfolgen und das kindliche Einssein von Ich und Welt verloren geht bzw. nicht transformiert wird.
Die 1981 geborene Autorin schreibt nicht nur reine Gedichte, sondern auch Prosa, sie nennt sie Prosagedichte. Und sie beherrscht auch die Form des Sonetts:

Gedankenschwere

Gekentert ist mein Boot an deiner Klippe.
Zu ungestüm hast du den Fuß hinein
gesetzt. Es schwang hinauf wie eine Wippe
und warf mich ab; jetzt treibe ich allein.

Die Algen sanken tot zum Meeresgrund,
als deine Füße in das Wasser glitten,
und meine Leichtigkeit verschwand im Schlund
von Haien, deren Zähne sie zerschnitten.

Am Ufer fällt der Sanddorn von den Zweigen.
Die Vogelscharen flattern durch mein Schweigen
und kreischen schwarze Lieder zu den Beeren,

auf denen rot die Abendstrahlen weilen.
Und manchmal schwappt das Wasser auf die schweren
Gedanken, die im Schlick die Zellen teilen.

In vielen einfallsreichen und überraschenden Wortwendungen und Bildern formuliert sich die Schwierigkeit und wachsende Schwere des Seins. Viele Motive der Gedichte sind untereinander vernetzt. Am Ende steht so etwas wie das Erwachsengewordensein - und das hat die Farbe Weiß. Es ist nicht das Weiß der Unschuld, sondern der Farblosigkeit. Der Verstand und das Durchschauen des Seins beendet das kindliche Paradies, es wird empfunden als größter Verlust. Der Aspekt eines Gewinns wird zuletzt allenfalls indirekt erhofft oder ersehnt. Aber die Farben sind gestorben. An diesen Schluss kann sich ein neuer Gedichtzyklus anschließen. Der Schluss dieses ersten Gedichtbands ist zwar kein Lamento, aber eine indirekte Elegie.


13. Hans Eisel

Auf kv hat Hans J. Eisel, der seit 2008 Texte, vor allem über einige von ihm gelesene Bücher, veröffentlicht. Auch ihn lernte ich persönlich auf ganz andere Weise kennen, ohne zu wissen, dass es ihn auf kv gibt.

Er schrieb einen Essay über Leonhard Frank, einen weiteren über Ernst Bloch. er schrieb über den Schriftsteller Egon Friedell, den Lyriker Norbert Sternmut, über Karl-Heinz Schreiber (schrybyr), um nur einige dieser Essays und Rezensionen zu nennen. 

Seit 1995 kenne ich den Berliner Schriftsteller HEL (Herbert Laschet), mit dem ich eine sehr intensive Korrespondenz führe. Ich besuchte ihn mehrmals in Berlin. Hel kam auch einmal nach Bonn, wo er Mitglied in der Jury des von unserer Literaturzeitschrift vergebenen Bonner Literaturpreises war – er hielt in der Bonner Buchhandlung Böttger die Laudatio für Max Czollek. Hel gab vor Jahren ein literarisches Zirkular heraus, für das er Hans Eisel als Mitherausgeber gewann.
Nachdem Hel sich aus dem „Zirkular Am Zeitstrand“ zurückgezogen hatte, führte Hans Eisel „Am Zeitstrand“ weiter als Literarischen Rundbrief.
Vor ein paar Jahren traf ich ihn in Stuttgart, wo er wohnt, zum ersten Mal. Inzwischen habe ich ihn in den letzten 5 Jahren weitere sechs Mal dort getroffen und mich in Cafés und auf dem Schlossplatz stundenlang mit ihm über Literatur, Gottes Werk und Teufels Beitrag unterhalten.

Wir korrespondieren brieflich seit Jahren. Seine Briefe sind schnörkellos. Gegen Schluss fällt Hans Eisel immer etwas Aphoristisches ein, das zugleich auch komisch (also komikös) klingt, es sind oft kleine Spitzen gegen Pathos und Sentimentalität. Etwa:

„... Jetzt bin ich müde und gehe einfach ins Bett. Morgen früh – so Gott will – geht es weiter.“
Oder: „Der Trieb treibt uns im günstigen Fall zueinander. Und Ernst Bloch läßt grüßen.“
Oder: „Auf keinen Fall werde ich einen Pakt mit dem Teufel schließen, und Sie sollten das auch nicht tun.“


14. Dialogkultur 2016
Ich fand noch einen Dialog mit mica alias Andrea alias Elén – unter dem Titel DIALOGKULTUR 2016, den setze ich ans vorläufige Ende meiner aufgeschriebenen kv-Begegnungen:

mica: Die ganze Schreiberei ist am Ende eine Selbstabrechnung, die in der Gleichung für den Betroffenen ja doch nur ein Minus ergibt, - wenn man am Leben misst und die Zeit als Maßstab nimmt: wie verschwenderisch gehen wir doch um mit ihr, der Zeit, der Königin aller Völker. Wie eigensinnig mögen wir uns doch verlieren in Trivialitäten, und doch ist es der einzige Trost zu wissen, dass wir uns nicht unterscheiden, dass wir uns nicht im Geringsten bewusst sind darüber, allesamt verklärte Trödler zu sein. Nur manchmal ein Aufblitzen, ein flüchtiges Zusammenzucken ob unserer eigenen Unzulänglichkeit, die wir kaschieren mit Tand und Grübelei, kompensieren mit diversen Rechenaufgaben, wie zum Beispiel: Schreiben. - Ich brauche keine Protagonisten, ich brauche keine Figuren: Ich lese hinter Häuser und Mäntel, ich lese aus deinem Suppentopf eine letzte Armut und ich buchstabiere deine letzte Dividende auf hebräisch. - Eine Selbstabrechnung, - du bist ein spürsinniger Mensch; es ist eine Selbstabrechnung, ja.
Im Vergleich zu anderen Texten verzweifelt hier nichts. Ein unbeschwerter Text.
Hab Dank fürs Lesen,
lg, andrea

Bergmann: Gut, der Text mag unbeschwert (geschrieben) sein, aber im Angesicht seiner Aussagen könnte ein Erkennender verzweifeln, wenn er nicht trotzdem das Leben liebt.
Und natürlich unterscheide ich Autor (du) - Erzähler, Adressat - Leser (ich).
Wie gesagt, mir geht es gut in meiner augenblicklichen Zeit, aber morgen, übermorgen, und am Ende der Zeit? Wenn mein Vorhang zugeht, seh ich dann noch ein Stück, geht das ohne Publikum, oder ist der Vorhang tief in mir, und löst sich auf zu nichts?
Wenn ich tot bin, darf ich nicht mehr klagen über Tand und alle vanitas, weil ich dann nicht mehr kann.

mica: Wo ist das Ende der Zeit?
Wenn mein Vorhang zugeht, tut das nichts zur Sache. Ich stehe auf beiden Seiten. Heute gestern morgen. - Das Leben, die Zeit ist simultan. Ich bin heute gestern und gestern morgen und wenn ich schlafe, träume ich rückwärts und atme quer.
Nichts ist da, wo schon immer was war. Die ganze Zeit.
Ich gehe davon aus, dass ich niemals tot bin. Nur körperlos. Im stofflichen Sinn.
Wie willst Du wissen was Du kannst oder nicht kannst, wenn Du tot bist? - Es gibt Tote, die können mit Voranschreiten der Zeit immer mehr, dringen mit jedem Tag tiefer in uns. -
Natürlich nur Spekulation und: "Ein weites Feld ..." :)
sei gegrüßt.

Bergmann: Natürlich ist auch meine Annahme nur eine Annahme. Klar. Wenn es anders ist, als ich denke, werde ich mich (oder das was ich sein werde) wundern. So entsteht die Idee von Himmel und Hölle.

mica: ... und dem Fegefeuer. Dort kannst du mich besuchen kommen und mir was Schönes mitbringen. - Lass uns ein Wunder erwarten.

Bergmann: Ein weiter Weg für mich, denn ich muss erst runter in den Himmel, dann weiter runter in die Vorhölle und noch einmal bergab (ganz gegen meine Art) in die Hölle. Ich bring dir Licht von oben mit, damit du deine Flammen erkennst.

mica: Ein schönes Bild. Ich habs vor Augen: Amigo, wie du, Pilgerer, daherschlurfst mit deiner frommen Joppe und ganz entzündeten Augenrändern und roter Bindehaut, - vom Sternstaub und den vielen gleißenden Heiligenscheinen. Und während wir plaudern, kommt Reinhold Messner daher und drängt sich in unser Gespräch, der Flegel, weil er unbedingt wissen will, wie’s da oben ist auf dem Berg, den er noch nicht bestiegen hat. Man kann ihm den Neid vom Gesicht ablesen ... :)

Bergmann: Ich bin nicht fromm, es gibt noch eine Höhe über der Höhe, über dem Himmel, über den Heiligen, das ist die Negation der Negation der Hölle, da wohnen die Dialektiker des Seins, die Umgreifer des ganzen metaphysischen Raums. Und weißt du, warum ich so gewiss bin, dass ich dazu gehöre? Weil ich jetzt schon immer ein bisschen schwebe, wenn ich gehe, wenn man meine Schwebe noch Gehen nennen kann, wenn dieses Gehen nicht schon Fliegen ist, oder so eine Art Schwebe des Schwebens. Ich bin oft ein so sublimer Stoff, dass ich ins Vierdimensionale auslaufe, dann bilde ich eine Haut, die ausreicht, das ganze Universum zu umhüllen, und stehe gleichzeitig trotzdem in der Welt, ganz fest. Auch das ist Dialektik.
Tja, so ist das. Schon hier auf KV spüre ich dieses Umhüllungspotential, das ich habe. Und so umhülle ich dich auch, nenn’s Umarmung: Ein gutes neues Jahr dir!

2021


Anmerkung von Bergmann:

Die Folgen erschienen zunächst in meiner Kolumne und wurden später hier ergänzt.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 minze (27.04.21)
Ich habe mir nicht alles durchgelesen, aber ich bin etwas irritiert (auch vielleicht, weil ich manche persönlich kenn in deiner Beschreibung)

- ist es im gegenseitigen Einvernehmen, dass du auch sehr persönliche Einblicke gibst, sogar direkte Mails zitierst?
Das hoff ich sehr für die Privatsphäre der genannten Personen.

noch als edit: auch das Nennen der Klarnamen sollte im persönlichen Einverständnis sein, zumal wenn Vor- und Nachnamen genannt. Hm.

Ich hatte ja nie einen direkten Austausch mit dir und kann mich nicht direkt an ein persönliches Treffen erinneren: würde aber mit einer Wiedergabe persönlicher Mails nicht einverstanden sein.

LG

Kommentar geändert am 27.04.2021 um 10:47 Uhr

 Terminator meinte dazu am 27.04.21:
Um die Beantwortung dieser Fragen, o Bergmann, ebenso ich bitte. Ansonsten veröffentlichen unseren Emailverkehr von vor zehn Jahren ich werde. Viel Spaß dann beim Nachweisen, dass dieser fiktiv ist (Scherz, natürlich).

Aber im Ernst: sind alle von den Beschreibungen unbeteiligt Betroffenen damit einverstanden, exposed zu werden? Bei einigen habe ich da begründeten Zweifel, du weißt, wen ich besonders meine.

 Lluviagata (27.04.21)
Ich finde diesen Bericht - trotz berechtigter Einwände der Vorkommentierenden - sehr interessant. Der Blick Bergmanns auf ehemalige kV-User ist menschelnd und selbstkritisch, was mich persönlich überrascht, wobei meine persönliche Enttäuschung immer noch anhält darüber, dass er sich bei kV-Treffen jüngeren Datums - trotz versprochener Beteiligung - fein rausgehalten hat.
Die genannten Menschen hier, soweit ich sie, woher auch immer, kenne, erfahren eine treffende Widmung. Das ist es, was mich zum Lesen brachte.

 Bergmann antwortete darauf am 27.04.21:
Ich konnte damals aus wichtigem Grund nicht zum Treffen kommen.
Bitte schick mir deine Kontonummer per PN und ich überweise dir, wenn du die Organisatorin warst und Auslagen hattest, die versprochenen 300 €.

 Lluviagata schrieb daraufhin am 27.04.21:
Ich war die Organisatorin - und alle, die dabei waren, haben sich an allem beteiligt. Insofern gibt es nichts, was du uns schuldest.
Und weil du nicht da warst, ist dir auch unser individuelles Geschenk an dich entgangen. Mich, und nicht nur mich, hat lediglich gestört, dass du dich nie wieder gemeldet hast. Aber das ist eine ganz andere Geschichte … und ist jetzt und hier für mich erledigt.

 Ralf_Renkking äußerte darauf am 27.04.21:
Hammer, die Betonung liegt ja sowieso auf "Auslagen hattest", für mich klingen Bergmanns Text und Rekomm, ja, welcher Ausdruck wäre da gerechtfertigt, vielleicht menschelnd? 😂😂

 Bergmann ergänzte dazu am 27.04.21:
Lluvigata:
Es tut mir leid, dass ich mich nicht richtig verhielt.
-
Was die Gegenwart betrifft, so tut es mir weh, dass kv dem Ende entgegengeht. Das hatte ich vor 15 Jahren nicht gedacht.

 DanceWith1Life (27.04.21)
“It's taken me all my life to learn what not to play.” ― Dizzy Gillespie. ...

 Bergmann meinte dazu am 27.04.21:
Let it be.

 eiskimo (27.04.21)
Beeindruckend zu lesen, schon wegen der ausführlichen Verarbeitung des Erlebten. Ich fühle mich total aussenstehend, bedauere aber, dass ein Aktiver und Weggefährte hier zu KV eine eher skeptische Zusstandsbeschreibung vornimmt

 Bergmann meinte dazu am 27.04.21:
Wer? und wo?

 eiskimo meinte dazu am 27.04.21:
Wer? der Autor. Und wo? in den letzten 12 Zeilen des Textes

 Bergmann meinte dazu am 28.04.21:
Oh! Nun erschrecke ich vor mir selber.
Na, es folgen ja noch vier Kapitelchen.

 AndreasG (27.04.21)
Hallo Uli.

Mich macht der Text sentimental. Danke dafür.

Literarisch musst Du da natürlich noch mal 'ran.

Mal schauen, ob es mit der Rettung von kV klappt. Mich würde das sehr freuen.

lg Andreas

 Bergmann meinte dazu am 27.04.21:
Lieber Andreas,
was soll ich da (literarisch?) verbessern? Es ist doch nur eine Dokumentation.

kv-Rettung. Nach meinem Kenntnisstand sind derzeit immerhin schon rund 20% der Rettungssumme zugesagt.

Herzlichst: Uli

 RainerMScholz (28.04.21)
Mein KV - das klingt gut. Ein wenig prätentiös vielleicht oder gar überheblich. Wer würde von arrogant oder egomanisch sprechen - niemand! Aber wenn KV mit dir dann untergeht, dann wünsche ich alles Gute und Wohlbefinden.
Wir Anderen sehen schon.
Tschüss.
R.

 Bergmann meinte dazu am 28.04.21:
Ich orientierte mich an MeinRTL ...

 loslosch meinte dazu am 28.04.21:
und "mein eprimo" und "mein e.on" undundund...

 Teichhüpfer (27.05.21)
Ich beschäftige mich irgendwann näher mit deinem Rückblick. Meine Meinung ist von kv, es ist schwierig die Kunst unter einen Hut zu kriegen. Ich meine Zitat, Jir´í Keuten R.I.P. den Text in ein Bild.

 W-M (18.10.21)
habe gerade mal wieder in julias gedichte hineingelesen ...
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram