Theologisches Casino

Groteske zum Thema Hoffnung/Hoffnungslosigkeit

von  Terminator

Jedes Wesen auf Darwins Erde ist Opportunist. Man tut, was man kann, um Lust zu fördern, und Unlust zu vermeiden. In profanen Dingen ist das keine schlechte Idee, aber die Versuchung ist groß, sie auch in religiösen Belangen anzuwenden. Ich lebe, ich werde sterben, aber so richtig vorstellen, tot zu sein, kann ich mir nicht. Vielleicht lebt meine Seele doch nach dem Tod weiter - ich kann es nicht wissen, sollte aber sicher gehen. Tausende esoterische Konzepte bieten meiner Seele zu unterschiedlchen Konditionen den Jenseitsdeal an. Mit wem soll ich einen Vertrag schließen?

Es gibt als sicher geltende Jenseitsversicherungen: Christentum, Judentum und Islam genießen bei Rating-Agenturen wie dem gesunden Menschenverstand und dem Bauchgefühl ein hohes Ansehen. Buddhismus, Taoismus und sektiererisches Christentum gelten als unsicher bis hoch spekulativ. Wenn sich an eine Jenseitsversicherung vertraglich binden, dann schon an eine mit hohem Marktanteil und klaren Vertragsbedingungen. Bei Buddhismus, Taoismus und anderen diesseitslastigen Marken sind die Bedingungen sehr klar, aber der Gewinn tendiert gegen Null: du bekommst zurück, was du investierst. Das ist ein Bollwerk gegen die Inflation, wie etwa das physische Gold, aber für gierige Naturen nicht sonderlich verlockend.

Nach langem Überlegen entscheide ich mich für die relativ sichere Jenseitsversicherung Christentum - sie ist durchaus spekulativ, aber es spekulieren so viele mit, dass auch nach Ponzi-Schema viel Gewinn zu machen ist, vorausgesetzt, es gibt massenweise noch größere Idioten. Leider gilt diese Überlegung nur für das Diesseits: Idioten kann ich ausnutzen, um etwa als Kleriker auf Kosten der Gesellschaft leben zu könen, aber auch zwei Gigaidioten werden mir im Jenseits nicht nützlich sein, wenn es im Jenseits nichts gibt. Ich muss darauf spekulieren, dass ich nach meinem Ableben durch ein Nadelöhr ins Paradies gelange, und bei dieser Veranstaltung ist jede  Jenseitsversicherung gleich spekulativ.

Wozu dann eine Jenseitsversicherung abschließen? Ganz einfach: man schließt eine gewöhnliche Versicherung auch nicht dazu ab, dass sie ungünstige Zwischenfälle verhindert, sondern dafür, dass sie die Schäden abmildert. Wenn ich als Christ schon nicht in den Himmel komme, weil es nach dem Tod schlicht nichts mehr gibt, so profitiere ich durch die Zugehörigkeit zu dieser Spekulationsgemeinschaft: sozial, weil je größer die eigene Gruppe, umso mehr Macht durch die Zugehörigkeit zu ihr, und moralisch, weil wiederum je größer die Gruppe, umso mehr Leute teilen meinen Glauben an die Überlegenheit meines Glaubens.

Eine kluge Rechnung, aber ohne das Jenseits gemacht: für wen sich eine Religion im Sozialen erschöpft, dessen Leben erschöpft sich darin ebenso. Wenn es im Jenseits etwas gibt, dann müssen alle Menschen nach dem Tod durch einen Flaschenhals hindurch, und können nur sich selbst und ihr Gewissen, aber keine Wertpapiere und Beziehungen mitnehmen. Wen das Jenseits ohnehin nicht interessiert, für den gibt es einen sicheren Tipp: die Investmentbank Nihilismus zockt, mit hohen Dividenden lockend, an den Jenseitsversicherungsmärkten, und macht sich das Investitionsverhalten ihrer Kunden geschickt zunutze.

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Kommentare zu diesem Text


 klausKuckuck (07.05.21)
Hallo Terminator,
deinen Text habe ich mir mit copyandpaste gesichtert, um ihn bei Bedarf wieder hervorholen zu können. Ein klug und gut geschriebener Text, wie ich finde. Ich erinnere an Thornton Wilders einmal sehr populäres Theaterstück «Unsere kleine Stadt» (leider von den Spielplänen verbannt): Der letzte Akt spielt in dem großen Zimmer der Toten. Eine gerade Gestorbene (Emily) möchte noch einmal in die Welt der Lebenden hineingucken, es wird ihr ermöglicht, und sie begreift, dass sie das Interesse am Leben da unten verloren hat, dass Ewigkeit etwas (im Wortsinne) Zeitloses ist, in das sie jetzt hineinfinden wird. Von Tucholsky gibt es das Gedicht «Wenn eena dot iss»; darin wird das Gefühl der Zurückgebliebenen im umgekehrten Sinne dargestellt.
So interessant für mich dein Casino-Bild ist, ich denke: Erst wenn «eena» im Jenseits angekommen ist, könnte es für ihn Sinn machen, sich mit dem Jenseits zu beschäftigen. (Dennoch werde ich in deinem Text noch einige Male herumstöbern.)
Gruß Klaus

 Terminator meinte dazu am 08.05.21:
Religionen als Versicherungen oder Casinos: eine naheligende Metapher. Diesseitsverankerte Jenseitsvorstellungen entlarven Religionen als Wunschphantasien. Nihilismus oder dharmische Religionen, das scheint mir derzeit die Wahl zu sein, der Rest ist zu offensichtlich nach Wunschdenken ausgedacht. Agnostizismus, und zwar, erst selber sterben, und dann gucken, was wirklich stimmt, könnte aber am Ende das einzig Vernünftige sein.
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