Halt weitere Kurzgeschichten eben

Cut-Up zum Thema Leere

von  Terminator

Öko

Ein furchtbares Geschrei. Ein Fussgänger mit perfekter CO2-Bilanz ging die Landstraße entlang und sah sie da liegen: zwei Autos waren aneinandergeprallt, einer tot, vier steckten fest. Der Fussgänger kam näher und drehte gemütlich am Verschluss seiner Mineralwasserflasche aus der Region, bis sie auf war. "Hilfe!" hörte er sie durcheinander schreien. "So ist es, Freunde, wenn man Auto fährt. Das ist das Risiko dabei". Einer der beiden nicht so schwer Verletzten forderte ihn auf, Hilfe zu holen. "Einen Krankenwagen? Nein, - ich ernähre mich so gesund, dass ich diese Nummer leider vergessen habe. Oder willst du einen Leichenwagen, du armes Hundchen? Aber eins nach dem Anderen, erst sterben, dann unter die Erde kommen. Die Nummer kenne ich übrigens auch nicht - meine Lebenserwartung beträgt 95 Jahre, und ich bin erst 35. Schönen Tag noch". Er spazierte genüßlich weiter, es war ein angenehm warmer Sonntag, und die ersten Fliegen legten auf dem ersten Toten ihre Eier ab.



Unentschlossenheit

Ein Schwein rennt auf einen weißen Palast zu; um die Wände des Palastes nicht zu beschmutzen, wird auf das Schwein nicht geschossen; schon ist es drinnen, und man traut sich noch weniger, dieses anzugreifen, da das Schweineblut die prachtvollen Teppiche entweihen würde; das Schwein ist nun im Festsaal, und alle erstarren, ach der gedeckte Tisch, ach das Porzellan, ach die schönen Weingläser; das Schwein marschiert ungehindert ins Schlafzimmer und vergewaltigt die Prinzessin.



Noch nie

"Wie oft hattest du schon Sex?" "Noch nie", sagte er, und sie lächelte unnatürlich, als würde sie eine ganz anders geartete Reaktion zurückzuhalten versuchen. Das, was von der Menschheit übrigblieb, lebte seit Jahrhunderten in einer kargen Wüste. Venerische Krankheiten grassierten neben den gewöhnlichen Seuchen. Nirgendwo gab es reines Wasser, nirgendwo ein sauberes Bett. An Körperpflege war nicht zu denken, aber angesichts der Hässlichkeit dieser Restmenschen hatte auch niemand Heimweh nach Hygiene. Geil waren die Menschen immer noch, so wie sie immer noch Durst und Hunger hatten. "Noch nie", sagte er, und sie verbarg ihren Neid und ihre Bewunderung hinter einem unnatürlichen Lächeln.



Um 11:55

Café. Kaffee. Kellner. Frisur gefällt. Zeitung. Am Fenster bequeme Sitze. Verkehr. Kaffee schmeckt gut. Uhr. Bald los. Gast rein. Kommt zu. Drehe mich weg. Bleibt. Spricht: "Für Aktivismus aktiv?" Verneine. Sagt: "Bin Aktivist. Aktivismus schützt vor Apokalypse". Trinke auf. Sage: "Aktivismus wofür?" Offener Mund. "Wissen Sie nicht wofür?" Mund noch offener. "Einfach Aktivist?" Nickt. Lache. Gehe. Hinterher. "Für Rettung der Rettung vor Nichtrettung!" Bemitleide. Frage: "Spendenkonto?" Nennt. Gehe. Geht. 



Die saubere Gesellschaft

Es wurde einfach mal das Kacken verboten. Das menschliche Verdauungssystem wurde dadurch natürlich nicht verändert, und es wurde nach wie vor reichlich gegessen. Alle öffentlichen und privaten Toiletten wurden abgeschafft, und wer beim Kacken erwischt wurde, wurde sofort denunziert, angezeigt und eingebuchtet. Da offenbar niemand mehr kackte, stellten sich einige die berechtigte Frage: wo ging bloß all die Kacke hin? Denen wurde von höchster Stelle empfohlen,  diese Störung des öffentlichen Friedens in Zukunft zu unterlassen. Da machten Verschwörungstheorien die Runde, als den Neugierigen verboten wurde, ihre Fragen zu stellen. Darauf gaben die Wissenschaftler eine Erklärung ab, laut welcher die Kacke sich vor ihrer Ausscheidung dematerialisieren konnte. Die Kirchen sprachen von fortwährenden millionenfachen Wundern. Das Unmögliche war per Gesetz real geworden - das menschliche Verdauungssystem arbeitete nun abfallfrei.



Kleiner Hitler

Als die Erzieherin die Fünfjährigen fragte, was ihr Traumberuf sei, sagte ein Junge, er wolle Hitler sein. Sofort wurden alle großen Brüder und Schwestern verständigt, die Stasiakten der Eltern aufgeklappt und die Federn gespitzt, die frauenfeindlichkeits-feindliche Gesinnungspolizei und die liberalstalinistische Inquisition waren vor Ort. Man einigte sich schließlich, den Fünfjährigen in ein Kinderguantanamo einzusperren. Da wollte der Richter zur Sicherheit noch mit dem Kleinen reden und fragte ihn, warum dieser Hitler werden wollte. "Im Radio laufen doch diese Hits", sagte der Junge, "und wer sie singt, wird berühmt. Ich will auch solche Hits machen, darum will ich von Beruf Hitler werden".



California

Ein kalifornisches Lokalblatt titelte eines Morgens: "Zwei bestialische Verbrecher flohen letzte Nacht aus dem Gefängnis, vergewaltigten Beverly und fickten Kimberly". Die Bürger waren außer sich, wobei sie nicht das Ereignis selbst, sondern die Berichterstattung auf die Palme brachte. Die Ortschaft war keineswegs so überschaubar, so dass es nur eine Beverly und eine Kimberly gegeben hätte, aber das war nicht der Punkt. "Was für Perverse", schüttelte der Reverend den Kopf über die frechen Reporter. In den Abendausgabe korrigierten diese ihren verhängnisvollen Fehler, und nun stand auf der Titelseite: "Zwei bestialische Verbrecher flohen letzte Nacht aus dem Gefängnis, vergewaltigten Kimberly und fickten Beverly".



Eine kluge Nacht

Der Schnee legte sich still auf den Asphalt. Ein Linienbus überfuhr ihn mit 60, zerquetschte ihn förmlich. Die Ärzte konnten nur noch Schmelzwasser feststellen. Die Bäume sangen ein Lied von den Vögeln, die sie mit dem Süden betrogen. Zum Glück war der starke Westwind ein ausgezeichneter Scheidungsanwalt. Eine Flasche Nichts trank sich selbst und verdurstete. Revolver flogen durch die Lüfte und entluden sich, ohne zu schießen. Fliegende Unterhosen hängten sich an Strommasten auf, und die hohen Riesen gewöhnten sich schnell an Kleidung. Als die Unterhosen eingesammelt wurden, schämten sich die Strommasten zu Tode und begingen zusätzlich Selbstmord. Er ließ sich ein, zwei, dreimal begehen, schimpfte dann entnervt, und sperrte sich in einem Bunker ein. Nur noch Atombomben konnten ihn holen, aber sie genossen und schwiegen.

Kommentare zu diesem Text


 eiskimo (07.05.21)
Bei Dir kann man was erleben!
Es lebt viel vom Tabu-Bruch, aber auch der will richtig eingesetzt sein.
Richtig gut!
vG
Eiskimo

 Judas (07.05.21)
Nicht alle sind gut, aber die, die gut sind, sind sehr gut.
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