Nachruf

Alltagsgedicht zum Thema Fremde/ Fremdheit

von  Quoth

Ich hab mich in einen Friseursalon
verirrt links am Bahnhofsplatz,
es spielte mit einem Luftballon
in der Tür ein Hosenmatz.
Verzeihung, sagte ich, haben Sie Zeit,
mir eben die Haare zu schneiden?
Nicht sofort, war die Antwort, das tut mir leid,
Wartezeit ist nicht zu vermeiden.
Dem Herrn, der dran war, wurden die Ohren
und die Nasenlöcher gewachst.
Dann wurde er recht kurz geschoren,
Sie haben auf Kurdisch miteinander geflachst.
Der Schnitt war in Ordnung, gefiel mir sehr.
Ich wollte wieder hin, doch der Salon steht leer.

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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (19.05.21)
Tja,
hier gibt es mehrere denkbare Möglichkeiten, warum die Kurden nicht mehr vor Ort sind.
Du lässt den Grund offen; und das ist gut so!

Liebe Grüße
der8.

 Quoth meinte dazu am 19.05.21:
Über Leerstände könnte man Romane schreiben ... Viel Dank für Empfehlung mit Kommentar!

 Lluviagata antwortete darauf am 21.05.21:
@ 8er:
1. Kommi zurück genommen.... falsch gelesen.
Es geht tatsächlich um Kurden, ich war verwirrt und hatte Kunden gelesen.

Liebe Grüße
Llu ♥

Antwort geändert am 21.05.2021 um 19:24 Uhr

 Quoth schrieb daraufhin am 21.05.21:
Danke für die Empfehlung, Lluviagata.

Antwort geändert am 21.05.2021 um 19:47 Uhr

 Lluviagata (23.05.21)
Hallo Quoth,

ich habe das Gedicht mehrmals gelesen: Woher weiß der Protagonist, ob die Kurden geflachst haben? Ich persönlich habe immer ein komisches Gefühl, wenn neben mir laut und ungeniert in einer mir fremden Sprache gesprochen und gelacht wird. Ein Schelm, der Böses denkt, meint man dann, so als wohlerzogener Mensch. Ansonsten ist mir das Gedicht sehr sympathisch, weil es athmosphärisch ist und menschenfreundlich.

Liebe Pfingstgrüße
Llu ♥

 Lluviagata äußerte darauf am 23.05.21:
...im Übrigen bin ich Kunde bei einem türkischen Friseur in einer deutschen Filiale. Nur so komme ich in den Genuss dieser begnadeten Friseursgattung. In einem türkischen Salon, der nicht gerade auf Tourismus ausglegt ist, komme ich nicht mal über die religiös vermauerte Türschwelle.

Antwort geändert am 23.05.2021 um 09:28 Uhr

 Quoth ergänzte dazu am 23.05.21:
Habe vor ein paar Jahren Kurden in Deutsch unterrichtet, aber diese waren nicht meine Schüler gewesen. - Ja, die wissen ganz anders mit Haaren umzugehen, wir sollten sie uns warm halten! Gruß Quoth

 Habakuk (23.05.21)
Typisches Alltagsgedicht. Als „Neue Subjektivität bzw. Neue Innerlichkeit“ zu klassifizieren.
Einfache, direkte, prosaische Sprache, arm an sprachlichen Bildern, erzählender Stil, ohne besondere rhethorische Stilmittel. Allein die Zeilensprünge unterscheiden das Gedicht von Prosa. Das soll keine Wertung sein, sondern einfach nur eine Beschreibung der Genre-Merkmale, die auch dein Gedicht aufweisen.
Ein Großmeister dieses Genres war übrigens Rolf Dieter Brinkmann in den 70ern.

Gruß
H.

Kommentar geändert am 23.05.2021 um 13:25 Uhr

 Quoth meinte dazu am 29.05.21:
Erinnert mich an meine Kölner Zeit, da gab Brinkmann "Acid" heraus, Ludwig entdeckte Warhol - und es wimmelte von lauter kleinen Brinkmanns und Warhols ... Dass ich wieder mit der Sonettform gearbeitet habe, ist Dir vielleicht gar nicht aufgefallen, und das sollte es auch nicht. Aber sie zwingt zur Verknappung, und das tut gut. Gruß Quoth

 Dieter Wal (07.06.21)
Nachruf ohne Pathos. Sehr schön!

 blauefrau (16.09.21)
In einem Salon, der von einer Kurdin geleitet wird, sagte mir die Chefin: Sie sei zwar Kurdin, aber ihren Salon habe sie deutsch ausgerichtet. Ich war schon zwei Mal da und studiere dort, was alles so deutsch sein könnte.
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