Mirandoa I

Erzählung zum Thema Weltuntergang/ Endzeit

von  klausKuckuck

Eva strahlte. Adam maulte.
Als Chef und einziger Angestellter seiner kleinen Firma Adam‘s Craziness, die sich mit der Entwicklung von Computerspielen herumschlug, hatte Adam überhaupt keine Zeit. Unentwegt hatte er Einfälle. Die ihn bis in den Schlaf verfolgten. Unentwegt saß er vor einem Computer. Oft in der Besenkammer, die er zu seiner Lieblingsarbeitsnische ausgebaut hatte. Manchmal hockte er vor seinem Zweitcomputer im Schlafzimmer, wenn Eva Besuch hatte. Vor einem Drittcomputer im Fahrradkeller, wenn Eva sich im Oboenspiel übte. Und manchmal verzog Adam sich mit seinem Laptop sogar auf den Dachbalkon, wenn er das Bedürfnis verspürte, den weltumlaufenden Datenströmen besonders nahe zu sein. Gern hörte Adam sich dann sagen: «Wie du das wieder angehst, mein Junge, genial!» Und er hatte ein Wort in ständigem Gebrauch, von dem er behauptete, es im Alter von drei Jahren selbst erfunden zu haben: Kreativdruck. Dem er sich, wie er vorgab, bedingungslos zu beugen habe. «Ich bin meinen Einfällen verpflichtet, und insofern halte ich mich für nicht alltagstauglich!» – «Du gehst trotzdem mit!» entschied Eva. Sie hatte bei einem Preisausschreiben zwei Eintrittskarten für das Insel-Museum gewonnen. Normalerweise hätte sie sich um Kaufkarten bemühen müssen, ja, ohne Vorbestellung wäre ihr Kartentraum nie in Erfüllung gegangen, oder es hätte Jahre gedauert, keine Frage, ehe sie mit einer Bestellung zum Erfolg gekommen wäre. (Das Insel-Museum ist das beliebteste Ausflugsziel weltweit, und es gilt die Regel, dass täglich immer nur ein Besucherpaar eingelassen werden darf. Museumsdirektor Bottersturz wirbt sehr erfolgreich mit dem Slogan: Finden Sie bei uns Ihr ganz persönliches Inselglück!)

An einem Freitag, einem dreizehnten obendrein, Punkt elf Uhr morgens, öffnete man Eva und Adam die Museumstür. Eine Uhr hinter der Tür hatte elfmal Kuckuck gerufen, leise Musik plätscherte ihnen beim Eintreten entgegen, ein betörend süßlicher Duft durchflutete den Raum.
Der Museumsdiener sammelte ihre Handys ein – elektromagnetische Felder, so erklärte er und zog dabei wichtigtuerisch eine Augenbraue hoch, minderten die Wirksamkeit der Simulationssysteme des Museums, Handys und Dergleichen seien nicht erlaubt – und da steuerte auch schon Direktor Bottersturz auf sie zu. «Gnädige Frau», rief er im Heranstürmen, «mein lieber Herr Adam, wie schön, dass Sie sich auf dieses Abenteuer einlassen wollen!»
«Wieso wollen?» knurrte Adam. «Von wollen kann überhaupt keine Rede sein!» Eva knuffte ihn in die Seite.
«Also dann: geradeaus und zweimal links, immer den Hinweistafeln nach!» Der Direktor wies mit großer Geste den Weg. «Dort haben wir alles für Sie vorbereitet, gnädige Frau, wie von Ihnen bestellt!» Direktor Bottersturz nickte Eva anerkennend zu. «Eine wirklich originelle Bestellung, die Sie da in Auftrag gegeben haben!» Und zu Adam gewandt, fügte er an: «Ihre Frau Gemahlin hat uns mit vielen kleinen persönlichen Geheimnissen versorgt, so dass wir für Sie beide eine ganz außergewöhnliche Inselrezeptur vorbereiten konnten! Was sagen Sie!»
«Aha.» sagte Adam.
«Nun denn: Hals- und Beinbruch bei Ihrem Start in den Tag eins einer neuen Erlebniszeit!» Der Direktor machte eine Verbeugung, dann wedelte er davon. Adam guckte ihm hinterher und brummte: «Was redet der Mensch für einen Schwachsinn?» Eva nahm Adam wortlos am Ellenbogen und zog ihn mit sich fort.
Der Weg führte Eva und Adam zur Wunschtrauminsel Mirandoa. Auf Mirandoa freute Eva sich. Von allen Wunschtrauminseln, die das Museum in seinem Katalog führte, war Mirandoa «die unwiderstehlichste», so hatte es Eva ein paar Tage vorher beim Abendessen aus dem Museumskatalog vorgelesen. «Ach, Adam, was sagst du: Endlich einmal alles hinter uns lassen, die Firma, die Streitereien, raus aus dem Trubel, endlich einmal nur wir beide – da steht‘s! – eintauchen in ungestörte Glückseligkeit!»
Sie saßen in der Küche. Adam hatte sich gerade einen Frikadellenhappen in den Mund geschoben, hatte genickt und gebrummt: «Wenn ich ehrlich sein soll: Für ungestörte Glückseligkeit bin ich überhaupt nicht der Typ.»
«Aber, Adam! Eine nervöse Natur wie du, die muss auch mal die Luft anhalten!»
«Seit wann bin ich eine nervöse Natur?»
«Das bist du, und das weißt du auch!»
«Das redest du mir ein!» Adam legte seine Gabel neben den Teller und tippte eine Mail-Abfrage in sein Handy, das neben dem Teller auf dem Küchentisch lag. Keine neuen Mails – wurde gemeldet. Adam ärgerte sich. «Zu einem normalen Abendessen gehören ein paar Mails, oder?» knurrte er. Er schob das Handy beiseite. «Ich hab schon gar keine Lust mehr auf dieses … dieses Museumsspektakel!»
«Aber, Adam, nun markier doch nicht den Dickschädel, du gehst mit und lässt ein bisschen unberührte Natur an dich heran! Ein Mensch wie du, der nur noch mit seinen Computern verheiratet ist – wenn du mich fragst: So einer schwebt in akuter Lebensgefahr!»
«Lebensgefahr?» Adam verschluckte sich an einem Frikadellenbissen. «Dass ich nicht lache!»
«Adam, antworte mir! Ehrlich! Wann hast du mich zum letzten Mal geküsst?»
«Komische Frage, na … na, heute Morgen vor dem Aufstehen, wenn ich mich richtig erinnere?»
«Das warst nicht du, Adam.»
«Wer denn sonst, bitteschön?»
«Irgendein Fremder, was weiß ich, irgendeiner dieser Supermänner aus deinen Computerspielen, aber nicht du!»
«Was redest du denn da!»
«Eine Frau spürt so etwas, Adam. Bei irgendeinem von diesen Plastikcasanovas hast du dir den Kuss abgeguckt, und bei mir bist du ihn dann heute Morgen losgeworden. So kam es mir vor. Und nicht zum ersten Mal!»
«Eva, du suchst Streit!»
Eva rückte ihre Brille gerade, die ihr verrutscht war. «Reg dich nicht auf, Adam, wir werden dich schon zu retten wissen, das hab ich mir geschworen!»
«Wer: wir?»
«Na, ich!»
«Und wenn ich nicht gerettet werden will?»
«Du willst, Adam, du weißt es nur noch nicht!»
Adam griff leise aufstöhnend zum Bierglas. «Ich frage mich Eva …»
«Keine Fragen mehr, Adam, bitte! Sonst verschluckst du dich wieder.»
«Dann erklär mir wenigstens, was hat ein halbwegs zufriedener Mensch wie ich auf einer … einer Wunschtrauminsel verloren?»
«Ach, Adam, du ahnst ja gar nicht, was dich erwartet! Da! Da steht‘s!» Und Eva hatte aus dem Katalog vorgelesen: «Mirandoa, im Volksmund auch Die Betäubende genannt, ist eine Insel mit Kokospalmen und rauschenden Quellen, mit Orchideenzauber und beseligenden Windböen in der Abendstunde. Du kannst dir gar nicht vorstellen, Adam, wie ich mich darauf freue! Und jetzt geh ich in die Badewanne. Ein bisschen träumen. Im Voraus. Könnte dir auch guttun.»
Adam verzog das Gesicht. «Ich bin sauber!»

Im Museum waren die beiden Besucher den Anweisungen von Direktor Bottersturz gefolgt, und Adam hatte sich wider seinen Willen von Eva zum Ufer der Wunschtrauminsel Mirandoa ziehen lassen. Da stand er nun, ließ weißen Sand durch die Finger rinnen, und er hätte jetzt am liebsten an der Museums-Bar einen Cappuccino geschlürft, ein paar Suchabfragen in sein Handy getippt oder, besser noch, auf seinem Tablet eines seiner selbst erdachten Computerspiele aufgerufen. Zum Beispiel: Rocco Wucht besiegt die Rammawuhlen. Eine Figur, die Adam sich ausgedacht hatte: Rocco Wucht. Eine Heldengestalt, in die Adam sich gelegentlich selbst hineinversetzte, im Supermarkt an der Kasse, zum Beispiel, wenn er im Gedränge nach vorn gestoßen wurde. Auch in der Episode: Rocco Wucht im Kampf mit den Spiegelriesen – Adam sah sich geradezu herausgefordert, in diesen Kampf zu ziehen, wenn er nur daran dachte, wenn er in Fortsetzungen daran dachte, er dachte immer in Fortsetzungen: Rocco bläst die Spiegelriesen von den Dächern (Folge 17) das wäre jetzt eine sinnvolle Beschäftigung gewesen. Stattdessen Wunschtrauminseltrallala …
Eva ließ sich die Museumssonne ins Gesicht scheinen. Sie knöpfte ihr Sommerkleid oben herum auf, dann zog sie Adam am Ellenbogen weiter Richtung Inselmitte.
Dort ist ein Schild aufgestellt: Achtung, Weltuntergang! 

Fortsetzung folgt …

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (08.06.21)
Wer sagt denn heute noch "gnädige Frau"?

 klausKuckuck meinte dazu am 08.06.21:
Der Museumsdirktor in der Erzählung: Mirandoa.

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 08.06.21:
Ich habe nicht den Eindruck, dass die Erzählung in einer weit entfernten Vergangenheit spielt. Und welche Frau läßt sich denn bitte heutzutage noch so eine Anrede gefallen?

 Moja (08.06.21)
Das kann ja heiter werden!

Vergnügten Gruß,
Moja

 klausKuckuck schrieb daraufhin am 08.06.21:
Gebe mir Mühe!
Gruß zurück
Klaus

 plotzn (08.06.21)
Weltuntergang klingt vielversprechend...

Bin gespannt!

Liebe Grüße,
Stefan

 klausKuckuck äußerte darauf am 08.06.21:
Hi Stefan,
ob es spannend wird, wer weiß. Kommenden Sonntag weißt du mehr.
Grüße

 EkkehartMittelberg (08.06.21)
Hallo Klaus, ich bin gespannt, ob und wie Eva diesen Computerfreak herumkriegt.

LG
Ekki

 klausKuckuck ergänzte dazu am 08.06.21:
Ekki, ich auch! :D
Grüße

 harzgebirgler (09.06.21)
wenn adam mault und eva strahlt
macht sich die frau'nquote bezahlt.

gruß
harzgebirgler
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