Mirandoa V

Erzählung zum Thema Weltuntergang/ Endzeit

von  klausKuckuck

So ging es nun von Tag zu Nacht und Nacht zu Tag, und Eva erfand eines Morgens das Hupfen. Das sich, wie sie Adam erklärte, vom Hüpfen insofern unterscheide, als dass die Hupfende den Hupfsprung mit ungleich mehr Eleganz ausführe, als es eine Hüpfende beim Hüpfen je vermocht hätte. Das Hupfen sollte Eva über die Morgenmüdigkeit hinweghelfen, denn Adam hatte einige Male beim Aufwachen gemurmelt: «Dieses ewige Gegähne am frühen Morgen geht mir auf den Wecker!» (Das Wort Wecker war ihm herausgerutscht, und er grübelte eine Weile darüber nach, was es bedeuten könnte, aber er fand keine Erklärung.) Und während Eva hupfend gegen die Müdigkeit ankämpfte, übte sich Adam, kniend an der Uferböschung, im Fischfang. Zum Mittagessen gab es dann Mirandoa-Barsch auf Bratäpfeln, denn Eva hatte beim Hupfen einen Apfelbaum entdeckt.
Eva und Adam liefen nackt herum. Ihre Kleidung war aufgetragen, und weil ihnen außer den Hühnern niemand hinterherschaute, nicht einmal irgendein Inselaffe, fragten sie sich: Wozu weiterhin die lästigen Fummel? (Das Wort Fummel hatte Eva sich ausgedacht, und es gefiel ihr auf Anhieb.)
Dann aber spazierte Adam eines Morgens am Ufer entlang, und er hatte sich einen Palmwedel um die Hüfte geschlungen. Eva, die nackt hupfend herankam, wunderte sich und fragte: «Was ist denn mit dir kaputt?»
«Nichts!» antwortete Adam.
«Dieses Nichts sieht aber sehr verdächtig aus!» entgegnete Eva und hupfte kopfschüttelnd weiter.
Adam biss sich auf die Lippe. Er hatte Eva angelogen. Aber wie hätte er es ihr auch erklären sollen? Ja, er verfügte jetzt über eine Geliebte! Er hatte sich unterwegs einen Apfel gepflückt, und schon mit dem ersten Bissen war ihm wie ein Trugbild eine Geliebte plötzlich und unerwartet in seinen Gedanken erschienen, und seither sah ihn diese heimliche Geliebte an. Eine Geliebte im Schlangenkleid (das neu erfundene Wort Schlangenkleid hörte sich für Adam wie ein Lockruf an) – aber Adam hatte sich vor dieser Schlangenkleidgeliebten geniert, weil sie ihn nackt sah. Darum war er auf die Idee mit dem Palmwedel gekommen.
«Also doch! Du hast eine Geliebte!» sagte Eva beim Abendessen. Und sie setzte mit den Worten nach: «Du kannst es leugnen, aber ich sehe es dir an!»
«Wo denkst du denn hin!» verteidigte sich Adam.
«Auf der Promenade heute Morgen (sie nannten das Inselufer jetzt Promenade), auf der Promenade heute Morgen stand es dir ins Gesicht geschrieben.»
«Was?»
«Du hast eine Geliebte! Du hast nämlich geguckt, wie du früher dieser … dieser Mathilde auf den Hintern geguckt hast!»
«Welcher Mathilde?»
«Der du nachgehampelt bist wie ein … wie ein» … Eva rang um einen Vergleich, Adam hielt die Luft an – «wie ein … Allesfresser!» platzte es aus Eva heraus. «So etwas merkt sich eine Frau für die Ewigkeit!»
«Und wenn … wenn ich tatsächlich so etwas wie eine Geliebte hätte», gab Adam versuchsweise zu bedenken, «was … bitte … was dann?»
«Dann hast du sie, und weiß der Teufel, woher du sie hast, und du frisst an ihr herum, man sieht es dir an, und deshalb werden wir uns aus dem Weg gehen müssen, und das machen wir jetzt auch!» Eva stürmte aus der Hütte, stürmte in die Abenddämmerung hinaus und kletterte heftig schnaufend auf eine Palme. Versuchte hinaufzuklettern. Schaffte es unter großen Mühen auch. Und dort oben hockte sie am folgenden Morgen noch immer. Und Adam hockte in der Hütte.
In der kühlen Nachtluft hatte Eva die Lust verloren, auf ihrem unbequemen Hochsitz weitere Tage und Nächte zu verbringen. Sie hatte schlecht geträumt, rieb sich beim Aufwachen den Schlaf aus den Augen, knickte, grimmig guckend, einen Blattwedel von der Palme ab und ließ sich nach unten gleiten. Langsam ging sie auf die Hütte zu … und aus der Hütte heraus trat in diesem Augenblick Adam. Dem stand der Mund offen. Eva hatte sich den Blattwedel um die Hüfte geschlungen. «Du hast …?» stammelte Adam.
«Ich habe …!» bestätigte Eva.
«Einen … Geliebten?»
«Ach, was! Keinen Bock mehr auf Ehekrach!» entgegnete Eva. (Das Wort Bock zählte zu Evas neu erdachten Lieblingswörtern, vor allem die Wendung: auf etwas Bock haben.)
«Und …?» wollte Adam wissen.
«Den Wedel meinst du?»
Adam nickte.
«Den hab ich mir umgehängt, weil ich noch immer nicht herausgekriegt habe, warum du dir so was umhängst!»
«Na, dann», sagte Adam, «könnten wir das Gewedel ja auch fallen lassen.»
«Du fängst an!» sagte Eva.
Beide lachten, ließen die Wedel fallen, sanken sich in die Arme und wollten an diesem Morgen die Gattung Mensch auf gar keinen Fall länger vom Aussterben bedroht sein wissen. 

«Womöglich haben wir einen Fehler gemacht heute Morgen», gab Adam später zu bedenken.
«Du meinst …?»
«Ich meine, du und ich, wir haben eine ganze Menge schlechter Eigenschaften. Die wir uns erst einmal abgewöhnen sollten, ehe wir in Planungen für die Zukunft der Menschheit einsteigen, wenn du verstehst, was ich meine.»
Eva schüttelte den Kopf: «Nein!»
«Das bleibt doch alles in den Genen hängen!»
«Du meinst …?» fragte Eva.
«Ich meine: Wir, als die Eltern eines neu zu erschaffenden Menschengeschlechts …»
«Nun machs aber mal halblang», wiegelte Eva ab, «noch sind wir hier ziemlich allein auf der Welt! Außerdem: Ein paar schlechte Eigenschaften mehr oder weniger gehören zum Gesamtkonzept.» 

Das Ende der Geschichte folgt …

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