Mirandoa VI

Erzählung zum Thema Weltuntergang/ Endzeit

von  klausKuckuck

Im Wechsel von Tag und Nacht und Nacht und Tag hatten Eva und Adam irgendwann beschlossen: Von heute an sind wir glücklich! Das Vergessen war immer weiter vorangeschritten, ja, es kam ihnen so vor, als hätten sie nie eine Vergangenheit gehabt. Mit den Planungen zur Erschaffung eines neuen Menschengeschlechts kamen sie zwar nur schleppend voran, es gab aber durchaus erfüllte Momente und insofern auch Hoffnung auf künftige Ergebnisse. Hin und wieder gab es auch Streit. Zum Beispiel beim gemeinsamen Erarbeiten einer Inselordnung. Adam hatte aus zerstampftem Gras eine grüne Farbe herausgepresst, und mit dem Zeigefinger wollte er damit die Inselordnung, wie er sie sich vorstellte, an die Hüttenwand schreiben: «Friede, Freude, Eierkuchen!» sollte da stehen, eine Wendung, die ihm beim Apfelpflücken eingefallen war.
Eva wollte es anders: «Wie das klingt! Du schreibst: Freude, schöner Götterfunken!»
«Und was bedeutet das?» erkundigte sich Adam.
«Es hört sich gut an. Das reicht.»
Adam schrieb es achselzuckend hin, und darunter schrieb er: «Badewanne». Ein Wort, für das er keine Erklärung hatte. Es war plötzlich in seinen Gedanken aufgetaucht. Ein Wort, das  ihm gefiel. Auch Eva gefiel es. Aber sie rätselten beide, was es bedeuten könnte.

Später lagen Eva und Adam nebeneinander in der Abendsonne. Sie hatten sich in den warmen Sand eingewühlt, hielten die Augen geschlossen, und irgendwann sagte Adam leise das Wort: «Badewanne». Eva nannte das Wort «magisch». Und nach einer Weile war es ihnen, als habe das Wort ihre Insel angestoßen … als sei sie in Bewegung geraten und trage beide nun langsam und unhörbar in Unendlichkeiten hinaus. Sie schwebten nebeneinander her, in ihren Köpfen waren die Geräusche verstummt, und unter ihnen schlugen die Inselhühner lautlos mit den Flügeln.
Fortan genügte es, dass sie manchmal einfach nur das Wort sagten: Badewanne – und das Davonschweben fing sofort wieder an …

«Das Insel-Museum schließt in wenigen Minuten!» Direktor Bottersturz hatte es gerufen. Er kam herangewedelt. «Mein lieber Herr Adam, Sie haben es überstanden!» Der Museumsdirektor klopfte Adam leutselig auf die Schulter. «Durchatmen, gleichmäßig durchatmen! So ein Abenteuer geht an die Substanz, wir kennen das!» Direktor Bottersturz wandte sich Eva zu. «Ich sehe es Ihnen an, gnädige Frau, unser Haus der Illusionen hat Ihnen einen aufregenden Tag beschert.»
Eva wischte sich über die Augen. «Wo bin ich?»
Adam stammelte: «Was ist passiert?»
«Das Insel-Museum schließt in wenigen Minuten!», drängte Direktor Bottersturz noch einmal, «also müssen wir Sie jetzt in die abendliche Wirklichkeit entlassen, denn wir haben noch eine Menge Vorbereitungsarbeit zu erledigen. Morgen Früh, Punkt 11 Uhr, kommt eine Drei-Mann-Rentner-WG zu uns, die Herren haben sich entschlossen, eine Schatzinsel anzusteuern!» Direktor Bottersturz machte eine Verbeugung. «Ich darf Sie also hinausbegleiten? Gnädige Frau, lieber Herr Adam: Wir danken für Ihren Besuch, kommen Sie gut nach Hause!» Mit aufmunterndem Schulterklopfen schob Direktor Bottersturz Eva und Adam eilig die Museumsgänge entlang und zur Tür hinaus.

Eine Weile gingen sie wortlos in der Dunkelheit nebeneinander her. Als sie in ihre Straße einbogen, sagte Eva: «Wir müssen vorsichtig sein, unser Gartentor quietscht. Die Üchels von nebenan haben einen leichten Schlaf. Stell dir vor, die werden vom Quietschen wach, und dann fragen sie uns aus. Was sollen wir ihnen erzählen, wenn sie wissen wollen, was wir im Museum erlebt haben?»
Adam schlug vor: «Wir könnten ihnen die Wahrheit sagen.»
Eva schüttelte den Kopf: «Der Heinz Üchel ist Nervenarzt, der würde uns glatt in eine Anstalt einweisen!»

Als Adam später in seine Schlafanzugshose schlüpfte, sagte er: «Wir sollten die Gattung Mensch nicht noch länger vom Aussterben bedroht sein lassen.»
Eva tat erstaunt. «Bist du denn nicht mit deinen Computern verabredet?»
Adam grinste. Und löschte das Licht.

Ende

Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (13.06.21)
Mit diesem Ende konnte wirklich niemand rechnen!
Nur schade, dass eine Bedrohung auch dann aufhört, wenn ihr Anlass in die Tat umgesetzt, das Licht also endgültig gelöscht wird.

Formidable
der8.

 klausKuckuck meinte dazu am 13.06.21:
Ich höre Zustimmung heraus. Lange habe ich gezögert, eine derart ausgreifende Geschichte hier zu posten – es ist offenbar akzeptiert worden. Ich danke fürs Durchhaltevermögen. Könnte man gelegentlich wiederholen. :D
KK

 EkkehartMittelberg (13.06.21)
Hallo Klaus,
mit "museal" assoziierte ich immer "einschläfernd". Mit solchen Geschichten hat es eine Chance, sich in Richtung "prickelnd" zu bewegen,

LG
Ekki

 klausKuckuck antwortete darauf am 13.06.21:
Sehr sympathisch, wie du das gesagt hast, Ekki. Auf ein prickelnd Neues!
Gruß

 Graeculus (13.06.21)
Man stelle sich im Paradies einen Lehrer vor. Er liest und sagt: "Freude schöner Götterfunken, da fehlt ein Komma!"
Schon ist das Paradies in seinen Grundfesten erschüttert. Und der Phantasie dieses phantasievollen Textes wird es schon gar nicht gerecht.
Lehrer können so viel zerstören!

Nein, im Ernst: unterhaltsame Lektüre im besten Sinne.

 klausKuckuck schrieb daraufhin am 13.06.21:
Hab ich mir vorgestellt. Eva schlägt den Schiller-Text vor und setzt hinzu: "Und vergiss nach Freude das Komma nicht!"

Danke fürs Kompliment.
Grüße

 Moja (16.06.21)
Nach diesen einfallsreichen Verwicklungen, die eine heitere Seite auf das Leben nach dem Paradies werfen, und auch ein paar Dinge in einem anderen Licht erscheinen lassen, bin ich nun wunderbar unterhalten und angeheitert ans unvorhersehbare Ende angelangt.
Bleibt noch die Frage: Was geschieht nun mit dieser Geschichte?

Jedenfalls bedanke ich mich sehr für dieses Lesevergnügen!
Liebe Grüße,
Moja

 klausKuckuck äußerte darauf am 16.06.21:
Hallo Moja, ich bedanke mich fürs Kompliment. "Was geschieht nun mit dieser Geschichte?" Ich weiß es nicht. Sie liegt herum. Mit anderen. Irgendwann nächstes Jahr Januar/Februar werde ich sie bei einer Bücherei-Lesung vorstellen. Man könnte einen verrückten Film daraus machen. Ich kann das nicht.
Grüße
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