Shakespeares Sonett Nr. 18

Gedicht

von  klausKuckuck

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen,
Die du viel lieblicher und sanfter bist?
Durch Maienblüten rauhe Winde streichen,
Auch Sommers Süße hat nur kurze Frist.

Oft spürst du heiß die Sonne niederbrennen,
Oft tobt ein Sturm, verdunkelt den Azur,
Und stets muss Schönes sich von Schönem trennen
Durch Zufall oder Wandel der Natur.

Doch was du warst und bist, wird immer sein,
Nie fliehn die Schönheit, die dir eigen ist,
Wird sich der Vogel Tod dir nähern? Nein!
Weil du in meinem Lied unsterblich bist.

So lange Menschen hören, Menschen sehn,
Lebt mein Gesang und schützt dich vor Vergehn!


Anmerkung von klausKuckuck:

Kein Werk der Weltliteratur – außer Texten der Bibel – wurde laut Wikipedia häufiger ins Deutsche übertragen als Shakespeares Sonette. Mehr als 200 Literaten haben sich allein an Eindeutschungen des Sonetts Nr. 18 versucht (große Namen dabei: Karl Kraus, Stefan George). Jeder wird die Versuche des anderen gekannt und bei der Arbeit zu Rate gezogen haben; so habe auch ich es gemacht für ein Bühnenprogramm.

Kommentare zu diesem Text


 LottaManguetti (04.07.21)
Wunderschön!

 klausKuckuck meinte dazu am 05.07.21:
Geb‘s weiter an W. S. :D

 Dieter Wal (09.07.21)
Die in meinen Augen ultimative deutsche Nachdichtung des 18. Sonetts aus Mann-Frau-Perspektive, was eine ideale deutsche Ergänzung zum wundervoll homoerotischen Shakespeare-Liebesgedicht bietet und so etwa 80 bis 90% größere Lesergruppen für Shakespeare auf dem Umweg Deiner Nachdichtungen ermöglicht, da sich heterosexuelle Jugendliche und junge Erwachsene eher weniger durch Homoerotik, und sei es die Allernobelste wie von Shakespeare, ansprechen lassen.

Es sollte Deine Dichtung jetzt "nur" noch in die besten Englische-Literatureinführungsbücher für deutsche Studenten Eingang finden.

Bemühte mich um dasselbe Sonett bereits, wobei ich die  Homonmie des Originales so für die Nachdichtung beließ. Aus meiner Sicht ist nämlich gerade dieses "Rolls Royce-Sonett" so besonders, weil bereits damals auch von Willy selbst in seinen Dramen und Komödien, gegen Homosexuelle gewitzelt wurde und Homosexuelle in der Elisabethanischen Gesellschaft keine Anerkennung fanden. Sie wurden abgewertet bis Schlimmeres. So war das S.-Sonnet und der gesamte Zyklus auch diesbezüglich höchst politisch, mutig, edel und strategisch-prophetisch.

Kommentar geändert am 09.07.2021 um 10:04 Uhr
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