Der Glaube an Gott

Erzählung zum Thema Abschied

von  Mondscheinsonate

Dort.
Der Rabbi schlug fast täglich seine Frau, das tat er in der Küche. Die Frau war klein, der Rabbi groß, die Fenster waren offen, diese waren hoch, ich saß gegenüber, dazwischen ein Hof, ein Baum, allerdings mit wenig Blättern darauf. Zumeist geschah dies zwischen drei und vier Uhr in der Früh, da verlor ich den Glauben, den Glauben an Gott.
Ich konnte selten schlafen, schlief dann untertags, das war in der Pubertät, mir scheint, ich war 16 oder 17, vermutlich erst 15. Da saß ich die ganze Nacht auf dem Fensterbrett und las, die Mutter war selten da, die Wahrheit, ich wartete auf sie, doch, aber vergeblich. Und, dann sah ich hie und da von den Büchern auf und jede Nacht dasselbe Bild, die Mutter von R. schrieb an ihren Büchern, untertags hatte sie Klienten und gegenüber der Rabbi, der seine Frau schlug, die Schreie hallten durch die Nacht, jeder schwieg, aber, sah man sie auf der Straße, war sie dick geschminkt, das Blaue schimmerte durch, das Geschwollene konnte man nicht wegschminken, er schlug ihr ins Gesicht, sie wehrte sich nicht, hielt den rechten Arm gewinkelt zur Abwehr entgegen, es sah wie ein Warndreieck aus, ich sah es ganz genau, alles war hell erleuchtet, damals, um drei oder vier in der Früh.

Aber, es sagte nie jemand etwas, auch nichts, wenn ich um Essen bat, weil ich wieder tagelang alleine war, die Leute schwiegen, sagten nichts, gaben nur bereitwillig und schüttelten ihre Köpfe, aber nicht wegen mir und auch war es so, dass ich mehr Eis bekam als Daniel, mit dem ich immer spielte, wir waren gleich alt, die Alten, die wie aufgefädelt im Taubenschlag auf Bänken saßen, hatten Mitleid, sie saßen genau beim Eingang im Hof, damit sie jeden sehen konnten, perlenschnurmäßig nebeneinander. Frau Anders saß im Rollstuhl daneben, Frau Hess mit dem Kopftuch, immer, auch im Sommer, Frau Pfenning hatte den Gehstock zwischen ihren Knien geklemmt und stützte oft ihr Kinn darauf, Frau Oberbauer brauchte am meisten Platz, Frau Hess wippte auch immer mit dem Fuß, sie sagte, sie wandert lieber als den ganzen Tag zu sitzen, aber sie saß nur. Da saßen sie und ich setzte mich dazu und dann wurden sie weniger und weniger, irgendwann saß nur noch Frau Oberbauer mit mir alleine da. Das war traurig, so traurig, dass wir stundenlang schwiegen, bis die Traurigkeit ein wenig nachließ, dann starb auch sie und ich ging, als ob es Zeit gewesen wäre, das Ende der Kindheit.

Aber, da saß ich irgendwann nicht mehr am  Fensterbrett, der Wind sang durch die mageren Birkenblätter, den Baum liebte ich, sie haben ihn gefällt. Nein, ich hörte dem Geschrei nicht mehr zu, sah auch nicht mehr das Licht aus dem Zimmer von R.s Mutter, sondern saß mit R. und redete, zwischen drei und vier Uhr, wir hatten das Schlafen beide verlernt. 

Ich ging, ohne zurückzusehen, hob den Koffer in das Auto, stieg ein und der Bekannte fuhr los. Im neuen Leben konnte ich endlich schlafen, ich wartete auf nichts mehr.

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Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (26.08.21)
Ich überlege gerade, ob ich auch nichts sagen soll.
Es ist nur so, dass meine persönliche Lebensgeschichte, mich an einen Ort geführt hat, an dem ich ähnliches beobachten konnte.
Ein Säuferehepaar im Obersten Stockwerk.
Ich weiß nicht, ob jemand was gesagt hat.
Oder ob die Vergeblichkeit einer solchen Bemühung bereits etabliert war.
Nur einmal, sie kam mit einer Platzwunde am Kopf die Treppe runter, da riss der inzwischen verstorbene Mann der Sängerin vor den Augen des hinterher schleichenden Ehemanns einen Holzstuhl in Stücke und schrie ihn an, wenn du noch einmal....

 Mondscheinsonate meinte dazu am 26.08.21:
Spannend, erzähl davon, die Menschen müssen sowas lesen und hören und sehen, bis sie endlich handeln.

 DanceWith1Life antwortete darauf am 26.08.21:
Es hat nicht viel gebracht, zwei, drei Wochen war es eine Spur kleinlauter bei den beiden, dann ging das Gezeter und Geprügel wieder los.
Zum einen, lebten in dem Haus mehrere Wohngemeinschaften, die alle befreundet waren, der erwähnte Mann der Sängerin gehörte in diesen Personenkreis, wir waren also gemeinschaftlich "stärker", trauten uns also mehr.
Zum anderen, sie ist vor ihm gestorben, nicht an Verletzungen eher am Suff, und er führte danach ein stilles Leben.
Diese Aspekte sind uns allen klar, deswegen fällt es schwer, etwas zu tun.
Nichts destotrotz gehört Gewalt nicht in die Ehe und Erziehung, daran besteht kein Zweifel, inzwischen, da hat sich Allgemeinbildungstechnisch doch was getan, das war mal anders.
Das ist aber nicht das Element in solchen Problemen.
Da bin ich ganz bei Graec, es ist nicht ganz so einfach.
Bringt es was etwas zu tun, oder ist es besser zu schweigen?
Das geht an die Substanz, nicht wahr?
Ich will jetzt nicht labern, aber genau um diese Substanz geht es.

Antwort geändert am 26.08.2021 um 16:52 Uhr

 Regina (26.08.21)
Traurige, aber faszinierend erzählte Geschichte, die gar nicht so selten vorkommt und Fragen offen lässt. Warum schlägt er sie? Warum unternimmt keiner was? usw. Gruß Gina

 DanceWith1Life schrieb daraufhin am 26.08.21:
Ich hoffe, Mondscheinsonate hat genügend "Beziehungsrealismus" für eine Antwort die Sinn macht, denn die "Standardantworten" von Familienmitgliedern, Nachbarn, Freunden und Bekannten, greifen alle nicht.
Auch die fehlende Frage in deinem Kommentar, warum geht sie nicht einfach, deutet darauf hin.

Antwort geändert am 26.08.2021 um 16:20 Uhr

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 26.08.21:
Ich würde gerne offen und ehrlich antworten, doch die Ehrfurcht vor dem Allah da oben ist doch noch gegeben. Außerdem, ich würde Kraftausdrücke benützen. Das lassen wir lieber.
Warum unternimmt keiner was? Regina, weil das die Menschen selten machen. "Nur nicht anstreifen!"

 Graeculus ergänzte dazu am 26.08.21:
Warum geht sie nicht einfach?
Offenbar ist das nicht so einfach.

 Regina meinte dazu am 26.08.21:
Ich verstehe diesen Kommentarkommentar von Dance nicht. Er macht keinen Sinn, die Standardantworten (welche meinst du?) nicht, und die sogenannt "fehlende" Frage ist durch "usw." abgedeckt.

Antwort geändert am 26.08.2021 um 16:31 Uhr

 Graeculus meinte dazu am 26.08.21:
Es ist gut, wenn Literatur die Leser dazu bringt, Fragen zu stellen. Sie muß nicht auch noch Antworten liefern. Texte, die Lesern das Denken abnehmen wollen, sind peinlich.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 26.08.21:
Obergscheit, ja, außer Sachtexte, von denen erwarte ich Antworten.

 DanceWith1Life meinte dazu am 26.08.21:
@ Regina
sorry, das usw. hab ich etwas überlesen, "Standard" nenne ich alle Antworten, die nicht die ganze Verzwicktheit von solchen Abhängigkeiten mit einbeziehen. Also das "äussere" und "innere" solcher Beziehungen/Abhängigkeiten z.B. ist da nicht so einfach kommunizierbar, anders wird es, wenn jemand Bestandteile der Abhängigkeiten kennt, aus Erfahrung, alles andere wirkt selten.
Insofern, weiß ich noch nicht, wo ich dein "Nichtverstehen" jetzt verstehen soll.
Aber du wirst es mir sicher gleich offenbaren.

Antwort geändert am 26.08.2021 um 17:31 Uhr

 Regina meinte dazu am 30.08.21:
Nein, mir fällt nix mehr ein.

 Graeculus (26.08.21)
Die Anekdote ruft unweigerlich eigene Erlebnisse in Erinnerung. Damals, ich war knapp Mitte 20, hat ein Mann in der Wohnung über uns seine Frau verprügelt, und als wir auf das Geschrei hin in den Hausflur gingen, sahen wir, wie die geschlagene Frau weinend, vielleicht auf verstolperter Flucht, die Treppe herabrutschte.

Was haben wir unternommen? Nichts.
Einige Zeit später kam die Polizei, als der Mann nämlich mit einer Pistole auf die Straße feuerte.

Nein, wir haben nichts unternommen.
Aber was unternimmt Gott?

Heute unternähmen wir etwas. Hoffentlich.

 Ralf_Renkking meinte dazu am 26.08.21:
Abhängigkeit

Ohne den Gläubigen
ist Gott ein Nichts.

🤔

 Mondscheinsonate meinte dazu am 26.08.21:
Ich auch, Graec. Aber, sowas von.
War der Typ gläubig oder nur scheinheilig?

Antwort geändert am 26.08.2021 um 16:45 Uhr

 DanceWith1Life meinte dazu am 26.08.21:
@Graec
der hatte ne Pistole und ihr habt nichts getan ohne davon zu wissen?

 Graeculus meinte dazu am 26.08.21:
Daß er eine Pistole (Schreckschußpistole?) hatte, haben wir - natürlich - erst bemerkt, als er in seinem Suff damit aus dem Fenster geschossen hat. Dann war aber auch sehr schnell die Polizei vor Ort.
Es war ja nicht so, daß wir den Typ gekannt, also daß wir abends mit ihm Karten gespielt hätten.

 Dieter_Rotmund (27.08.21)
Ist hier allen klar, dass dort oben "Erzählung" steht, der Text also Fiktion ist?

 Willibald meinte dazu am 27.08.21:
Ne, das ist mit einiger Sicherheit "Faction".

 Ralf_Renkking meinte dazu am 27.08.21:
Zwar enthalten auch faktuale Erzählungen fiktionale Elemente, sind jedoch in erster Linie an der Realität ausgerichtet; da die Autorin keine eindeutige Aussage dazu macht, kann der Leser es sich aussuchen, ob er diese Geschichte als faktual oder fiktional einstuft, Mondscheinsonate allerdings geht in ihren Rekomms auf die sich an der Faktualität orientierenden Leseeindrücke ein, insofern dürfte sich Deine Frage sogar schon im Vorverlauf erledigt haben, Dieter; immer nur Wurst ist auch Käse, daher empfehle ich Dir z. B. die "Einführung in die Erzähltheorie" von Matias Martinez und Michael Scheffel. 😉👍

Ciao, Frank

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 27.08.21:
Ja, da hast Du schon recht, aber mir gefällt einfach nicht, dass die Grenzen verschwimmen. Da kommen bei solch einem Text dann nur noch Betroffenheitskommentare und wenn man über Erzähltheorie o.ä. diskutieren will, dann wird man quasi niedergebrüllt. Oder, noch schlimmer, die beknackte Replik "Aber gernau so ist es gewesen!" (nicht jedoch bei MSS, die ich davon ausdrücklich ausnehme).

 Dieter Wal (24.09.21)
Das Gute an Gott liegt normalerweise darin, dass es von Abhängigkeiten befreit. So ist der Auszug aus Äpypten gemeint, so sind Christi Wunderheilungen gemeint, und genauso ist es gemeint, wenn Gläubige von selbst erlebten Wundern mit ihrem Gott sprechen, da geschah etwas, das so unwahrscheinlich für Ungläubige sein muss, dass Gläubige sagen: "Das hat Gott für uns gewirkt, weil er für uns da ist."

Dass Menschen, die Ungerechtigkeit und Leid erleben, ihren Kinderglauben verlieren, also ihre leider für Erwachsene falschen Vorstellungen einer grundsätzlich immer heilen Welt mit Gott, verstehe ich.
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