Was soll man fühlen?

Erzählung zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

§201, §§15, 218, §83 StGB, Österreich, Freiheitsetziehung um den Beischlaf zu vollziehen, versuchte  Vergewaltigung, Körperverletzung. Ich weiß seit damals, wie stark man sein kann, nein, ich. Ich kannte den Täter gut, wir waren täglich beisammen, er war mein Nachbar, ich sah ihn als Ersatzvater, meiner gründete zu der Zeit eine neue Familie.
Nun, er war betrunken, das war er immer, spätestens nach dem vierten Glas Whiskey. Er stand auf, ich saß bei seinem Computer, spielte, er ging zur Eingangstüre, drehte den Schlüssel um, ich hörte es, war aber zu vertieft ins Spiel, zog ihn ab und versteckte ihn. Dann ging er zu mir und hauchte etwas Schmieriges in mein Ohr, ich erstarrte, bewegte mich nicht, das machte ihn wütend, er befahl mir aufzustehen, nein, ich bewegte mich nicht, da zog er mich an den Haaren zu Boden, ich schrie aus Leibeskräften, aber das Schreien machte ihn noch aggressiver, er zerrte mich am Arm über den Holzboden, ich strampelte, schlug mit dem anderen Arm aus, aber ins Leere, zerrte mich ins Bett und öffnete seinen Schlafrock, ich spuckte ihm ins Gesicht, strampelte, er schlug auf mich ein, ich dachte nichts, nichts denkt man da, man wehrt sich nur, ich erwischte seine Hoden mit meinem Knie, da ließ er ab und weinte, krümmte sich zusammen wie ein kleines wimmerndes Kind vor Schmerz und dann kam die Ernüchterung und mit der die Scham. Ich stand auf, schrie, wo der Schlüssel sei, er antwortete nicht, ich lief zur Tür, rüttelte weinend daran, schrie, die Hysterie kam heraus, ich hörte mich selber Schreien, diese Schreie, er kam gelaufen, nahm den Schlüssel von einer Stellage und sperrte auf, ich stürzte davon, nur ein Stockwerk tiefer. Ich lief in die Dusche und duschte, hörte lange nicht damit auf, mir tat alles weh.
Im Bett kauerte ich mit nassen Haaren, zitterte, hörte seine Schritte über mir, konnte nichts denken.

Die Anklage wurde, trotz Amtsarztuntersuchung fallen gelassen, er war eine Person des öffentlichen Lebens, man drehte an den Rädern, ich auch, ich brauche noch ein paar Jahre, lerne.

Die Nachbarin erzählte mir vor zwei Wochen, dass er im Sterben liegt, der Arme.
"Der Arme," sagte ich trocken.
Ich fühle nichts.

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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (18.10.21)
Da soll man nichts fühlen, da muß man auch nicht verzeihen. Oder so wie Heinrich Heine: "Gerne will ich meinen Feinden verzeihen, aber nicht, bevor ich sie hängen sehe."

 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.10.21:
Korrekt.
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