Fondamente Nove (Teil 1: Corte Berlendis)

Erlebnisgedicht zum Thema Nähe

von  FRP

Hier, wo einst Friedrich Nietzsche wohnte
da gibt es das lange, schönste Ufer
mit Steinen bepflastert, so gleich und doch Gegen-                                                              Stück der Riva degli Schiavoni, zum Glück
ist alles hier einsam und wunderbar:
kaum Menschen, nur ab und an und dort und da
zum Verweilen lockt eine Osteria.

Ganz entlang dieses Wegs grüßt die Friedhofsinsel
gleich einem Traum, von Böcklin gemalt,
wieder und wieder gilt ihr mein Blick
stets sie zu sehen war auch Nietzsches Glück
Hier legen die Boote zu Inseln ab
Murano, Burano, Torcello, zum Grab
von Igor Strawinsky und Ezra Pound
doch heute verweile ich hier drüben
will mich an Friedrichs Ufer üben.

Dann seh‘ ich ihn plötzlich neben mir gehen
wir bleiben auf jeder Brücke stehen
wir sagen kein Wort, mit dem Blick in die Ferne
nach San Michele, und dem Grün da drüben
hinter rotem Mauerwerk, gezäunt
wo mancher in Stille und Frieden träumt.

Nietzsche sieht schlecht, mit dem Stock prüft er Stufen
der Brücken, und mit gespannten Ohren
kein Ton in den Schluchten aus Wasser verloren
erlauschend sich Tiefe, Sinn und Esprit
in der Miniatur war er ein Genie
doch der Übermensch entsprach seinem Kranksein
auf Abkehr vom Mitleid lass dich nicht ein
seine Einsamkeit ist es, in der ich mich finde
die Kritik an der Zeit, ihrem Geist, das Gewinde
von Völker eitler Staatspolitik
die Liebe zu Wagner, der Hass dem Wagner
das einer gefangen auf Kreta ist
wo ihn nie Ariadne findet und küsst.
So denk ich, so sag ichs dem Wind,
ein Hauch den Kanälen, und lind,
doch Nietzsche ist fort, mag sein, er entschwand,
weil er mich solcherart ungenügend fand.

Jäh stehe ich am Rio dei Mendicanti
hier war es, wo Friedrich Nietzsche wohnte
ich suche die Fenster, die Nummer die Häuser,
am Rio lockt mich ein „N“, schon denk‘ ich: aha!
Doch gilt es auch Friedrich, Napoleon gar?
Doch nur prosaisch zeigt man an:
Das Wasser-Taxi des Nachts legt hier an!
Kein Zeichen seines Gedenkens grüßt mich,
Ich steh vor den Türen im Corte Berlendis,
hier ruhte er aus am wenn der Tag zu end‘ ist
hier schrieb er seine Gedanken danieder,
in einem Saal, dessen spanische Wand
die man kürzlich in den Tiefen des Kellers fand
ihn vor allzu-menschlichem, fremden trennte,
Der Häuser zwei, ich lass‘ Forscher streiten,
ob Merati, Berlendis, was näher der Riva
dünkt mich das seine, dies' mochte er leiden.
.
Ganz furchtbar verfallen das Nietzsche-Haus
in der Cale Berlendis,
doch schauen noch ein Herr zum Fenster raus
in questa casa un filosofo tedesco
volta viveva, ruf' ich ihm zu
Lo sappiamo – so erklingt mir die Antwort im nu
man kennt ihn hier noch, darob bin ich froh.

Der Mittelgang bricht schon entzwei,
ohne Hilfe ist es wohl bald vorbei
mit diesem stillen Nietzsche-Ort
doch fehlen die Orte, gibt es trotzdem sein Wort.
Ich grüße Nietzsche, ich nehme Abschied
und leise hauch ich sein Gondellied.
Dann gehe ich sinnend zum Arsenale,
und vorher passier‘ ich das Ospedale


(Venedig, 17.08. 2021)

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