Herr K. oder wie der Wasserstoff ihm sein Leben nahm

Tragikomödie zum Thema Zukunft

von  wa Bash

* (Situationskomik, um den Leuten die Angst vor dem Wasserstoff zu nehmen)



Herr K. hat ein bewegtes Leben hinter sich. Die Betonung liegt auf „hinter sich“, da der gute Mann erst vor kurzem verstarb. Wie es dazu kam, werden Sie sich fragen. Dies ist in Kürze sehr einfach erklärt. Er verschluckte sich an einem Glas Wasser und ertrank. Beginnen wir aber von vorn.

Die Abneigung von Herrn K. gegenüber Wasser ist seinem zarten Alter von drei Jahren zu entnehmen. Während einer Bootstour kenterte die Familie und der Junge K. fiel in den nasskalten See. Dieser einprägsame Moment führte zu einer Aversion gegenüber der Flüssigkeit sowie allem, was mit dieser in irgendeiner Weise in Verbindung steht, beziehungsweise stand (der gute Mann ist ja schlussendlich tot). Der arme Herr K. sah sich infolgedessen einer abstrusen Situationskomik ausgeliefert, sobald er das Wort Wasser fühlte, sah, roch oder hörte. Unter Fachkreisen wird dieser eingeschliffene Affekt hochgradig affiner Trigger genannt. Es spielte demzufolge keine Rolle, ob es das Regenwasser war, welches auf ihn nieder tropfte, er Wasser trank oder ähnliche Begriffe wie Wasserstoff hörte. Es zählte einzig und allein das Wasser, welches bekanntlich als Silbe auch im Wasserstoff enthalten ist. Wasserstoff hatte demzufolge das gleiche Potenzial beziehungsweise selbige Sprengkraft, die ihm Wasser bereits seit Anbeginn seines Erinnerungsvermögens bescherte. Dem Artikel in der Boulevardzeitung auf Seite 2 WIR STEHEN AM RAND EINER KATASTROPHE. DAS ENDE DER WELT IST NAH konnte Herr K. demzufolge nur müde beipflichten. Sein Kopf sprach nunmehr Bände. An besagtem Tag, so die Gerichtsmedizin, müsste Folgendes aus unerklärlichen Gründen vorgefallen sein:

Der von der Zeitschrift selbst etwas spitz formulierte Artikel auf Seite 2 vom 31. Dezember 1999 – mit der bereits zuvor erwähnten Überschrift – handelte zusammenfassend über das Ende der Sonne. In ihrem Kern, so die wissenschaftlich anerkannte Lehrmeinung, wird bei einem chemisch/physikalischen Prozess namens Kernfusion stetig Wasserstoff in Helium umgewandelt. Dazu ist nicht nur ein enormer Druck, sondern auch eine hohe Temperatur von über 15 Millionen Grad Celsius notwendig. Bereits der erste Satz mit dem Wort „Wasserstoff in seinem Kern“ führte in Herrn K. gleichermaßen zu einer Drucksteigerung, die sein rot glühender Kopf zunächst unter den Voraussetzungen der Lesespannung ignorierte und sich zu einem roten Gesichtsballon manifestierte. Wasserstoff, da war es wieder dieses unangenehme Wort, welches sich überlebensgroß in sein Hirn zimmerte. Die Schläfen pochten bereits doch Herr K. las mutig weiter. „Während sich das Helium im Kern der Sonne ansammelt, verdichtet sich das Helium, was den Druck weiter steigen und anschwellen lässt“. So weit, so gut, dachte sich Herr K., dies ist nicht weiter ungewöhnlich und las weiter. „Seit ihrer Entstehung, vor etwa 4,6 Milliarden Jahren ist die Sonne bereits um 40 Prozent heller geworden“. Herr K. begann zu schwitzen, alles erschien ihm irgendwie heller und die Schweißperlen rannen ihm in schweren Sturzbächen von der Stirn. „Wasserstoff“ las er „wird brennen und die Erde erwärmen“. Scheiß auf die Erde, dachte er sich, was wollen die immer mit Wasserstoff. „Die Elementhäufigkeit des Elementes mit der geringsten Atommasse Wasserstoff ist mit 3,18 mal 10 hoch 10 Teilchen im Universum am höchsten“. Was soll der Quatsch, dachte er sich und sein Kopf wuchs zu einer beachtlichen Größe an. Herr K. spürte nicht einmal mehr den Druck, er wollte, dass dieses blöde Element endlich verschwand. Aus dem Universum sozusagen verschwindet, für immer und ewig.

Je mehr er sich reinsteigerte, desto aufgeblähter wirkte sein Kopf. Aus seiner Nase und den Ohren trat Dampf und er hörte bereits das Wasser rauschen. Die Zeile „in 6,3 Milliarden Jahren ist die Erdoberfläche steril und der gesamte Wasserstoff der Sonne verbrannt“ gaben ihm den Rest. Er sah sich wie eine Sonneneruption explodieren, sein Kopf schien fast zu zerbersten, sodass er in seiner Verwirrtheit zu einer Flüssigkeit griff, was er bei vollem Bewusstsein nie getan hätte. Er versuchte seine ausgebrannte Kehle mit Wasser zu löschen. Als er realisierte, was er soeben tat, verschluckte er sich und fiel tot um. Dies war sein Ende und DAS ENDE DER ERDE WIRD KOMMEN, war sein letzter Gedanke.

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (07.09.21)
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