ZJ 21: Wer besser ist

Aufruf zum Thema Urteilsvermögen

von  Terminator

Narzissten halten sich für besser als andere. Aber sie machen sich auch große Mühe, den Anschein zu erwecken, gute Menschen zu sein. Dagegen legen gute Menschen keinen Wert darauf, für Narzissten gehalten zu werden, im Gegenteil erfüllt sie der Gedanke, durch ein Missverständnis für einen Narzissten gehalten zu werden, mit Abscheu.

Kommentare zu diesem Text


 Ferdi (30.09.21)
Dem stimme ich nicht zu. Einen wahrhaft guten Menschen, der sein Handeln nicht dem Anschein unterstellt, den es bei anderen erwecken soll, erfüllt ein solches Missverständnis nicht mit Abscheu, nur mit ehrlichem Erstaunen und je nach Gegenüber mit Betrübtheit oder Belustigung.

 Terminator meinte dazu am 30.09.21:
Beim ersten Mal, ja. Aber wenn der gute Mensch länger auf dieser Welt lebt, und ihm ständig unterstellt wird, er wolle bloß den Anschein erwecken, d. i. er sei kein guter Mensch, sondern bloß ein Gutmensch, dann verabscheut er bald diese "aufgeklärten Skeptiker", die nur das Schlechte sehen wollen bzw. es unterstellen, wo sie es nicht sehen.

 Ferdi antwortete darauf am 30.09.21:
Als wahrhaft guter Mensch kann er es aber nicht aushalten, andere auch nur in Gedanken abzuwerten oder zu verabscheuen, das ist die Krux an deiner Argumentation. Er kann Verhaltensweisen verabscheuen, aber nicht die Menschen, die sie anwenden. Seine Wut, Trauer und Enttäuschung wird er nicht in Verachtung umwandeln, sondern in den Eifer sich in seinem Verhalten von diesen Menschen abzugrenzen.

 Terminator schrieb daraufhin am 01.10.21:
Wir haben unterschiedliche Zugänge zu Moralität/Ethik: du über extravertiertes Fühlen, ich über introvertiertes Fühlen. Mit Aussagen wie z. B. "Gott hasst die Sünde, aber nicht den Sünder" kann ich nichts anfangen, denn die Sünde selbst ist keine Person, sie hat keinen Willen, sich selbst zu begehen.

Der böse Wille ist eine freie Entscheidung einer Person, die sich durch diese Entscheidung mit dem Bösen identifiziert und somit selbst böse wird. Den Willen zu verabscheuen, aber den Willensträger nicht, hat zur Voraussetzung, den Menschen ihren (freien) Willen abzusprechen und sie wie Kleinkinder zu behandeln.

Nächstenliebe ohne Ansehen der Person wird durch kognitive Empathie (extravertiertes Fühlen) geleistet. Die Person als freie selbstbestimmte moralische Person ernstzunehemen, passiert durch affektive Empathie (introvertiertes Fühlen). Im ersten Fall wird die Person als von seiner eigenen moralischen Schuld getrenntes unmündiges Kind gesehen, im zweiten Fall werden die Umstände vernachlässigt und die Person wird ganz mit ihrem Willen und ihrer Schuld identifiziert. Beide Einseitigkeiten gilt es zu überwinden. Aber wenn ich mich zwischen Jesus (Nächstenliebe) und Buddha (Eigenverantwortung) entscheiden muss, dann betrachte ich die Menschen wie Buddha.

 Ferdi äußerte darauf am 01.10.21:
Du packst hier mehrere Denkschritte in einen, bzw. schlussfolgerst z.B. Empathie, wo ich von Empathie nicht gesprochen

Ich glaube im Gegenteil, das der wahrhaft gute Mensch eigentlich einen Mangel an Empathie dem Bösen gegenüber hat, einen totalen Mangel sogar, wenn wir Empathie im Wortsinne als Einfühlungsvermögen betrachten und nicht als seichtes Schlagwort für oberflächliche Freundlichkeit. Der gute Mensch kann das Böse und menschliche Gefühle, die vom Bösen gespeist sind (Eifersucht, Neid, Verachtung usw.) nicht nachfühlen und gedanklich nicht nachvollziehen. Daher kann er auch kein Verständnis für sie haben und derartige Handlungen rechtfertigen. Sie sind seinem Wesen von grundauf fremd. Er steht davor wie der Ochs vorm Berg.

Anders als der Durchschnittsdeutsche wird er z.B. kein Verständnis für den Opportunismus der Mitläufer des 3. Reichs haben, deren Weigerung Verantwortung für die Menschlichkeit zu übernehmen, ohne überzeugt zu sein, das Richtige zu tun, sogar noch schändlicher wahrnehmen als das Handeln des gläubigen Nazis.

Der junge gute Mensch wird mittelbar daran verzweifeln, da er ohne Verständnis auch keine Lösung sieht. Letztendlich wird er sich auf seine Selbstverantwortlichkeit berufen, d.h. auf die Konstruktivität, zu der er sich auf Lebenszeit verpflichtet fühlt. Diese schließt das eigene Generieren von Verachtung aus, es ist eine destruktive Kraft, die er nicht moralisch, sondern intuitiv ablehnt, weil sie ihn vom Wesentlichen ablenkt.

Zur Verdeutlichung: ein wahrhaft guter Mensch erwartet im Gegensatz zum Narzissten keine Dankbarkeit oder Ansehen für seine guten Taten und Leistungen für die Menschen. Die Verkennung als Gutmensch wird ihn als jungen Menschen schmerzen und ihn vielleicht sogar für eine Zeit in Selbstzweifel stürzen. Seine Selbstverantwortlichkeit wird ihm Selbstmitleid jedoch verbieten und zur peinlich genauen Hinterfragung seiner Motivationen und Handlungen anstiften. Der so gereifte gute Mensch wird es in Kauf nehmen missverstanden zu werden und sich schulterzuckend von Missverstehenden abwenden, aber keine Zeit und Kraft darauf verschwenden, die er in die Generierung des Schönen und Guten stecken möchte. Mit Freud gesprochen wird er lernen zu sublimieren.

 Terminator ergänzte dazu am 03.10.21:
Empathie, als Fachbegriff gebraucht mit der Unterscheidung kognitive/affektive, als "seichtes Schlagwort für oberflächliche Freundlichkeit"? Aber in der Tat kann der gute Mensch die Motivation z. B. eines Narzissten nicht nachempfinden. Es sei denn, er ist ein Empath, der ein besonders ausgeprägtes Einfühlungsvermögen hat.

Für meine Dichotomie war dieser Satz entscheidend: " Er kann Verhaltensweisen verabscheuen, aber nicht die Menschen, die sie anwenden". Wer die Tat verabscheut, verabscheut auch den Täter, so meine Empfindung, aber es geht auch anders. Ich verstehe es eher, wenn jemand gar nicht verabscheut, sondern nur befremdet ist (was man nicht nachfühlt, kann man nicht verabscheuen; wer nicht den Impuls, zu erniedrigen und zu töten, selbst verspürt, kann die Nazi-Täter nicht so tief verabscheuen wie jemand, der solche Emotionen, vielleicht durch Kindheitstraumata, selber kennt).

Wo wir bei der Tiefepsychologie angekommen sind: es gibt den naiven Guten, der das Böse nicht kennt, und darum nicht versteht, und es gibt den aufgeklärten/lebenserfahrenen Guten, der das Böse in sich kennt und darum auch in anderen erkennt. So jemand "integriert seinen Schatten". Dann unterdrückt er aber auch nicht Empfindungen wie Verachtung, Ekel und Abscheu gegenüber dem Bösen.

 Augustus (30.09.21)
Bei der schieren Unendlichkeit des Universums ist es verwunderlich, wie denn ein Narzisst sich als der Mittelpunkt des Universums denkt, das sich um ihn dreht, obgleich dieser Standpunkt widerlegt wurde, ist es ein Auswuchs des Mittelalters, das in die Moderne und Postmoderne hineinwirkt.

Salve

Kommentar geändert am 30.09.2021 um 20:12 Uhr

 Terminator meinte dazu am 30.09.21:
Der Narzissmus könnte biologisch-psychologisch betrachtet, die Extremform des Selbsterhaltungstriebs (Egoismus) sein. Das Gegenteil des Narzissmus, der Idealismus, könnte der weiterentwickelte Arterhaltungstrieb sein. Bei Egoisten/Narzissten heißt es immer: "Ich! Ich! Ich!", bei Idealisten aber "Kinder! Menschheit! Zukunft!"

Das würde auch erklären, warum der Narzisst sich eher mit seinem Sexualtrieb und der Idealist sich mit seinen Beschützerinstinkten identifiziert.
Zur Zeit online: