Texas Instruments

Kurzprosa

von  Palytarol

Texas Instruments


Sozialhilfeempfänger Reimund K. musste mit knappen Mitteln trostlos lang währende Kalendermonate bändigen und war kaum in der Lage, sich eine Personenwaage anzuschaffen, ohne die nicht wenig absurde Situation heraufzubeschwören, seinen Kühlschrank nurmehr ein Vakuum vor der Verderbnis bewahren zu lassen.
Dabei nagte an Sozialhilfeempfänger R. Krümpel dringend der Wunsch, zu ermitteln, wie es um sein Gewicht bestellt sei. Anlässlich gelegentlicher Badezimmerbesuche nämlich, redete der hier abhängende Spiegel ihm von gewissen Unwuchten am Krümpelschen Leibwuchs, dort, in dieser fensterlosen Feuchtzelle, welche bis auf Brusthöhe mit jenen moosgrünen Kacheln versehen war, die Heimwerker schon in den Achtzigerjahren angewidert von den Wänden Frischverstorbener kratzen.
So ersann er sich eine List; denn, lag auch eine Personenwaage außer Reichweite, fand sich doch eine Küchenwaage in seinem Haushalt, die bauartlich immerhin alljedes unterhalb von fünf Kilogramm zu wiegen befähigt war.
Die List des Sozialhilfeempfängers Reimund bestand nun darin, sich mittels geeigneten Werkzeugs gleichsam zu quantifizieren, wobei die Teilmengen entsprechend ein geringeres Volumen als fünf Kilogramm aufzuweisen hatten.
Final wollte er die erwogenen Partien aufaddieren, um dieserart zu erfahren, was er denn wohl wöge.
Hierzu mochte dem mäßig begabten Kopfrechner sein Texas Instruments TI-30 aus alten Schultagen eine Hilfe sein.

So machte er sich also ans Werk.

Tage später fand man Krümpel leblos in seiner Küche vor.
Auf dem Fußboden, aus einer Lache halbgeronnenen Blutes, umgeben von teils beschrifteten Klarsicht-Beuteln ragte die Waage empor wie aus einem Lavasee.
Darauf, auf einem Sockel gleich thronend, befand sich Sozialhilfeempfänger Reimund Krümpels Haupt und die Waage am Anschlag.

Kommentare zu diesem Text


 toltec-head (02.10.21)
Naja. Sozialhilfe gibt es also schon lange nicht mehr. Bin jetzt gerade zu faul zu googlen, ob es Herrn Genazino noch gibt. Ich weiß, ich weiß... Wenn man einmal in den Kohl-Jahren drin war, ist es schwer jemals noch mal rauszukommen. Aber sollten wir es nicht wenigstens in unserer Prosa anpeilen? Scheib mal was zur Verteidigung der Springer-Presse.

Kommentar geändert am 02.10.2021 um 10:18 Uhr

 Palytarol meinte dazu am 02.10.21:
Doch, gibt's noch, du Dödel - H4 für Rollatøre …
P.

 toltec-head antwortete darauf am 02.10.21:
Genazino meinst du jetzt?

 Palytarol schrieb daraufhin am 02.10.21:
Alles zwischen 17,9 und 19,1 cm?

Hier geht es doch um Denkmalspflege!
Nicht um Hannover!

 unefemme (02.10.21)
Eine feine Arbeit.
Ein Mensch muss Ziele haben, gleich, in welcher Situation sorgsam mit sich umgehen!
Ich meine allerdings, der Reimund hätte doch auch nur die Unwuchten beschneiden können, eigentlich, dann hätte er doch wieder eine gute Figur gemacht?
Wie geht es denn den Nachbarn?
LG

 Palytarol äußerte darauf am 02.10.21:
Tag femmarie,
ein Text ist ja kein Wunschkonzert und das das Leben kein Ponyhof.
Denn die sind alle tot. Dahingemeuchelt von eifersüchtigen, militanten Einhörnern.
Ich kann's ja auch nicht ändern.
P.

(Die Nachbarn sind okay. Nachbarn sind immer okay. Nachbarn werden das letzte sein, was es noch gibt, wenn Trümmer rauchen und Blut rinnt.)

 DanceWith1Life (02.10.21)
endlich hat mal jemand erklärt, wie sich kopflastig zu sozialhilfe verhält, hat mit schon immer interessiert.

 Palytarol ergänzte dazu am 02.10.21:
Kunst und Sozialhilfe steckten schon immer unter einer Decke ..

 TassoTuwas (02.10.21)
Verehrter Herr Paly,
diese Geschichte liest sich für den anspruchslosen Leser sehr angenehm. Nicht aber für den ambitionierten Literaten, der das versteckt eingebaute Sprachfeuerwerk natürlich sofort erkennt! "Was (er) wohl wöge", Alliteration vom Feinsten. Was sofort zu der Vermutung führt, ob Reimund K. "Wahrscheinlich (in) Wien wohnt". Dies könnte aber auch auf der Autor zutreffen, womit sich der morbide Charme der Handlung leicht erklärt. Man wird weiter in Oberösterreich recherchieren und verbleibt beeindruckt. LG TT

 Palytarol meinte dazu am 05.10.21:
Wussten Sie, Tasso, dass, wenn der Berg Schatten wirft, wir ihn einfach zurückwerfen?
Nein, nicht den Schatten..
P.
Tod (56)
(04.10.21)
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 Palytarol meinte dazu am 06.10.21:
Ja, werter Tod, ja, Sie haben den längsten
Mikrob. Und der 'Compaq Contura 410' -
was hätte ich nicht drum gegeben!
Hätte ich gewusst, dass es ihn gibt.
Nun, CC410 her, TI-30 hin, wobei letzterer, was auch Sie zugeben dürften, eher nach dem Terminator klingt - keines dieser Gerätschaften spielt in diesem Text eine vordere Flöte, der Titel lehnt, für Kenner leicht ersichtlich, an der Hooperschen Motorkettensäge.
Insofern wirken Sie doch etwas arrogant, besserwisserisch und überheblich sowie herumirrend - denn letztlich spielt jedwedes Device hier, von der Küchenwaage abgeschaut, eine Nebenrolle, wobei ich mich wiederhole.
Gemeinsamer Nenner:
'man sollte mit der Zeit gehen, sonst endet sie irgendwann'
Ich würde noch in aller Bescheidenheit anfügen:
Sonst wird sie nie enden.
Tod (56) meinte dazu am 07.10.21:
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