Verbrechen wider Willen XVIII. - Angebisst werden, wenn alle zusehen

Erzählung zum Thema Rache

von  pentz

Angebisst werden, wenn alle zusehen

Außerdem und wenn schon. Ha, alle hatten Federn lassen müssen, zweifelslos. Der Punkt war nur der, wie man mit diesem Leiden umging. Und da hatte er in seiner feigen Art, Du gehst mich nichts an, von mir aus können sie Dich Tag und Nacht mißbrauchen und notzüchtigen, alles zerstört und zerbrochen zwischen ihnen...
Dafür forderte sie Genugtuung, Widergutmachung, Bezahlung, aber nur in ihrer Währung. Mit Blut würde er bezahlen müssen, ihretwegen auch bis in den gesellschaftlichen, existentiellen Ruin und Zerstörung hinein, dieser Egoist. Nicht mehr war sie dessen dumme, kleine Krankenschwester mit Aufblick zum großen Gott Chefarzt, die sich Hoffnungen machte wie diese dummen Gören in diesen Groschenromanen. 
„Du hast mir längst nichts mehr zu sagen,“, schrie sie ihn ins Gesicht. „Die Zeiten sind vorbei, daß ich Dich respektierte!“
„Was, was sagst Du da Dummes!“, und er stieß sie hinter ihr auf das Möbelstück in der Nische, auf dieses quaterförmige Sitzpolster. Die Nische war von Vorbeigehenden wegen großer exotischer Topfpflanzen nicht einsehbar, zumindest nicht, wenn man nicht senkrecht davor stand. Ein ideales kleines Versteck, um sehr privat und intim zu werden oder wie jetzt, Tacheles zu reden. Er setzte seine Knie auf ihren Bauch, die quer über das Polster lag, die Arme in die Taille gestemmt und schaute von oben herab auf sie hinunter: „Wie, was welche Zeiten? Als ob Du nichts davon gehabt hättest vom Bumsen, Du!“
Er merkte, er war zu laut geworden, senkte die Stimme und setzte damit fort, was es nur noch dringlich zu sagen gab, aber eindringlich und leise. „Wenn Du nicht Ruhe gibst, wirst Du mich kennenlernen!“
Plötzlich hörte man ein Quietschen. Es war die sich öffnende Tür der Sakristei anbei, der kleinen Kapelle des Krankenhauses. Wie von Geisterhand kamen ein Sarg herausgeschoben, hinterher ein zweiter und die wurden in den sich verflüchtigenden, schallenden Korridor zur Pathologie hin geschoben. Aus dem Hohlraum des Korridors kamen Fahrgeräusche echogleich und zweiversetzt zurück.
Sie warteten und lauschten diesem Geräusch, bis, was sie kaum sehen konnten, die Särge hinter braunen Schiebetüren verschwanden, die zusammengeschlagen wurden, als es das schaurige Schauspiel beendete. Mit diesem sehr dunklen Schlag, als wär es ein Startsignal, wandten sich beide wieder einander zu, wie zwei Ochsen, die den Kopf zum Kampf senkten.
„Du hast doch Deine Rache gehabt. Die Gauner sind tot. Was willst Du noch?“
„Dich! Dich will ich treffen!“, schrie sie ihn keine Sekunde zögernd an.
Erschrocken tat der Arzt seine Knie herunter, sie sprang auf, lief an ihn vorbei, um die Flucht zu ergreifen. Inzwischen hatte er sich wieder gefangen und brüllte ihr nach: „Du wirst ja sehen. Ich habe Dich gewarnt!“
Sofort machte sie eine Kehrtwendung und erwiderte im gleichen Tonfall: „Ja, das werden wir ja sehen!“
Der Arzt stand allein gelassen da und schäumte, fauchte und dampfte sprichwörtlich vor Wut, wobei seine Arme an seinem Körper als Zeichen der Hilflosigkeit herunterhingen, aber seine Hand, als Zeichen seiner Entschlossenheit, zu einer Faust geballt.
„Damit wirst Du nicht durchkommen!“, schrie er sich selbst zu. Sie war schon um die nächste Ecke verschwunden. Das Echo seiner Worte hallte in den langen, hohlen Räumen des Krankenhaustraktes wider, so daß sich der Arzt dabei auf einmal sehr einsam vorkam.
Doch einen Zeugen hatte er, wenn auch widerwillig und unvorhergesehen, den Priester, der aus der Kapelle mit seinem großen schwarzen Talar heraustrat und nun den Schreihals mit einem entgeisterten Blick anstierte. 
Der Arzte drehte sich rasch um und starrte ostentativ aus dem Panoramafenster. Zum Glück vernahm er nach wenigen Sekunden das sich verflüchtende Rauschen eines Stoffes auf blankem Boden, begleitet mit einem leichten Hüsteln.
Ein großer, hutförmige Hügel. Auf dem Plateau lugten verdeckt hinter Bäumen Burgmauern hervor. Auf den Abhängen sah man große, dürre, kahlgeschorene Bäume des Herbstes, die ihre große Schatten auf den sie begleitenden Schotterweg warfen. Über allem stand der goldene Vollmond in einer seltenen Schärfe, glasklar und funkelnd wie ein Diamant.
Der Arzt schaute lange in ihn hinein, hypnotisiert, fühle sich sehr allein, mit einem Mal wurde ihm klipp und klar, was zu tun war.

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