Alterspubertät

Kommentar zum Thema Allzu Menschliches

von  Agnete

Alterspubertät

Wenn Jugendliche in die Pubertät kommen, ist das eine schwierige Angelegenheit. Sie sind mit sich selbst nicht im Reinen. Auch ihre Haut nicht. Aus ihr möchten sie nun raus, Saftige Pickel sprießen im Gesicht, die man entweder in Demut gelb und fleischig werden lässt oder die Mutter in einem Gewaltakt mit einem Komedonenheber ausquetscht. Mit Worten, die wie Hohn klingen: Kind, wenn ich das nicht mache, dann hast du lebenslang Narben im Gesicht.
Aus dieser Haut möchte man raus! Sich neu erfinden. Alles, was bis dahin schön war wie etwa Teetrinken mit den Eltern, ist nun doof, langweilig und uncool. Weihnachten geht vielleicht so grade noch. Aber am 1 Weihnachtstag setzt man sich zu Freunden ab, chillen.
Man möchte plötzlich nicht mehr mit dem Hund gehen. Nicht, weil man es nicht eigentlich gerne täte, sondern weil man es sich nicht vorschreiben lassen will. Man will selbst bestimmen. Schließlich haben die Eltern auch nicht immer Recht. Denkt man.
Eine Situation, die nur mit nicht unerheblichem Fingerspitzengefühl gehandelt werden kann. Sonst kippt sie zur Seite ab und das Verhältnis ist auf lange Zeit angespannt oder gar ruiniert.
Wenn die Eltern jedoch in die Alterspubertät kommen, ist das beinahe noch brenzliger. Sie sind mit sich im Reinen. Haben ihr Leben gemeistert, ihre Pflichten und noch mehr erfüllt. Unendliche Male war man für die längst erwachsenen Kinder da, hat Finanzspritzen gegeben, wenn Not am Mann war.
Mit Engelsgeduld hat man ihnen zugehört, bei Problemen Rat gegeben. Mit überbordender Liebe hat man den Enkel geschockelt, bis er aufhörte zu schreien, seine Windeln gewechselt, ihn tagelang da gehabt. Hunderte von Legosteinen hat man auf der Erde hockend zu Monstern und Häusern zusammengedrückt, bis man seinen Rücken nicht mehr spürte und die Augen von selbst zufielen. Und man hat es dennoch  als Glück empfunden.
Plötzlich aber sagt man, dass man den zweiten Enkel nicht mehr so oft nehmen möchte und erntet ein entsetztes: Ja, liebt ihr ihn denn nicht? ----Doooch!
Plötzlich bekommt man Pickel. Nicht im Gesicht, mehr so in der unteren Körperhälfte, die man sich mit Todesverachtung ausquetscht. Da möchte man aus seiner Haut raus. Einfach mal frei sein. Frei von allem.
Alles, was mal schön war, empfindet man nun als anstrengend. Es wird einem zuviel. Weihnachten geht grade noch so. Obwohl man klar verkündet, dass es nicht wie in den letzten 45 Jahren eine Mokkacremetorte geben wird und kein Fünfgangmenue. Sondern Raclette. Da kann  sich jeder selbst bekochen.
Man sagt das nicht, weil man es nicht eigentlich gerne täte, sondern weil alles, was man tat, sich als selbstverständlich etabliert hat. Und weil man selbst bestimmen will. Über den Rest seines Lebens. Schließlich haben die erwachsenen Kinder auch nicht immer Recht. Denkt man.
Eine Situation, die nun äußerste Sensibilität erfordert. Die Kinder werden von der Pubertät ihrer Eltern kalt erwischt. Eiskalt. Seufzend und erschrocken hört man sie im Flur tuscheln: Die beiden sind echt komisch. Sind doch erst 65. Ich verstehe die nicht mehr…“

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (09.10.21)
Komedonenheber - nie gehört, gab's das vor dem Krieg?

 Graeculus meinte dazu am 09.10.21:
Komedonen = Mitesser (med.)

 Agnete antwortete darauf am 09.10.21:
tja Dieter, da hat dein Fremdwörterduden wohl wieder versagt... GGGGG von Agnete

 Agnete schrieb daraufhin am 09.10.21:
danke, Lothar für eine seltene Empfehlung. ich freu mich besonders darüber. LG von Agnete

 harzgebirgler (09.10.21)
die kinderkinder sagen das vielleicht
einst auch weil sich doch leben oftmals gleicht.

lg
harzgebirgler

 Agnete äußerte darauf am 09.10.21:
das war genau das, was ich sagen wollte, harzer, denn einen Alterspubertät gibt es ja eigentlich nicht. Doch gleicht es sich so, wie ich ja stiklistisch versucht habe, zu untermauern... Danke dir und lG von Agnete

 EkkehartMittelberg (09.10.21)
Originell und humorvoll.
LG
Ekki

 Agnete ergänzte dazu am 10.10.21:
ja, so sollte ess ein. Danke, Ekki. LG von Agnete

 niemand (09.10.21)
Agnete
Ich gönne mir mal meine Alterspubertät
Auf diesen Begriff muss man erst kommen, liebe Monika,
aber es passt und wie!
Mit pubertären Grüßen, Irene

 Agnete meinte dazu am 10.10.21:
ja, nä?! Freut mich, dass ich Nachanhmer finde... GGG und danke , liebe Irene, von Monika

 AchterZwerg (10.10.21)
Der Wunsch nach eigenem friedlichen Wohlleben stößt nicht überall auf Gegenliebe.
Inbesondere von Frauen wird erwartet, dass sie bis an ihr selig' Ende nichts Schöneres kennen, als ihre Eltern nach drüben zu pflegen, hernach den Ehemann und später regelmäßig die lieben Kleinen ihrer Kinder zu beaufsichtigen.

Sch..ß drauf!

 Agnete meinte dazu am 10.10.21:
nein, so böse meinte ich es nicht, 8 er. ich hab das alles hinter mir und hab es auch alles gerne gemacht. Sch drauf, dass ist nicht meine Attitude gewesen.
Es sollte mehr ein Augenzwinkern sein. Recht magst du dennoch haben.
LG und danke von Agnete

 niemand meinte dazu am 10.10.21:
Achter Zwerg hat recht bezüglich der Beanspruchung der Frauen.
Nicht nur im Alter, sondern bereits davor. Was meinst Du warum sich so manche Frau in die sogenannte Berufstätigkeit quasi flüchtet, und hier meine ich egal welcher Job, Hauptsache weg von den Lieben und deren täglichen Ansprüchen. So kann sie immer wieder "ich muss jetzt zur Arbeit" sagen, was sie von so manchem zumindest zeitlich entbindet. So rosig ist das nämlich nicht mit den Familien, da wird schon ganz schön gezerrt, bis jemand ausgezehrt durch die Gegend läuft. Anders als in der guten Werbewelt in welcher Mama, Papa, Klein-Tüddellitt, Opa und diverse anderen Verwandten von der ach so guten Oma verwöhnt werden, die ja keinerlei eigene Ansprüche erheben wird, sonst fliegt sie aus der Werbung

 Agnete meinte dazu am 10.10.21:
Natürlich ist das, pragmatisch betrachtet oft so, liebe Irene. Ich kenne es selbst auch. Da kommt man manchnmal an die Erschöpfungsgrenze. Mit Liebe jedoch kommt man durch und nachher ist man stolz.
Ob das jemand leisten möchte oder nicht, muss jeder selbst entscheiden.
LG von Monika
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